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Diaspora in Deutschland

Kien Nghi Ha (Hg.): Asiatische Deutsche. Vietnamesische Diaspora and Beyond. Assoziation A, Berlin/Hamburg 2012. 344 Seiten, 18 Euro.

Hamburg, 22. August 1980: Ngoc Nguyen und Anh Lân Dô sterben durch einen Brandanschlag der Deutschen Aktionsgruppe um den Rechtsextremisten Manfred Roeder auf ein Hamburger Flüchtlingsheim. Sie gelten heute als die ersten Mordopfer mit einem rassistischen Tathintergrund seit 1945. Sie sind nur zwei der unsichtbaren Opfer einer marginalisierten Geschichte in Deutschland.

Vor diesem Hintergrund und im Gedenken an das anti-vietnamesische Pogrom in Rostock-Lichtenhagen vor zwanzig Jahren entfaltet Kien Nghi Ha seine Einleitung zum Sammelband Asiatische Deutsche – Vietnamesische Diaspora and Beyond. Ha benennt die rassistische Gewalt in Deutschland, betont aber auch, dass die Gesellschaft »nicht statisch ist und die soziale Entwicklung der Realität voranschreitet«. Deshalb stehen in diesem Buch am Beispiel der vietnamesischen Migration in Deutschland die transnationalen Bewegungen im Vordergrund.

Während die deutsche Migrationsforschung Einwanderungsprozesse vor allem aus der Perspektive des Nationalstaates betrachtet, rücken Ha und die rund zwanzig weiteren AutorInnen diasporische Ansätze rund um migrantische Subjekte, Communities und Netzwerke ins Zentrum. Das ist gut so, denn es führt zu einem Perspektivwechsel, zu Pluralisierung und De-Nationalisierung. Diasporische Ansätze machen die Vorstellung von Heimat und Fremdsein, von Norm und Abweichung brüchig und verändern somit das Selbstverständnis der Gesellschaft grundlegend – jenseits von Diskussionen um Multikulti oder ideologischen Kampfbegriffen wie »Deutschenfeindlichkeit«.

Auch formal ist dieser Sammelband anders. Er spielt mit unterschiedlichen Text- und Bildformaten, empirische Untersuchungen reihen sich an Fotointerviews, Gespräche und Reportagen. Gleich zu Beginn steht Trinh T. Minh-Has »Akustische Reise« durch die Migrationsgeschichte des 20. Jahrhunderts: »An den Grenzen zu leben heißt, sich dauernd auf einem schmalen Grat zu bewegen, einen Standpunkt entweder einzunehmen oder zu verlassen.« Die Autorin beschreibt dieses Dazwischen meisterlich anhand verschiedener literarischer Zugänge. Identität, Rückkehr, Ankunft und Herkunft werden dabei hinterfragt.

»Asiatische Deutsche« ist ein weit gefasster Begriff, er verweist auf Einschlüsse und Ausschlüsse. Heutzutage ist der Begriff der Diaspora en vogue, denn er beschreibt die Zerstreuung von MigrantInnen fern der Heimat. Aber Diaspora ist mehr, sie lokalisiert Erfahrungen von Ausschluss, Identifikation, Zugehörigkeit und Exklusivität neu. Die AutorInnen dieses Sammelbandes verstehen es, Diasporen im Spannungsfeld zwischen Nationalismus und transnationalen Bezügen zu beschreiben – theoretisch fundiert und praktisch verortet.

von Rosaly Magg

334 | Antiziganismus
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