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Falschmünzerei statt Wertkritik

Zwei Bücher des Anthropologen und bekennenden Anarchisten David Graeber zur Finanzkrise wurden im vergangenen Jahr bis weit ins bürgerliche Feuilleton hinein begeistert aufgenommen: Zum einen Schulden, in dem Graeber seine Lesart der 5.000-jährigen Geschichte von schuldenbasierten Ökonomien aufzeichnet. Zum anderen Inside Occupy, das die US-amerikanischen Anfänge und Hintergründe der Occupy-Bewegung behandelt. Gerhard Hanloser würdigte »Inside Occupy« in iz3w 333 positiv; als »Intellektueller mit Bewegungserfahrung« zeichne Graeber eine »verborgene Geschichte der Demokratie« nach. Autor Peter Bierl hingegen kann Graeber in seinem Debattenbeitrag nicht viel abgewinnen. Für ihn gelte, was Marx bereits den Frühsozialisten entgegen hielt: »Sie wollen alle die Konkurrenz ohne die unheilvollen Folgen der Konkurrenz.«

Die Occupy-Bewegung und die Bewegung der Indignados in Spanien weckten weltweit große Hoffnungen auf eine neue Welle des Protests und Widerstands. Anstelle des Gipfelhoppings, wie es die Elite der GlobalisierungskritikerInnen bis heute zelebriert, griffen spanische »Empörte« wie auch Occupy-AktivistInnen in den USA in Alltagskämpfe um Wohnraum, Bildung und medizinische Versorgung, für die Rechte von Flüchtlingen und Gewerkschaften ein. Das sind durchaus erfreuliche Aspekte. Umso kritikwürdiger sind die theoretischen Grundlagen, insbesondere der Ansatz von David Graeber, der als Mastermind von Occupy gefeiert wird.

Der schlechte Kapitalismus ließe sich in eine gute Marktwirtschaft verwandeln, würden nur Staat und Zins abgeschafft, suggeriert Graeber. Er knüpft damit an eine argumentative Traditionslinie an, die sich auf den Früh-Anarchisten Pierre-Joseph Proudhon (1809-1865) und den Zinstheoretiker Silvio Gesell (1862-1930) bezieht. Letzterer wollte mit Hilfe von so genanntem Schwundgeld den Zins abschaffen. Eine staatsfreie Marktwirtschaft, wie sie Graeber in seinem Schulden-Buch preist, liefe darauf hinaus, der kapitalistischen Dynamik samt ihrem immanenten Sozialdarwinismus nicht einmal mit bescheidensten Regulierungsversuchen zu begegnen. Gesell, der Rassenhygieniker und Ahnherr von Tauschringen und Regionalgeld, nannte das treffend »Manchesterkapitalismus«.

 

Vorwärts in die Regression

Wie viele Linke und GlobalisierungskritikerInnen pflegt Occupy einen regressiven Antikapitalismus. Dass die Akkumulation von Kapital der einzige Zweck und Selbstzweck der real existierenden Wirtschaftsform ist, auch wenn alles in Scherben fällt, begreifen viele Occupy-AktivistInnen nicht. Ebenso wenig, dass der produktive Sektor ohne ein umfangreiches Kreditsystem, die Finanzsphäre, nicht existieren kann und an den Börsen letztlich immer Ansprüche auf Profite gehandelt werden, die im produktiven Sektor erwirtschaftet werden sollen. Regelmäßige kleinere und größere Wirtschaftskrisen samt allerlei spekulativen Blasen gehören zum System und für Millionen von Menschen ist der Kapitalismus auch in Aufschwungphasen eine einzige Katastrophe.

Dagegen unterstellen Occupy-AktivistInnen, Finanzkapital und »Realwirtschaft« seien Paralleluniversen. Gierige Banker und skrupellose Börsianer wären für alle Übel verantwortlich, sie würden die Welt beherrschen,

die Nationalstaaten entmachten und die »Realwirtschaft« ruinieren. Der Schweizer Soziologe Jean Ziegler etwa behauptet, das spekulative Kapital dominiere, es sei eine »virtuelle Ökonomie« entstanden, »die mit wertschöpfenden, tatsächlichen Wirtschaftsabläufen nichts mehr zu tun hat«. Das Ergebnis: »Wir leben in einer Welt des Schreckens, gemacht und beherrscht von einer Horde wild wütender Spekulanten.« In der Erklärung des ersten Weltsozialforums 2001 heißt es: »Die Finanzmärkte (...) unterwerfen die nationalen Ökonomien den Winkelzügen der Spekulation.« Man wende sich »gegen die Vorherrschaft der Finanzmächte«.

Diese Sichtweise findet sich seit Ausbruch der aktuellen Wirtschaftskrise 2008 auch in den bürgerlichen Medien und entspricht einem verbreiteten Unbehagen in der Bevölkerung. Selbstverständlich sind nicht alle VertreterInnen solcher Ideen rechts, aber alle diese Vorstellungen sind anschlussfähig an rechte Positionen. Die Nazis prägten dafür einst die Parole vom »schaffenden« gegen das »raffende« Kapital und identifizierten letzteres als jüdisch.

Praktisch drückt sich das Unverständnis der Occupy-Bewegung darin aus, dass wichtige Camps an der Wall Street oder im Frankfurter Bankenviertel stattfanden. Eine Arbeitsgruppe von Occupy Wall Street sinnierte über eine neue »demokratische Bank« mit zinsfreiem Geld – als gäbe es keine fast zweihundertjährige Geschichte der Pleiten mit Tausch- und Arbeits-, Gewerkschafts- und Alternativbanken. Damit knüpft Occupy, dessen Basis junge, verunsicherte AkademikerInnen aus der Mittelschicht sind, an allerlei Vorschläge aus dem alternativ-globalisierungskritischen Spektrum an. Dort wird eine idealisierte Marktwirtschaft konstruiert, in der es umweltfreundlich und fair zugeht.

Das Spektrum reicht von der Idee der Transition Towns, dem selbstbestimmten Gemüseanbau in den Hinterhöfen von Metropolen, über Geld- und Bodenreformen bis hin zur Zinskritik. Auch manche Beiträge zur Commons-Debatte oder die Idee einer Gemeinwohlökonomie von Christian Felber gehören dazu. Der österreichische Attac-Mitgründer will eine Buchführung nach sozialen und ökologischen Kriterien einführen. Unternehmen, die diese am besten erfüllen, sollen vom Staat bevorzugt werden, etwa durch öffentliche Aufträge und niedrigere Steuern. Außerdem will er eine »demokratische Bank« mit zinsfreien Krediten schaffen. Seine neue Buchführung würde eine gewaltige Bürokratie erfordern, um zu verhindern, dass Unternehmen falsche Angaben machen.

Für alle diese Ansätze gilt, was bereits Karl Marx über Proudhon und andere Utopisten sagte: »Sie wollen alle die Konkurrenz ohne die unheilvollen Folgen der Konkurrenz. Sie wollen alle das Unmögliche, d.h. bürgerliche Lebensbedingungen ohne die notwendigen Konsequenzen dieser Bedingungen.«

 

Anarchismus! Welcher Anarchismus?

Mit seinen konfusen Vorstellungen über Schulden liefert der amerikanische Anthropologe Graeber seinen Beitrag zu dieser Debatte. Statt Kommunismus und Anarchismus in ihren aufgeklärteren Versionen als sozialrevolutionäre Bewegungen zu begreifen, verniedlicht Graeber Kommunismus zu einer grundlegenden Verhaltensweise, zum Geben-und-Nehmen in Familie und Nachbarschaft. Anarchismus verkleinert er in dem Buch »Direct Action« (2009) zum »Austausch von inspirierenden Visionen«, zu einem »Prozess der Reinigung, der Inspiration und des Experiments« und einer »Art von inspirierendem, kreativen Spiel«. Vom »klassischen« Anarchismus hat Graeber sich wegen seiner Militanz, seinem Atheismus und der Suche nach einer kohärenten Theorie distanziert und weist als Markenzeichen der aktuellen Bewegung stattdessen inhaltliche Beliebigkeit und »anarchistische Spiritualität« aus.

Zwar definiert Graeber Anarchismus als moralisch-ethisches Projekt, das frei von inhaltlichen Vorgaben ist. Er selbst affirmiert jedoch den Kapitalismus in der idealisierten Version einer Marktwirtschaft. Seinem Buch »Inside Occupy« hat er ein Zitat von Proudhon vorangestellt, dem notorischen Antisemiten und Antidemokraten. Eine Tauschbank auf Gegenseitigkeit sollte den direkten Austausch aller Erzeugnisse zum Herstellungspreis vermitteln. Der Zins würde dadurch auf null sinken, Bargeld wollte Proudhon abschaffen.

Graeber lädt zu einem Gedankenspiel ein: Stellen wir uns eine zweigeteilte Insel ohne Staat, Militär und Polizei vor. Auf der einen Inselhälfte herrsche der Kapitalismus, auf der anderen nicht. Nach einer Woche müssten die KapitalistInnen alles selber machen, weil alle ArbeiterInnen in die andere Hälfte abgehauen wären. Das Ergebnis, so Graeber, wäre eine Marktwirtschaft, die kaum Ähnlichkeiten hätte mit dem, was wir darunter verstehen.

Er blendet dabei aus, dass Gewalt und Zwang auch ohne Staat ausgeübt werden können, etwa durch private »Sicherheitsdienste«, Söldner oder Todesschwadronen im Auftrag von Unternehmen. Er begreift nicht, dass eine Gesellschaft, in der die Güterverteilung über Märkte geregelt ist, Konkurrenz und Warenproduktion beinhaltet. Jede/r MarktteilnehmerIn (das können auch Kollektive oder Betriebe in Arbeiterselbstverwaltung sein) muss Waren und Dienstleistungen möglichst günstig produzieren und mit maximalem Gewinn verkaufen. Diese Struktur führt automatisch zu Konzentrations- und Zentralisationsprozessen auf der einen, Verdrängung und Verarmung auf der anderen Seite, und löste historisch in Europa seit dem Mittelalter eine beispiellose Akkumulation und Expansion aus, die zum heutigen real existierenden Kapitalismus führte.

Das Ziel einer staatsfreien Marktwirtschaft könnte Graebers verwegene These, dass der Anarchismus von 1914 bis 1989 »fast völlig von der Bildfläche« verschwunden sei, als Freudsche Fehlleistung erklären. Diese Aussage wäre nur richtig, hätte es die anarchosyndikalistischen Massenbewegungen des 20. Jahrhunderts, die sich eher an dem Kollektivisten Michail Bakunin und dem Anarchokommunisten Peter Kropotkin orientierten, nie gegeben. Dabei erreichte allein die Freie Arbeiter-Union Deutschland (FAUD) mit etwa 150.000 Mitgliedern in den frühen 1920er Jahren Dimensionen, von denen AnarchistInnen heute nur träumen können.

Die spanische Gewerkschaft CNT war mit etwa zwei Millionen Mitgliedern in den 1930er Jahren die bislang größte anarchosyndikalistische Organisation überhaupt. Die CNT stritt für einen – wenngleich inhaltlich etwas vagen – libertären Kommunismus und führte einen militanten Klassenkampf. Beides mag Graeber überhaupt nicht. Dazu bekrittelt er in »Inside Occupy«, die CNT habe mit Mehrheitsvoten operiert, um etwa Streiks zu organisieren, und diese seien »nun mal letztlich quasi militärische Operationen«. Im Gegensatz zu Gerhard Hanlosers Fehlinterpretation (in iz3w 333) lässt Graeber keineswegs fallweise Mehrheitsentscheidungen in Versammlungen gelten, sondern ist strikt für das Konsensprinzip, wobei er »Querulanten« ausschließen möchte.

 

Anekdoten über Schulden

Graebers Buch über Schulden wurde in den Feuilletons und von Teilen der Linken hochgelobt. Selbst kritische RezensentInnen blieben merkwürdig sanft. Dabei ist das Werk des Anthropologen, der am Goldsmiths College an der University of London lehrt, grottenschlecht. Es enthält Fehler, die schon oberflächlich historisch informierten Menschen auffallen müssten, so etwa wenn er den Ausbruch der großen Pest in Europa auf die Mitte des 15. Jahrhunderts datiert, die tatsächlich 1347 begann. Als Untertitel für das Sammelsurium wäre »Die ersten 5000 Anekdoten« passend gewesen. Dass Graeber den Kapitalismus als Herrschaftssystem bezeichnet, mag für bürgerliche JournalistInnen wie eine Offenbarung klingen, sollte für Linke aber seit den Zeiten von Marx und Bakunin trivial sein.

Schlimmer als handwerkliche Defizite ist die falsche Analyse. So presst Graeber 5.000 Jahre Menschheitsgeschichte in ein dichotomes Schema: Es gibt finstere Perioden, in denen Staaten mithilfe von Berufsarmeen herrschten, die sie mit gemünztem Geld bezahlten. Das wechselt sich mit lichten Epochen staatsfreier, überschaubarer Marktwirtschaften ab, in denen Güter und Menschen auf Kredit oder gegen »soziale Währungen« getauscht werden, die wiederum auf Vertrauen und gemeinsamen Wertvorstellungen basieren sollen.

Eine haarsträubende Idealisierung unternimmt der Anthropologe mit seinem Konzept von »humanen Ökonomien«, die er Gebilden entgegenstellt, die er als »Militärische-Münzgeld-Sklaverei-Komplexe« bezeichnet. In seinen »humanen« Ökonomien haben Männer zwar mit Frauen wie Vieh gehandelt, aber Graeber mag darin nicht Unterdrückung, Herrschaft oder Ausbeutung erkennen: Weil der Mann die Frau heirate, übernehme er Verantwortung. Er kaufe die Frau auch gar nicht, sondern nur das Recht auf ihre Nachkommen, sucht Graeber zu beschwichtigen.

Dabei ist genau das ein wesentliches Element patriarchaler Herrschaft: Männer unterwerfen und besitzen Frauen, kontrollieren ihre Körper, beschränken ihre Sexualität, um sicher zu gehen, dass auch wirklich sie und kein anderer der Erzeuger ihrer Kinder ist. Statt diesen Zusammenhang zu benennen, betreibt Graeber Schönfärberei: Dass der Mann nicht mit Geld bezahle, sondern mit »sozialen Währungen« wie Muscheln (oft übrigens auch mit Vieh), belege, dass es sich nicht um einen Kaufakt handele. Die nichtmonetäre Gegenleistung sei bloß symbolisch gemeint und solle zum Ausdruck bringen, dass jede Frau so einzigartig sei, dass sie nicht mit Geld aufgewogen werden könne.

Selbst eine so brutale Ausbeutungs- und Herrschaftsform wie das Kastensystem relativiert Graeber. Im Mittelalter seien die großen Reiche in Indien samt ihren Städten zerfallen und das autarke Dorf entstanden. Dessen Struktur sei zwar strikt hierarchisch gewesen, habe aber kein Münzgeld gekannt. Die Stellung der Unberührbaren im Kastensystem sei in diesen Dörfern erträglich gewesen, weil lokale Grundherren »nicht annähernd so harte Forderungen erhoben wie die früheren Regierungen«. Denn zur Zeit der großen Reiche hätten die indischen Bauern Städte mit mehr als einer Million Menschen ernähren müssen. Im Mittelalter konnte die »dörfliche Gemeinschaft« den Staat »zumindest teilweise in Schach« halten.

Kulturrelativistisch ist auch Graebers Interpretation des französischen Anthropologen Louis Dumont, dass man dem Kastensystem gar nicht Ungleichheit vorwerfen könne. Denn das setze voraus, dass alle Menschen gleich seien. Diese Vorstellung existiere im hinduistischen Weltbild aber nicht. Auf die Idee, den Hinduismus als Herrschaftsideologie zu hinterfragen und abzulehnen, kommt Graeber nicht.

Ebenso verklärt Graeber das chinesische Kaiserreich und seine konfuzianischen Beamten als Wächter einer prosperierenden Marktwirtschaft. Dabei erhoben sich die Bauern immer wieder gegen ihr Los in dieser Ausbeutergesellschaft. Der vorgebliche Anarchist lobt Kalifen und Sultane, die angeblich gestützt auf den Koran das Zinsverbot durchsetzten, die Schuldknechtschaft unterbanden und sich ansonsten nicht in die Wirtschaft einmischten. Der Professor scheint Doppelmoral für bare Münze zu nehmen: Faktisch wurden auch in den früheren islamischen Imperien Zinsen für Kredite genommen, sie wurden lediglich als Gebühr oder Aufwandsentschädigung bezeichnet – ganz wie von den eigens gegründeten christlichen Banken im mittelalterlichen Italien oder beim modernen Islamic Banking. Verschwiegen wird von Graeber auch, dass es bis ins 20. Jahrhundert einen arabisch-muslimischen Handel mit SklavInnen aus Afrika gab.

Das Buch »Inside Occupy« enthält interessante Beobachtungen zur Occupy-Bewegung und ihrer sozialen Basis in den USA, sowie zu Debatten um Begriffe wie Republik und Demokratie und den praktischen Folgen im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert. Gerade für Deutsche mit ihrer Ignoranz gegenüber amerikanischer Geschichte ist das lesenswert. Man kann Graeber anrechnen, dass er in nordamerikanischen radikalen Zusammenhängen gegen den so genannten Primitivismus agitiert. Dieser ist eine anarchistische Strömung, die wie die TierrechtlerInnen von Earth First ein Zurück in die Steinzeit predigen, einschließlich der Reduktion der menschlichen Bevölkerung um 80 bis 90 Prozent.

 

Marktwirtschaft aus dem Inneren

Positiv ist auch, dass Graeber den traditionsmarxistischen wie linkskeynesianischen Produktivismus und Wachstumsfetischismus ablehnt, der sich in der europäischen Linken in der Forderung nach staatlichen Konjunkturprogrammen austobt. Graeber stellt klar, dass die Herstellung von allerlei überflüssigem Krempel beendet werden muss, wenn die Menschheit ein Leben in Muße führen und die ökologischen Grundlagen erhalten will.

Insgesamt bietet Graeber für einen zeitgemäßen radikalen linken Ansatz nicht genug. Sein Schuldenbuch beginnt mit einer wenig originellen Kritik der klassischen politischen Ökonomie: Graeber wirft Adam Smith vor, sein Modell basiere auf der Annahme, der Mensch sei von Natur aus ein Tauschwesen, stets auf seinen ökonomischen Vorteil bedacht. Graeber endet damit, dass er seinen Nachbarschafts-Kommunismus, Tauschhandel und Hierarchien als drei ökonomische Prinzipien ausgibt, nach denen jede menschliche Gemeinschaft funktioniere. Wie Smith naturalisiert er damit Umgangsformen, die das Produkt gesellschaftlicher Verhältnisse sind. Der Zweck der Übung ist in beiden Fällen, die Marktwirtschaft als einzige dem Wesen des Menschen entsprechende Wirtschaftsweise zu legitimieren. Ausdrücklich bestreitet Graeber, dass eine Gesellschaft jemals nach dem von Marx und Kropotkin vertretenen kommunistischen Prinzip funktionieren könnte, wonach alle nach ihren Fähigkeiten arbeiten und nach ihren Bedürfnissen konsumieren.


David Graeber: Schulden. Die ersten 5000 Jahre. Stuttgart 2012. 600 Seiten, 26,95 Euro.

David Graeber: Inside Occupy. Frankfurt/ New York 2012. 200 Seiten, 14,99 Euro.

 

Peter Bierl ist Autor des soeben im Konkret-Verlag erschienenen Buches »Schwundgeld, Freiwirtschaft und Rassenwahn – Kapitalismuskritik von rechts: Der Fall Silvio Gesell«.

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