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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 334 | Antiziganismus Editorial zum Themenschwerpunkt

Editorial zum Themenschwerpunkt

Die Aktualität des Antiziganismus

Selten haben wir bei einem Themenschwerpunkt so intensiv über das Titelbild nachgedacht und debattiert wie bei dieser Ausgabe. Fast alle BetrachterInnen fühlten sich auf Anhieb bei dem Motiv zu sehr an ein Konzentrationslager erinnert, was aus verschiedenen Gründen großes Unbehagen auslöste. Die Assoziation ist in der Tat sehr stark und vom Künstler auch intendiert. Das Gemälde zeigt indes bei näherem Hinsehen kein nationalsozialistisches Vernichtungslager, sondern eine heutige Elendssiedlung irgendwo in Europa.

Gemalt hat es Gabi Jimenez, ein in Frankreich lebender Roma-Künstler. Seine ausdrucksstarken Bilder erzählen in Reihen wie »Discrimination« oder »Porraimos/Genocide« von einem tief sitzenden, existenziellen Trauma: Von der Ermordung einer halben Million Roma und Sinti in Vernichtungslagern. Sie handeln von der kaltschnäuzigen Ignoranz der Mehrheitsgesellschaft, dieses Trauma auch nur zur Kenntnis zu nehmen – geschweige denn ernsthaft Entschädigung zu leisten. Und sie handeln von der Kontinuität der Diskriminierung bis in die heutige Zeit.

Das Titelbild ist ergreifend, regelrecht erschütternd. Es ist todtraurig und doch würdevoll. Je länger man es betrachtet, desto mehr nimmt es mit. Als Angehörige/r der Mehrheitsgesellschaft versteht man dann vielleicht ein klein wenig besser, warum Zoni Weisz, ein niederländischer Sinto und Überlebender des Holocaust, im Oktober bei der Einweihung des Berliner Denkmals für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma Europas sagte: »Nichts, fast nichts hat die Gesellschaft daraus gelernt, sonst würde man jetzt auf andere Art und Weise mit uns umgehen«.

Insofern ist das Bild nicht historisch, es führt vielmehr zum Kern dessen, was den Antiziganismus bis heute ausmacht: Die Verachtung einer als »Zigeuner« diffamierten Gruppe, die bis heute dafür sorgt, dass Roma und Sinti im Wortsinne ausgegrenzt werden.

Die beklemmende Aktualität des Antiziganismus geht auch aus dem Ende Oktober veröffentlichten Bericht des UN-Menschenrechtsausschusses hervor. Der Ausschuss beklagte ausdrücklich die anhaltende Diskriminierung von Sinti und Roma in der Bundesrepublik. Deutschland müsse Sinti und Roma den Zugang zu Bildung, Wohnraum, Arbeitsplätzen und zum Gesundheitswesen erleichtern. Antiziganismus äußert sich jedoch nicht nur in Marginalisierung, sondern europaweit wieder immer öfter in offener Gewalt. Die Tickermeldungen am oberen Seitenrand dieses Themenschwerpunktes dokumentieren exemplarisch die alltäglichen Übergriffe gegen Roma. Die Meldungen sind entnommen aus dem Antiziganismus-Watchblog http://antizig.blogsport.de

Trotz seiner offenkundigen Virulenz wurde Antiziganismus weder im gesellschaftlichen Mainstream noch in der Linken als relevantes gesellschaftliches Problem aufgefasst. Bestenfalls war er ein Nischenthema für einige wenige spezialisierte WissenschaftlerInnen. Roma-AktivistInnen standen jahrzehntelang weitgehend allein mit ihren Forderungen. Unterstützung gab es nur durch andere Opfergruppen, insbesondere der jüdischen. Das hat sich in den letzten Jahren etwas geändert: Die Aufmerksamkeit für Diskriminierungen ist gestiegen, in einigen Städten gibt es Initiativen zur Verhinderung von Abschiebungen. Nicht zuletzt ist auch dieser Themenschwerpunkt ein Ergebnis dieser Entwicklung: Nachdem die iz3w jahrzehntelang geschwiegen hat zum antiziganistischen Rassismus, müssen wir selbstkritisch zugestehen, dass die Befassung damit überfällig war.

Dieser Themenschwerpunkt ist keiner über Roma, Sinti, Jenische oder Travellers. Es geht nicht darum, wie »sie« leben, wie sie »wirklich« sind. Ohnehin gibt es nicht »die« Roma und »die« Sinti, mit diesen Bezeichnungen werden sozial, politisch und kulturell heterogene Gruppen zusammengefasst. Der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma wird nicht müde zu betonen, dass viele Roma und Sinti ein völlig »normales« Leben führen und sie nicht ständig auf ihre Zugehörigkeit zu einer ‚Problembevölkerung’ reduziert werden möchten. Über Fragen von Identität und zum Umgang mit Diskriminierung gibt es unter Roma und Sinti durchaus Kontroversen. All das ist hier aber ausdrücklich nicht Thema.

Der Themenschwerpunkt handelt vielmehr von der Mehrheitsgesellschaft, genauer gesagt: Vom Ressentiment der Mehrheit gegenüber einer Minderheit. (Ob die Minderheit erst durch Fremdzuschreibungen zur Minderheit gemacht wird, oder ob sie sich auch selbst eine Identität als Minderheit zuschreibt, ist dabei nicht entscheidend.)

Anders gesagt: In diesem Themenschwerpunkt erfahren wir etwas über »uns«, nicht über »sie«. Es ist ein erschreckender Blick in den Spiegel. Und so gesehen ermöglicht auch das Titelmotiv einen abgrundtiefen Blick in die Verfasstheit der heutigen Mehrheitsgesellschaft.

 

die redaktion

 

P.S.: Wir bedanken uns herzlich bei Gabi Jimenez und allen anderen KünstlerInnen, die uns ihre Motive für die Bebilderung dieses Themenschwerpunktes zu Verfügung stellten.

334 | Antiziganismus
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