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Politik im Schatten

Mats Utas: African Conflicts and Informal Power. Big Men and Networks. Zed Books, London 2012. 255 Seiten, 29 Euro.

Seit Ende der 1990er Jahre ist in Politikwissenschaft und internationaler Diplomatie die Rede von den »Neuen Kriegen«, wenn es um bewaffnete Konflikte vor allem auf dem afrikanischen Kontinent geht. Nach Mary Kaldors einflussreichem Buch »New and Old Wars. Organized Violence in a Global Era« von 1999 gerieten neue Wege der Finanzierung von Kriegen niedriger Intensität, die Guerilla-Taktik der Beteiligten und die zunehmende Bedeutung von Identitäten in den Blickpunkt der Forschung.

Ein zentrales Dilemma der These vom Neuen Krieg bleibt jedoch, dass es ausgesprochen schwierig ist, Strukturen und AkteurInnen angemessen zu beschreiben. Die von Mats Utas herausgegebene Monographie African Conflicts and Informal Power knüpft an die innovativen Arbeiten beispielsweise von William Reno oder Carolyn Nordstrom zum Thema an und widmet sich informellen Netzwerken und ihren Knotenpunkten in afrikanischen Konflikten.

In fünf Länderstudien und ebenso vielen thematischen Fallstudien befassen sich ausgewiesene ExpertInnen mit den Charakteristika und Funktionsweisen von Netzwerken, die dort, wo staatliche Institutionen fehlen oder dysfunktional sind, unterschiedliche Aufgaben in Konflikten übernehmen. Im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen dabei Big Men, also Akteure, die es schaffen, durch die Loyalität einer mehr oder weniger großen Gefolgschaft im Tausch gegen Schutz und materielle Zuwendungen einen herausgehobenen sozialen, wirtschaftlichen und politischen Status zu erlangen.

Die interdisziplinären Studien eint eine starke Fokussierung auf das Lokale, ohne globale Verbindungen aus den Augen zu verlieren. In den Beiträgen unter anderem zu Sierra Leone, Liberia, DR Kongo, Guinea-Bissau oder Côte d’Ivoire beschreiben die AutorInnen sehr konkret ausgewählte Netzwerke und das Wirken der »starken Männer« in ihnen. Dabei wird klar, dass scharfe Trennlinien zwischen dem Offiziellen und dem Informellen und zwischen Politik und Kriminalität so nicht existieren, sondern dass diese Bereiche intensiv verflochten sind.

Entsprechend beschreibt Henrik Vigh, Professor für Anthropologie an der Uni Kopenhagen, den Kokainhandel zwischen Südamerika, Guinea-Bissau in Westafrika und Europa. Seine These: Nicht das Narco-Business habe Bissau zu einem bestenfalls nominellen Staat gemacht, sondern die Koka-Kartelle suchten sich das Land vor allem wegen seiner fehlenden Staatlichkeit aus, da dies ihnen alle Freiheiten zur Etablierung ihres Geschäfts bot.

Maya Christensen dokumentiert in ihrem Beitrag den Aufstieg des Putschisten Tom Nyuma in Sierra Leone vom informellen Big Man eines militärischen Netzwerkes in die offizielle Politik. Nyuma gelang es, in einem entlegenen Distrikt des Landes zum Vorsitzenden des District Councils aufzusteigen und seine Gefolgsleute als Sicherheitsdienst und Steuereintreiber einzusetzen. Nyuma ist nur ein Beispiel, wie Netzwerke aus Kriegszeiten vor allem in Zeiten von Wahlen von ihren ehemaligen Kommandeuren aktiviert werden, um diesem oder jenem Politiker zu Diensten zu sein.

Utas Publikation trägt viel zum Verständnis afrikanischer Konflikte bei. Außerdem erklärt sie, warum internationale Interventionen der UN oder der globalen Hilfsindustrie, die auf den Aufbau eines Staates nach europäischem oder nordamerikanischem Vorbild zielen, zum Scheitern verurteilt sind, wenn sie die Strukturen und AkteurInnen im Schatten formeller Staatlichkeit nicht zur Kenntnis nehmen. An diesem Buch kommt niemand vorbei, der sich mit den Kriegen in Afrika beschäftigt.

von Ruben Eberlein

334 | Antiziganismus
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