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Editorial zum Themenschwerpunkt

Wissenschaft Süd-Nord

»Universalität ist erst dann möglich, wenn die Gesprächspartner frei von dem Bedürfnis sind, sich gegenüber den Anderen durchzusetzen.« Diese Worte des afrikanischen Philosophen Paulin J. Hountondjis beschreiben eine Bedingung, die im Bereich der Wissenschaften noch lange nicht erfüllt ist. Denn allen Ansprüchen der Universalität und Transnationalität zum Trotze sind gerade die Geisteswissenschaften bis heute durch und durch eurozentrisch geprägt. Außereuropäisches Wissen, insbesondere wenn es aus Afrika, Asien und Lateinamerika kommt, wird nicht als konstitutiv für die Genese moderner Wissenschaft angesehen (Ausnahmen bestätigen die Regel).

Die hierarchischen Verhältnisse der globalen Wissenschaftslandschaft lassen sich quantitativ und qualitativ erfassen. Die ungleiche Zahl der Publikationen, die stark differierende Verteilung von Ressourcen für die Forschung, die mangelnde Rezeption außereuropäischer Literatur – mit all diesen Indikatoren lässt sich nachweisen, dass die Zentren der modernen Wissenschaft in der Triade EU, Nordamerika und Japan verortet sind. Zwar holen insbesondere die BRICS-Staaten (Brasilien, Russland, Indien, China, Südafrika) auf, doch noch ist die Dominanz der Triade erdrückend.

Prozesse wie die Abwanderung ausgebildeter WissenschaftlerInnen (Brain Drain) in die Denkfabriken und Labore der Triade oder die Verteilung internationaler Forschungsgelder an nationale Institute werden ebenfalls von ungleichen postkolonialen Verhältnissen bestimmt – bis hin zur Prioritätensetzung bei der Fragestellung oder der Rollenverteilung im transnationalen ForscherInnenteam.

In qualitativer Hinsicht ist die Diagnose noch ernüchternder. Welcher asiatische Philosoph gilt als Begründer einer global verbreiteten Denkschule? Welche lateinamerikanische Wirtschaftswissenschaftlerin schuf ein weltweit anerkanntes Paradigma? Welcher afrikanische Physiker wurde je mit einem Nobelpreis geehrt? Forschungsleistungen aus Ländern des Südens werden vom wissenschaftlichen Mainstream in postkolonialer Überheblichkeit kaum zur Kenntnis genommen.

Die Idee, die globale Wissenschaftslandschaft in einem iz3w-Themenschwerpunkt kritisch zu betrachten, kommt von einer Arbeitsgruppe der Universität Freiburg. In ihrem Projekt »Universalität und Akzeptanzpotential von Gesellschaftswissen. Zur Zirkulation von Wissensbeständen zwischen Europa und dem globalen Süden« reflektieren WissenschaftlerInnen kritisch das Verhältnis von Europa zum globalen Süden, und zwar vor allem im Spiegel der Gesellschaftswissenschaften.

Im Mittelpunkt der einzelnen Forschungsvorhaben steht das folgende ambivalente Phänomen: »Einerseits genießen der europäische Forschungsraum und seine Errungenschaften zwar ein durchaus hohes Ansehen außerhalb Europas, andererseits aber wird der weltweite Einfluss europäischer Theorietradition zunehmend auch als dominant wahrgenommen und der Universalitätsanspruch europäischen Gesellschaftswissens damit als anmaßend und vermessen zurückgewiesen.«

Es blieb nicht nur bei der Idee zu diesem Themenschwerpunkt, die Projektgruppe hat sämtliche Texte beigetragen. Wir bedanken uns herzlich für die angenehme Zusammenarbeit!

Die Bebilderung des Schwerpunkts versucht eine Art symbolische Repräsentanz zu schaffen. Porträtiert werden ganz unterschiedliche WissenschaftlerInnen, die Bemerkenswertes vollbracht haben und dennoch hierzulande kaum bekannt sind. Zu Unrecht, findet

die redaktion

335 | Wissenschaft global
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