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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 335 | Wissenschaft global Kämpferisch gegen Hegemonie

Kämpferisch gegen Hegemonie

von Ercüment Çelik

Gewerkschaftswissen zwischen Nord und Süd

Das Beispiel der »sozialen Gewerkschaftsbewegung« steht für die Hoffnung, dass aus den sozialen Erfahrungen im globalen Süden auch im Norden gelernt werden kann – und dass eine demokratische und nichthegemoniale Zirkulation von Wissen auf globaler Ebene möglich ist.

Die Gewerkschaften erlebten sowohl im globalen Norden als auch im globalen Süden eine Krise. Diese hat in den letzten Jahren die Suche nach alternativen Formen der gewerkschaftlichen Organisierung erfordert. Mehr oder weniger parallel hat sich eine »soziale Gewerkschaftsbewegung« (SGB – social movement unionism) entwickelt. Gemeint ist damit ein Bündnis von Gewerkschaften mit sozialen und politischen Bewegungen, das sich als Aktionsform in vielen Ländern des globalen Südens in den letzten zehn Jahren als Alternative zur Stärkung von Gewerkschaften bewährte. Die SGB trat dabei multizentrisch in Erscheinung, sie entwickelte sich an unterschiedlichen Orten und war doch miteinander vernetzt. Multizentrisch steht hier für eine gleichberechtigte Aufnahme von Ideen und eine kollektive Herausbildung eines theoretischen Ansatzes im Weltmaßstab. Beispiele aus Südafrika, Brasilien, Philippinen, Südkorea und den USA verweisen auf den Austausch dieser Bewegungen zwischen Nord und Süd und mit sozialwissenschaftlichen Ansätzen.

Das SGB-Konzept wurde ursprünglich von progressiven WissenschaftlerInnen entwickelt, die die kämpferischen und schlagkräftigen Arbeiterbewegungen in Schwellenländern wie Südafrika, Brasilien, den Philippinen und Südkorea untersuchten. Diese Bewegungen haben in den 1980er Jahren Seite an Seite mit einer ganzen Reihe von sozialen Bewegungen für soziale Gerechtigkeit gekämpft.

In Südafrika schlossen sich die unabhängigen »schwarzen« Gewerkschaften 1985 zum Verband Südafrikanischer Gewerkschaften COSATU zusammen, der ein mächtiger Gegenspieler des Apartheid-Regimes wurde. COSATU hat de facto die Führung des Anti-Apartheid-Kampfes übernommen und zusammen mit anderen Organisationen aus der Befreiungsbewegung 1994 den Fall des Regimes erwirkt (siehe iz3w 316 S. XI). Laut Edward Webster, prominenter südafrikanischer Arbeitssoziologe und Anti-Apartheid-Kämpfer, brachte die südafrikanischen SGB die Arbeiterschaft mit den Anti-Apartheid-Community-Bewegungen und der politischen Bewegung in Verbindung. Sie beschäftigte sich mit sozialen und politischen Fragen, die weit über Lohn und Arbeitsplatz hinausreichten, und legten einen Schwerpunkt auf Arbeiterkontrolle. SGB waren hier eine spezifische Strategie für peripher-kapitalistische Gesellschaften, in denen große arbeitende Klassen unter autoritären Regimen entstanden waren.

In Brasilien bildeten 1983 die Anführer von Streikwellen, zum Beispiel der spätere Präsident Lula aus der Sao Bernardo IG Metall, den neuen Gewerkschaftsverband CUT (Central Única dos Trabalhadores). CUT betonte, die ArbeiterInnen seien in allen Ebenen der Organisation beteiligt und der Verband von politischen Parteien unabhängig. Angelernte IndustriearbeiterInnen entdeckten, dass sie die Gewerkschaften als Vehikel für politische Forderungen verwenden konnten. Ihre Bewegung wurde zentral auch für umfassendere Forderungen. Eines ihrer Themen war die soziale Ungleichheit, die trotz ökonomischen Wachstums anhielt – wenn nicht sogar anstieg. Gay Seidman, US-amerikanische Soziologin, verwies bei ihrem Vergleich militanter Arbeiterbewegungen in Brasilien und Südafrika darauf, dass SGB unter den Bedingungen der späten Industrialisierung unter autoritären Regimen entstanden, in denen sich die Kämpfe um Löhne und Arbeitsbedingungen mit Kämpfen um die Verhältnisse in Arbeitervierteln sowie um politische Rechte und Demokratie verbinden.

Auf den Philippinen entstand aus dem Kampf gegen die Marcos-Diktatur in den 1980ern eine kleine, aber einflussreiche Gewerkschaft, die Kilusang Mayo Uno Labour Center (KMU). Sie beschäftigte sich ebenfalls mit Fragen weit über die traditionellen gewerkschaftlichen Themen hinaus und beteiligte sich zum Beispiel an Kampagnen, die eine Verlängerung von Mietverträgen an US-Militärbasen zu verhindern suchten. Diese Aktionen brachten Städte, Provinzen und 1987 sogar die ganze Nation zum Stillstand. Zu den Siegen der KMU gehört zum Beispiel die Rücknahme von Kraftstoffpreiserhöhungen. Im Hinblick auf die Philippinen schlug Kim Scipes, Soziologe aus den USA, eine ähnliche sozialwissenschaftliche Analyse wie Webster und Seidman vor. Er betonte, Kämpfe um politische Rechte sowie Allianzen mit sozialen Bewegungen auf gleichberechtigter Basis und gewerkschaftliche Basisdemokratie seien hier charakteristisch.

In Südkorea sind ebenfalls SGB entstanden. Der Ursprung der Korean Confederation of Trade Unions (KCTU) stellte zugleich den Aufschwung des militanten Kampfes der ArbeiterInnen 1987 dar, kurz nach den von Studenten angeführten Protesten. Über eine Million KoreanerInnen nahmen im Juni 1987 an den Kundgebungen gegen die Diktatur teil und forderten eine demokratische Verfassungsreform. Außerdem zeigten koreanische ArbeiterInnen durch ihre Streiks, dass politische Demokratie nichts als leere Worte bedeutet, solange in der Wirtschaft keine Gerechtigkeit herrscht. Hagen Koo, Soziologe an der Universität Hawaii erklärt, dass das SGB-Konzept in Südkorea verwendet wurde, um die Militanz der zuvor marginalisierten ArbeitnehmerInnen (insbesondere Frauen und MigrantInnen) zu beschreiben. Während die ArbeiterInnen in vielerlei Hinsicht gewannen und bessere Löhne, kürzere Arbeitszeiten und eine bessere Behandlung erkämpften, hielten doch die strukturellen Ungleichheiten an – ähnlich wie in Südafrika und Brasilien.

Vom Süden lernen

Das in Ländern des globalen Südens entstandene SGB-Konzept wurde bald zum Vorbild für GewerkschaftsstrategInnen in etablierten industriellen Demokratien, die befürchteten, ihre Stärke und breite Unterstützung zu verlieren. Amerikanische GewerkschaftsstrategInnen etwa fingen an, den globalen Süden als Ort für neue Ideen zu sehen. Kim Moody, Gründer der unabhängigen Gewerkschaftszeitung Labor Notes in Detroit, sah 1997 die Militanz in Südafrika oder Brasilien als neues Modell: An Stelle des hoch institutionalisierten Rahmens, der die amerikanische Gewerkschaftsbewegung seit dem Zweiten Weltkrieg prägte, brauchten diese einen neuen Ansatz – einen, der neue Mitglieder außerhalb der traditionellen Mitgliedschaft von SchwerindustriearbeiterInnen mobilisiert. Die Vision der SGB ist völlig anders als die des traditionellen »Business Unionism«. Die Gewerkschaften sind für Fragen der sozialen Gerechtigkeit zuständig, nicht nur für die eng gefassten Interessen der gewerkschaftlich Organisierten. Die Neuorientierung des US-amerikanischen Gewerkschaftsdachverbands AFL/CIO seit 1995 stärkte diese Ideen und es wurden mehrere Kampagnen initiiert. Der Verband verpflichtet sich selbst, die bislang Unorganisierten zu organisieren, sich für Stadtteilthemen, die Beschäftigte angehen, einzusetzen und Allianzen mit den Communities vor Ort aufzubauen. Die SGB soll die gewerkschaftliche Basisdemokratie und extensives Mitwirken aktiver Ehrenamtlicher erhöhen.

Während das SGB-Konzept ursprünglich beschreibend war, entwickelte es sich nun zu einem Modell für Gewerkschaften, das nun sowohl im industriellen Norden als auch im Kampf gegen die kapitalistische Globalisierung durch »globale Solidarität« angewendet wird. Für Peter Waterman, Aktivist, Bildungsreferent bei Gewerkschaften in verschiedenen Ländern Europas und Afrikas und Arbeitshistoriker am International Institute for Research and Education in Amsterdam, dem die Prägung des SGB-Konzepts gutgeschrieben wurde, war es nicht nur ein anderes Gewerkschaftsmodell, sondern ein anderes Verständnis von der Rolle der Arbeiterklasse, in dem diese sich mit neu entstehenden sozialen Bewegungen wie dem Feminismus, indigenen Kämpfen, Menschenrechts- und Umweltbewegungen verbündet. So argumentiert Kim Moody, dass die Gewerkschaften im globalen Norden von ihren südlichen KollegInnen lernen und die SGB als strategische Ausrichtung annehmen sollten.

Das SGB-Konzept kann als Beispiel für eine nichthegemoniale Zirkulation von Wissen im Weltmaßstab betrachtet werden, die gängige Muster in den Sozialwissenschaften unterläuft. Meist ist die Produktion von Wissen durch eine ungleiche Nord-Süd-Beziehung geprägt, in der die Hegemonie des Nordens einen Transfer von im Norden produziertem Wissen in den Rest der Welt konsolidiert hat. Daher haben die Kritik des Eurozentrismus einerseits und der Aufstieg der Theorie aus dem globalen Süden andererseits einen zentralen Platz in der jüngsten Literatur eingenommen. Diese Kritik wies vor allem auf die Notwendigkeit des Lernens von der Peripherie und den Aufbau einer Gegenhegemonie hin, die wiederum die Bildung einer multizentrischen Sozialwissenschaft im Weltmaßstab herbeiführen sollte. Besonders gegenseitiges Lernen wird als entscheidend für eine internationalisierte Sozialwissenschaft gesehen.

Die SGB kann aus mehreren Gründen als Beispiel für eine nichthegemoniale Zirkulation von Wissen im Weltmaßstab betrachtet werden: Sie bezieht sich auf eine Alternative zur traditionellen Form der Industriegewerkschaften, was Struktur, Mitgliedschaft, Organisation, Kampagnen, Allianzen etc. betrifft. Auch beruhen die als SGB bezeichneten Bewegungen jeweils auf lokalen Engagements, Bewegungen und Erfahrungen, die als Modell einen Fall des Lernens vom Süden darstellen. Und tatsächlich wurden in dem Konzept der SGB multiple Fälle berücksichtigt; jeder empirische Fall und jeder konzeptuelle Ansatz hat – das zeigen die angeführten Beispiele – seinen eigenen Schwerpunkt. So ergeben sich verschiedene Eigenanteile an der allgemeinen Konzeptbildung der SGB. Diese entstand nicht im Rahmen hegemonialer Beziehungen, sondern kumulativ und komplementär.

Obwohl primär die SGB aus Schwellenländern »hörbar« und »sichtbar« gewesen sind, haben die Gewerkschaften des Südens heute Schwierigkeiten, das SGB Konzept weiter umzusetzen oder zu stärken. Seit den späten 1990er Jahren, als die Gewerkschaften in eine neo-korporatistische Sozialpartnerschaft mit ihren Regierungen eintraten, haben die SGB-Modelle viele ihrer Charakteristika verloren (COSATU in Südafrika, KCTU in Südkorea, CUT in Brasilien, KMU in Philippinen). Abzuwarten bleibt, ob die Fraktionen der Gewerkschaften, die eine Revitalisierung der SGB fordern, künftig wieder erfolgreich sein werden und ob dies auch einen Raum für eine Süd-Süd-Kooperation eröffnen wird.

 

Literatur

Koo, H. 2001: Korean Workers: The Culture and Politics of Class Formation. Ithaca: Cornell University Press.

Moody, K. 1997: Workers in a Lean World: Unions in the International Economy. London: Verso.

Scipes, K. 1996: KMU: Building Genuine Trade Unionism in the Philippines, 1980-1994. Quezon City, Philippines: New Day Publishers.

Seidman, G. 2011: »Social Movement Unionism: From Description to Exhortation«, in: South African Review of Sociology, 42 (3): 94-102.

Waterman, P. 2008: »Social Movement Unionism

in Question: Contribution to a Symposium«, in: Employee Responsibility and Rights Journal, 20 (4): 303-308.

Webster, E. 2000: »The Rise of Social Movement Trade Unionism: Two faces of the black trade union movement in South Africa« in E. Webster et.al. (eds.) Work and Industrialisation in South Africa: An Introductory Reader. Randburg: Ravan Press.

 

Ercüment Çelik ist Soziologe und wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Freiburg.

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