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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 334 | Antiziganismus Europa erfindet die Zigeuner

Europa erfindet die Zigeuner

Die dunkle Seite der Moderne

Zigeunerromantik und Diskriminierung von Roma und Sinti schließen sich bis heute nicht gegenseitig aus. Beides ist Ausdruck ein und desselben Ressentiments gegen die ausgesonderten Anderen. Die Bilder von den »Zigeunern« verraten eine Menge über Identitätsbildung, Überlegenheitsgefühle und eliminatorische Phantasien in Europa.

 

von Klaus-Michael Bogdal

 

Die Großen der europäischen Geistesgeschichte von Max Weber bis Norbert Elias haben Europa in immer neuen Anläufen als Geburtsstätte der Moderne beschrieben. Nicht als »Herz der Finsternis« wie die anderen Kontinente, sondern als Zentrum zivilisatorischen Fortschritts. Für meine Forschungen über die »Erfindung« der Zigeuner ist eine andere Ausgangsüberlegung leitend: Lassen sich wesentliche Einsichten über die Entwicklungen »langer Dauer« nicht von der anderen Seite her, der Betrachtung des Marginalisierten gewinnen?

Wenn wir die Romvölker wie bisher erst mit dem nationalsozialistischen Genozid in die europäische Geschichte eintreten lassen, wird eine einmalige sechshundertjährige Geschichte verdeckt. Allerdings haben die Romvölker, die über lange Zeiträume nomadisch lebten und über keine eigene Schriftkultur verfügen, so gut wie keine historischen Selbstzeugnisse überlassen. Die Überlieferungen und Dokumente erlauben es daher nicht, eine Geschichte der Romvölker zu schreiben, die sich beispielsweise mit jener der verfolgten und vertriebenen französischen Hugenotten vergleichen ließe.

Was uns vor allen Dingen in Gestalt der Literatur und Kunst zur Verfügung steht, sind die Grunderfahrungen der ständischen und bodenständigen europäischen Bevölkerung mit einer fremden, als bedrohlich empfundenen Lebensweise. Ihr können wir jedoch nur in den Geschichten und Bildern der Abwehr, das heißt in Form einer »Entstellung« habhaft werden. Untersucht wird also eine kulturelle Bemächtigung, die durch eine Abspaltung gekennzeichnet ist. Die kulturellen Fremdrepräsentationen der Romvölker – die unter den Namen Zigeuner, Gypsies, Tatern, Cigany, Çingeneler usw. zirkulieren – bilden demnach heterogene Einheiten »durchgestrichener« Identität und kultureller Zuschreibungen. Die Erfindung der Zigeuner stellt die Kehrseite der Selbsterschaffung des europäischen Kultursubjekts dar.

 

Verachtung und Faszination

Die Zigeuner nehmen von Anfang an eine einzigartige Position ein. Sie gehören zu denen, die nicht von Anfang an da waren, die man nicht erwartet hat und die deshalb wieder verschwinden müssen. Sie gelten als unheimlich, weil sie »überall lauern« und nach undurchschaubaren Regeln »kommen und gehen«. Daraus erwächst ein konstantes Moment der Wahrnehmung und Begegnung: die Ambivalenz von Verachtung und Faszination. Schon früh, auf der Schwelle zwischen Mittelalter und Neuzeit, entsteht ein Grundbestand an Stereotypen, Bildern, Motiven, Handlungsmustern und Legenden. Und immer wieder schlagen eliminatorische Imaginationen in eine eliminatorische politische Praxis um.

Landesverweise bedeuten ständige Verfolgung und Vertreibung. Sie verhindern jegliche Lebensplanung und bedeuten de facto eine Verkürzung der Lebenserwartung durch Armut, Unterernährung und gesundheitliche Schädigungen. Im 18. Jahrhundert versuchen einige Staaten wie Spanien und Österreich das Territorialprinzip durch Zwangsansiedlung durchzusetzen. Durch diese Maßnahme soll die nomadische Lebensweise unterbunden werden. Sie schließt zugleich die Annahme der katholischen Religion und die Aufgabe der eigenen Sprache, des Romanes, ein.

Als Gegenort zur »Heimat« verdichtet sich das Bild des Zigeunerlagers. Es reicht vom Räubernest im Wald über den »Kral« der südosteuropäischen Roma der Steppe und die Höhlenwohnungen der spanischen Gitanos bis zum in Auschwitz-Birkenau separat errichteten »Zigeunerlager«. Die Wohnstätte der Romvölker gilt weder als eine zu respektierende Privatsphäre noch als schützenswertes Kulturgut. Im Gegenteil brüstet man sich in zahlreichen literarischen Werken mit der Zerstörung als zivilisatorischem Akt.

Zu den wirksamsten Bildern zählt zweifellos in allen europäischen Kulturen die Figur der »schönen Zigeunerin«. Sie ist nicht, wie oft angenommen, den Imaginationen der europäischen Romantik und der viktorianischen englischen Literatur entsprungen, auch wenn die Semfiras, Esmeraldas und Carmens sich am nachhaltigsten dem kulturellen Gedächtnis eingeprägt haben. Schon Cervantes’ 1613 erschienene Novelle La gitanilla vermittelt die spätere »spanische« Kostümierung, die Gesangs- und Tanzkunst ebenso wie die Anmut ungebändigter, »wilder« Weiblichkeit.

Entscheidend ist in den Geschichten über die Begegnung mit ihnen etwas anderes: Weder wird ihnen eine familiäre Beziehung zu den männlichen Mitgliedern der Mehrheitsbevölkerung gestattet, noch geben sie auf Dauer ihre nomadische Lebensweise auf. Die narrativen Lebensentwürfe zielen in der Regel auf ihren frühen Tod. Entweder sterben sie durch die Hand ihrer eifersüchtigen Liebhaber oder sie vergehen in der Zivilisation, die sie als Gefangenschaft erleben. Wie in den exotistischen und orientalistischen Diskursen, mit denen es symptomatische Überschneidungen gibt, dient die »schöne Zigeunerin« vor allen Dingen als Objekt männlichen sexuellen Behrens. Auf sie werden nichtbürgerliches Rollenverhalten, »natürliche« Weiblichkeit, gefährliche Wildheit, die Bereitschaft zur Promiskuität und schließlich immer wieder pädophile Phantasien projiziert.

In August Strindbergs Erzählung Tschandala (1889) kommentiert der Protagonist die sexuelle Vereinigung mit einer jungen, kaum dem Kindesalter entwachsenen »Zigeunerin«: »Er hatte ein Tier umarmt, und nach der Umarmung hatte das Tier ihn geküsst wie eine Katze, und er hatte sich weggedreht, als fürchte er, seine Seele werde auf diesen Lippen einer Tierseele begegnen, als fürchte er, unreine Atemluft einzuatmen.« »Schöne Zigeunerinnen« befremden durch eine geheimnisvolle Unzugänglichkeit selbst in Augenblicken intimer Nähe und die Entrückung in eine andere verborgene, nicht-zivilisatorische Ordnung oder animalische Sphäre.

 

Soziale Devianz und Kriminalität

Die Verortung der Romvölker im Sozialgefüge der frühneuzeitlichen europäischen Gesellschaften gelingt unter einer folgenreichen Voraussetzung. Man muss ihnen absprechen, dass sie ein, wenn auch kleines, Volk bilden. Und sind sie kein Volk, dann vermag man sie den außerhalb und unterhalb der Ständeordnung befindlichen Massen der »Herrenlosen« zuordnen, die durch Gelegenheitsarbeiten, Betteln und Kriminalität zu überleben suchen. Degradiert zu einer Rotte, die im Armenheer der Vaganten, dem »zusammenlaufenden Pöbel« und »herrenlosen Gesindel« aufgeht, von denen die zeitgenössischen Quellen sprechen, verlieren sie die Sonderstellung einer ethnischen Gruppe. Ihre Lebensweise wird nun innerhalb des Diskurses über soziale Devianz und Kriminalität und damit im Kontext eines anderen Wissens als dem der Völkergenealogie und -typologie gedeutet. Eine breite Spur führt von der Konstruktion von »Gaunergesellschaften« und Bettlerorden im Liber Vagatorum über die »Gaunerlisten« und Steckbriefe des ausgehenden 18. Jahrhunderts, die sich auf das Räuber- und Bandenwesen beziehen, und die seelenkundlichen Verbrecherdossiers des frühen 19. Jahrhunderts bis zu den Degenerationstheorien und zur Kriminalbiologie um 1900.

In diesem Diskursraum werden anthropologische Merkmale und ethnische Eigenheiten zum Gesamtbild einer verbrecherischen und parasitären Gruppe umgedeutet, so dass sie schließlich als rechtlose Rechtsbrecher von Geburt an gelten. Für jedes Mitglied einer Romfamilie wird gewissermaßen ein Verbrechensprofil erstellt: für die alten Frauen ebenso wie für die Männer, die Frauen und sogar die Kinder. Neben dem Diebstahl und dem Betrug gehört der Kindesraub, das heißt der hinterhältige Eingriff in die Familiengenealogie der Mehrheitsbevölkerung, zu den notorischen Anschuldigungen bis heute.

 

Die Gewalt der Wissenschaft

Eher nebenbei fördern die aufklärerische Anthropologie und die historischen Sprachwissenschaften im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts neue Erkenntnisse über die Romvölker zu Tage, die die frühneuzeitlichen Spekulationen über Herkunft und Sprache wie eine Seifenblase zerplatzen lassen. Geradezu sensationell mutet die Entdeckung einer genuinen »Zigeunersprache« an, die dem Sanskrit zuzuordnen ist und damit eindeutig auf eine indische Herkunft hinweist. Mit sprachwissenschaftlichen Untersuchungsmethoden lassen sich anhand der Sprachstufen und der Aufnahme von Wörtern anderer Sprachen die Migrationswege nach Europa geographisch grob nachzeichnen. Das wissenschaftliche Werk, das diese Ergebnisse zusammenfasst, Heinrich Grellmanns »Historischer Versuch über die Lebensart und Verfassung, Sitten und Schicksahle dieses Volkes in Europa, nebst ihrem Ursprunge« (1783), stößt sofort in anderen europäischen Ländern auf breites Interesse.

Aus Sicht der aufgeklärten Anthropologie müsste den »Zigeunern« als indischen Abkömmlingen der »indo-germanischen« Völker- und Sprachfamilie in der Hierarchie der Völker ein höherer Rang zustehen als der einer rechtlosen Bande. Vor allem der Besitz einer über Jahrhunderte bewahrten eigenen Sprache stellt aus anthropologischer Perspektive ein erhebliches kulturelles Kapital dar. Für den kurzen Zeitraum weniger Jahrzehnte deutet sich in den wissenschaftlichen Diskussionen und in einzelnen Werken der Romantik die Möglichkeit einer »aufgeklärten« Wahrnehmung und Verortung der Romvölker an, die in den avanciertesten Varianten von vagen Gleichheitsvorstellungen begleitet wird.

Diese Tendenzen setzen sich jedoch historisch nicht durch. In den anthropologischen Konzepten der Zeit wird der Zivilisationsgrad eines Volkes nach seiner Fähigkeit zur dauerhaften Sicherung und Bewirtschaftung eines Territoriums, zur Schaffung einer institutionalisierten staatlichen Ordnung und der Höhe seiner (Schrift-)Kultur gemessen. Während in diesem Zeitraum etwa die Basken ihre »Identitätspolitik« durch die Schaffung einer eigenen Schriftsprache auf eine neue Ebene heben, existieren unter den Romvölkern keinerlei Bestrebungen in diese Richtung.

Die ebenfalls durch die Aufklärer angeregten wenigen, brachial durchgeführten Ansiedlungsprojekte, die eine »Anhebung« der Lebensweise der Romvölker auf das Niveau der europäischen Unterschichten und nicht eine gleichberechtigte Integration anstreben, scheitern aus unterschiedlichen Gründen. Zum Hauptgrund zählt der Versuch, die mündlich tradierte Sprache der »Zigeuner« auszulöschen, um auf diese Weise die Kommunikation mit den nomadisierenden Gruppen zu unterbinden. Aus der Sicht der philanthropischen Reformer bestehen die Romvölker die Zivilisationsprüfung nicht und erweisen sich ein weiteres Mal als kulturlos und entwicklungsunfähig. Danach setzt sich die Abwertung und Umdeutung des anthropologischen Wissens rasch durch.

Das gilt auch für die Sprache. Zwar sei sie den unsrigen verwandt, aber, wie es der deutsche Philologe und Schriftsteller Gustav Freytag formuliert, eben nur »eine verkommene Tochter des vornehmen Sanskrit«. Und in ihrer indischen Heimat hätten sie allenfalls zur untersten Kaste der Unreinen und Unberührbaren gehört. Erneut gelten sie als natio infamata, als ehrloses, verachtungswürdiges Volk, das auf eine Stufe mit den »Hottentotten«, »Papuanegern« und »Feuerländern« gestellt wird, die die Anthropologie besonders tief platziert hatte.

Im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts weichen Fremdheit und Unvertrautheit einem wachsenden Wissen über Herkunft, Gebräuche, Sitten und die Sprache der Romvölker. Dieses von Ungenauigkeiten befreite Wissen vergrößert jedoch den Abstand, anstatt ihn zu verringern. Er hebt das Anderssein hervor und versucht, es auf fundamentale zivilisatorische Differenzen zurückzuführen. Die zivilisatorische Entwicklung wird nun am Abstand zu den Romvölkern gemessen.

 

Verklärende Zigeunerromantik

Die Literatur der europäischen Romantik hat wie später die nachromantische Musik und Malerei zur Popularisierung des viel besungenen »lustigen Zigeunerlebens« beigetragen. Nikolaus Lenaus vielfach vertontes Gedicht »Die drei Zigeuner« (1838), dessen Protagonisten rauchend, schlafend und geigend in den Tag hinein leben, avancierte rasch zum Sinnbild ihrer Existenzweise. Die Romantiker haben die Ergebnisse der aufklärerischen Anthropologie und der historischen Sprachwissenschaft rezipiert und einige von ihnen sogar darum gerungen, sich das Romanes anzueignen, um den Objekten ihrer Sehnsüchte »auf freier Wildbahn« unbefangen begegnen und ihre Geheimnisse entschlüsseln zu können.

Motiviert durch ein eigenes Interesse an Archaik, an Volksmythologien, am Unheimlichen und Antibürgerlichen, haben sie in auffälliger Häufigkeit und großer Variationsbreite Zigeunerfiguren geschaffen. Zu den bekanntesten zählen Isabella von Ägypten in Achim von Arnims gleichnamiger Novelle (1812), Meg Merrilies in Walter Scotts Roman »Guy Mannering oder: Der Sternendeuter« (1815), Semfira in Alexander Puschkins Poem »Die Zigeuner« (1827), Esmeralda in Victor Hugos »Der Glöckner von Notre-Dame« (1831) und Prosper Mérimées »Carmen« (1845). Zu Beginn des 19. Jahrhunderts geht es um einen geheimnisvollen Raum, den die Zigeuner zu verbergen scheinen: eine unsichtbare Welt irgendwo draußen in der Natur oder im Inneren ihrer »schwarzen« Seelen – vielleicht auch um das verlorene Paradies der modernen Industriegesellschaft: eine Insel selbstbestimmten Lebens.

Es fällt nicht schwer, in dem Verhältnis von Realem und Imaginärem, Banalem und Wunderbarem und von Hässlichem und Schönem eine Affinität zum künstlerischen Selbstverständnis romantischer Dichter zu sehen. In der Mitte des 19. Jahrhunderts werden sich jene Künstler, die sich mit dem Zigeunerleben oder dem, was sie dafür halten, identifizieren, La Bohème oder Bohemiens nennen. Für ihre idealisierende, verklärende Darstellung setzt sich schon bald der Begriff Zigeunerromantik durch. Die romantischen Schriftsteller nehmen ihre Zigeuner nicht mit in die moderne Gegenwart industrialisierter Nationalstaaten, sondern lassen sie in einer vormodernen Kulisse zurück wie Walter Scotts Figur Meg Merrilies in den Ruinen einer alten schottischen Burganlage.

Künstlerisch scheint dieser Widerspruch produktiv gewesen zu sein, denn die Romantik bewirkt den größten Schub der Ästhetisierung und Medialisierung der Zigeuner. Sie liefert in nahezu allen europäischen Kulturen eine Unzahl von Geschichten und Bildern einer archaischen, freien und manchmal gefährlichen und bedrohlichen Gruppe an den Rändern der modernen Disziplinargesellschaft. Zigeuner werden im Verlauf des 19. Jahrhunderts zu einem Gegenstand der Unterhaltung. Sie werden so inflationär »in Gebrauch genommen« und abgenutzt, dass die Trivialisierung der Bilder und Geschichten nicht ausbleibt. Begreift man diese Werke als Medien, so kommunizieren sie nicht das geringste Wissen über Romvölker, sondern immer etwas anderes. Zum Beispiel ist die Zigeunerromantik häufig ein Medium der Kommunikation über weibliche Erotik und Sexualität, über die man sonst nur in Andeutung reden darf oder schweigen muss.

Die Medialisierung befreit die Kunstwerke allerdings von aktuellen diskriminierenden Zuschreibungen. Erfolgreiche Stilisierung und Typisierung sind wichtiger als der Realitätsgehalt. Auf der einen Seite entstehen in diesem Zusammenhang wenige eigensinnige Darstellungen von hohem ästhetischem Anspruch, auf der anderen Seite beherrscht eine banale pseudofolkloristische Zigeunerromantik mit dem ungarischen Geiger als männlicher und der andalusischen Flamencotänzerin als weiblicher Ikone bald das Feld. Die ständige Wiederholung produziert Erwartbares und erzeugt eine semantische Leere. Triviale Zigeunerromantik überschreibt die Lebenswirklichkeit der Romvölker bis zur Unkenntlichkeit. Nimmt man die Realität als Bezugspunkt, kann man die Zigeunerromantik als Ausdruck der Missachtung der Romvölker mit künstlerischen Mitteln betrachten.

 

Enteuropäisierung der Anderen

Für die im 19. Jahrhundert aufblühende europäische Ethnologie stellen die Romvölker ein aufschlussreiches Untersuchungsobjekt dar. Eine nicht-literale Gemeinschaft, die sich den Modernisierungen erfolgreich widersetzt, erlaubt die Erprobung ethnographischer Methoden in unmittelbarer räumlicher Nähe. Die Aktivitäten der Amateurforscher und akademischen Wissenschaftler sind beträchtlich. Ein Verbund von »Zigeunerfreunden« in Europa entsteht, ein reger Austausch findet über Zeitschriften und Korrespondenzen statt. Den Höhepunkt bildet die Gründung einer Gesellschaft zur Erforschung der Lebensweise der Zigeuner, der englischen Gypsy Lore Society, die – bis heute – ein eigenes Jahrbuch herausgibt.

Ethnologen dokumentieren systematisch Zeugnisse materieller Kultur und zeichnen mündliche Erzähltraditionen wie Witze, Märchen und Sagen auf. In dieses Umfeld gehört die viel diskutierte Studie von Franz Liszt über Zigeunermusik und Zigeunervirtuosen. Die Reiseliteratur, in der das gesammelte Material literarisch ausgearbeitet wird, nimmt deutlich zu. Auch die Anzahl ethnographischer Fotografien steigt an. Die Ethnologie des 19. Jahrhunderts stuft den »Wert« der einzelnen Völker nach dem Grad ihrer sozialen Organisation ein: in aufsteigender Linie von der Familie über die Horde und den Stamm bis zu Volk, Nation und Staat. Im Übergang von der anthropologischen zur ethnologischen Betrachtung fallen die Romvölker von der Stufe »Volk« auf die niedrigere Stufe eines »Stamms« herab. Sie erscheinen nun als eine tribalistische Gesellschaft, nicht mehr als ein vormodernes, sondern als ein vorzivilisatorisches Naturvolk, das mit nordamerikanischen »Indianern« und Afrikanern verglichen wird. Die ethnologischen Beschreibungen legen sie wie die Anthropologie auf den Status elementarer, stationärer, das heißt entwicklungsunfähiger Gesellschaften fest, deren parasitäre Existenz die »Wirtsvölker« bedrohe.

Das ethnographische Wissen nimmt den Romvölkern einen Teil ihrer Fremdheit, selbst wenn es unzureichend und unzutreffend ist. Die Distanz zu ihnen wird damit nicht verringert, denn der entscheidende Maßstab, der eigene, höher gewertete Zivilisationsgrad bleibt bestehen. Abschätzige Beurteilungen wie die folgende sind gängig und weit verbreitet: »Der Zigeuner besitzt ohne Zweifel einen hohen Grad natürlicher Verständigkeit und Gewandtheit; daher stammt seine Findigkeit und die List, mit welcher er seine Zwecke zu erreichen sucht. [...] Ehrlichkeit gilt eben nicht als die Glanzseite dieses Volkes, das man seit seinem ersten Auftreten als lügenhaft und diebisch bezeichnet. [...] Freilich verräth er dabei zuweilen auch kindliche Naivität oder sucht durch Frechheit und Unverschämtheit zu imponieren. Überhaupt besitzt dieses Volk eine große Dosis von Hochmuth und Selbstüberschätzung.« (J.H. Schwicker: Die Zigeuner in Ungarn und Siebenbürgen. 1883).

Je mehr sich die Ethnographie elementaren Verrichtungen wie der Körperhygiene, den Heilverfahren und den Essgewohnheiten nähert, desto größer wird der Abstand zur eigenen Kultur. Diese Verrichtungen bilden das eigentliche Erprobungsfeld basaler ethnischer Fremdheitskonstruktionen. Mit den Zigeunern schafft die Ethnographie an der Peripherie der europäischen Hochkultur Randvölker, die sich mit dem zufrieden geben müssen, was die »Kulturvölker« ihnen überlassen. Noch sind dies nicht die Müllhalden, verseuchten Industriebrachen oder die nutzlosen Flächen unter Autobahnbrücken wie heute überall in Europa, sondern die unerschlossenen ländlichen Randgebiete, in die sie verdrängt werden sollen. Diese Phase der Wahrnehmung und Verortung möchte ich als zweite Enteuropäisierung – nach der ersten in der aufgeklärten Anthropologie – bezeichnen. Körper, Denken und Handeln der Romvölker werden hier so präsentiert, dass ihr Anderssein erneut eine fremde, bedrohliche Gestalt annimmt, für die es innerhalb Europas keinen Raum zum Leben geben darf. Die ethnische Säuberung findet vorerst auf dem Papier statt.

 

Rassismus und Biopolitik

Mit den Rassentheorien verschwinden keineswegs die etablierten Vorstellungen über Zigeuner aus beinahe sechshundert Jahren aus dem Gedächtnis. Aber sie erfahren eine Neuordnung und Verschärfung bisheriger Entwertung und Verachtung. Diese Veränderungen vollziehen sich nicht in allen europäischen Ländern gleichermaßen. Ihr Zentrum ist unzweifelhaft Deutschland. Es gibt jedoch kaum ein westeuropäisches Land, das die polizeiliche und behördliche Verfolgung vor dem Hintergrund der neuen, biologisch argumentierenden Verbrechenstheorien nicht deutlich verschärfen würde.

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts rückt das Bild einer kriminellen Bande von Betrügern, Dieben und Kinderräubern wieder stärker in den Vordergrund. Zigeuner gelten aus kriminalwissenschaftlicher Sicht als »geborene« Verbrecher, die ihre kriminellen Eigenschaften vererben. Als Ethnie insgesamt, nicht als einzelner Familienverband, werden sie zu den »Asozialen«, den »Gemeinschaftsunfähigen« und »Arbeitsscheuen« mit pathologischem Wandertrieb gezählt. Beide Sichtweisen werden während der Naziherrschaft miteinander verbunden und planmäßig zur Rechtfertigung der Massenvernichtung der Romvölker verbreitet. Es ist also nicht das Wissen über die Zigeuner, das bestimmte staatliche Gewaltmaßnahmen erforderlich erscheinen lässt, sondern umgekehrt ist nach 1933 die Macht vorhanden, ein bestimmtes Wissen in allen gesellschaftlichen und staatlichen Bereichen weitgehend durchzusetzen. Auch in anderen europäischen Ländern und in den USA gewinnen seit dem Ausgang des 19. Jahrhunderts rassebiologisch argumentierende Verbrechens- und Sozialtheorien an Einfluss.

Im Zuge dieses Prozesses rigider Überwachung, Verfolgung und Ausgrenzung, zu dem die Faszination an der Ursprünglichkeit und Natürlichkeit kein dauerhaftes Gegengewicht bildet, darf jedoch nicht unterschätzt werden, dass erst der Rassismus mit seinem wissenschaftlichen Selbstverständnis und seine gewöhnlichen Verbreiter die eliminatorischen Phantasien in systematisches biopolitisches Handeln umsetzen. Dabei erlangt die alte Vorstellung, dass die Zigeuner Nicht-Europäer sind, wieder einen zentralen Stellenwert, obwohl sie nach einem halben Jahrtausend kontinuierlichen Aufenthalts keine Plausibilität mehr beanspruchen kann.

Die Geschichte der Romvölker im 20. Jahrhundert nimmt in Zentral- und Osteuropa die Gestalt unentrinnbaren Leidens an. Die Mehrzahl der Werke der Literatur hat sie in den Jahrzehnten vor dem Holocaust geschwätzig als Bedrohung erscheinen lassen: als eine Bedrohung der Familien, denen sie die Kinder rauben, des Eigentums, das sie stehlen, der Männer, die sie verderben und der Zivilisation, zu der sie unfähig sind. In der geschichtlichen Realität steht am Ende dieser Repräsentationen im Imaginären der Genozid.

 

 

Klaus-Michael Bogdal ist Professor für Germanistische Literaturwissenschaft an der Universität Bielefeld. Sein Buch »Europa erfindet die Zigeuner. Eine Geschichte von Faszination und Verachtung« (Suhrkamp 2011) gilt bereits als Standardwerk. Der Beitrag beruht auf einem Artikel für das Internetmagazin Eurozine, dem wir für die Abdruckgenehmigung danken.

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