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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 335 | Wissenschaft global Daniel Josten: «Die Grenzen kann man sowieso nicht schließen«

Daniel Josten: «Die Grenzen kann man sowieso nicht schließen«

Migrantische Selbstorganisation – zivilgesellschaftliches Engagement zwischen Ausschluss und Partizipation. Westfälisches Dampfboot, Münster 2012. 232 Seiten, 27,90 Euro

»Weil man über uns spricht«

Die Bedeutung von MigrantInnenorganisationen wird in öffentlichen Debatten und wissenschaftlichen Studien zunehmend diskutiert. Zumeist wird aber lediglich gefragt, ob diese Organisationen zur »Integration« beitragen oder eben diese verhindern. Die Perspektive derjenigen, die als MigrantInnen gesehen werden, wird dabei regelmäßig ausgeblendet.

Mit dem auf seiner Dissertation basierenden Buch Die Grenzen kann man sowieso nicht schließen will Daniel Josten sich diesen Perspektiven widmen. Um die Möglichkeiten und Probleme migrantischer Selbstorganisation im urbanen Raum zu erfassen, untersucht er »Formen der zivilgesellschaftlichen Beteiligung von MigrantInnen in Köln«. Hierzu nimmt er verschiedene Selbstbeschreibungen in den Blick, wobei er versucht, die herrschende Kategorisierung von MigrantInnen nicht zu reproduzieren.

Die drei ausgewählten Fallbeispiele zeigen die Vielfalt migrantischer Selbstorganisation. Die »Föderation demokratischer Arbeitervereine« (DIDF) versteht sich als Organisation, die sich für die Interessen von »türkeistämmigen Migrant/innen« und Lohnabhängigen einsetzt. DIDF versucht dabei politische Bündnisse mit anderen Gruppen einzugehen, aber selbst möglichst unabhängig zu bleiben. Die als zweites Fallbeispiel untersuchte Selbsthilfeorganisation »PHOENIX-Köln«, die insbesondere von MigrantInnen aus Ländern der ehemaligen UdSSR gegründet wurde, arbeitet dagegen auch eng mit staatlichen Stellen zusammen. So wird in Kooperation mit dem Kölner Jobcenter eine eigene »JobBörse« betrieben. Schließlich geht Josten auch auf das zivilgesellschaftliche Engagement von illegalisierten MigrantInnen ein, wobei dieses dritte Fallbeispiel eher den Vergleich der ersten beiden ergänzt. Während DIDF die Bedeutung politischer Beteiligung betone und die gesellschaftlichen Verhältnisse verändern wolle, so Josten in seinem Resümee, ziele PHOENIX vor allem darauf ab, die in diesen Verhältnissen bereits bestehenden Möglichkeiten optimal zu nutzen. Die »Illegalisierten« würden letzteres auch versuchen, wobei sie gezwungen seien, dies möglichst unauffällig zu tun.

Neben der qualitativen Dokumentenanalyse sind elf ExpertInneninterviews der Kern der Forschungsarbeit. Durch sie werden die vielfältigen Positionen innerhalb der untersuchten migrantischen Organisationen deutlich. Gemeinsam ist ihnen, dass sie Stellvertreterpolitik ablehnen und sich dagegen wehren, auf Objekte der Politik reduziert zu werden. »Weil man über uns spricht«, sei eine politische Selbstorganisation von Menschen, die in Deutschland als MigrantInnen gesehen und diskriminiert werden, notwendig, erklärt eine Akteurin des DIDF.

Um Engagement jenseits staatlicher Partizipationsangebote in den Blick zu bekommen, bietet das Konzept der Zivilgesellschaft eine umfassende Perspektive. Durch die systemtheoretische Ausrichtung und den Rückgriff auf deliberative Demokratieansätze werden aber die Machtmechanismen und Konflikte, von denen auch die Zivilgesellschaft durchzogen ist, nicht ausreichend beachtet. Hier könnte mit Antonio Gramsci »Zivilgesellschaft« nicht als unabhängig, sondern im Zusammenhang eines »integralen Staates« verstanden werden. Die Kritik am nationalistischen Diskurs der Integration, in dem Migration als Problem konstruiert wird, kommt in Jostens Buch dennoch nicht zu kurz.

Insgesamt leistet der Autor einen wichtigen Beitrag, um die Perspektive der Migration im sozialwissenschaftlichen Diskurs gegenüber dem Integrationsimperativ zu stärken. Insbesondere die Interviews machen das Buch über die Sozialwissenschaften hinaus für diejenigen interessant, die sich gegen die Entrechtung von MigrantInnen engagieren.

von Helge Schwiertz

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