Direkt zum Inhalt | Direkt zur Navigation

Benutzerspezifische Werkzeuge
Kontakt Spenden Abo Newsletter
Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 335 | Wissenschaft global Allwissend-ideologisches Argumentieren

Allwissend-ideologisches Argumentieren

Zum Artikel "Falschmünzerei statt Wertkritik"von Peter Bierl erreichte und dieser Leserbrief von Lutz Redecker. Herzlichen Dank!

Liebe Redaktion,

leider gibt es keine Rubrik "Leserbriefe" zumal ich gelegentlich gern mit anderen Lesern über Darstellungen bestimmter Beiträge (das letzte mal über Marokko mit einigen sachlichen Fehlern) diskutieren würde.

An dieser Stelle geht es um Bierls Rezension. Als Anthropologe fühle ich mich hier auch durch unwissenschaftliche Arbeit berührt. Es würde mich freuen, sollte tIhr meinen Beitrag nicht nur an den Verfasser weiterleiten, sondern ihn auch publizieren, ggfs. online. Gern auch in noch erweiterter Darstellung!

Ich finde zunächst den zum Apodiktischen neigenden Stil des Verfassers / Rezensenten unsympathisch, weil mich dieser an das allwissend-ideologische Argumentieren von alten K-Gruppen-Leuten erinnert. Solche Sätze wie "er begreift nicht..." oder "er verklärt...", die Wertungen mit Wahrnehmungen ineins setzen, ohne dabei die eigene Subjektivität zu benennen, wirken auf mich unwissenschaftlich und willkürlich.

Mit diesem Stil werden dann Versatzstücke altlinker Argumentationen der Kritik an Graebers Buch expliziert, etwa als Vorwurf, wer internationale Kapitalbewegungen und Machtkartelle kritisiere, sei "anschlußfähig" für antisemitische Denkfiguren. Daß Proudhon und Gesell bedenklich erscheinen, weil sie antisemitische, rassistische und sozialdarwinistische Äußerungen getan haben, finde ich beachtenswert.

Graeber schreibt als Anthropologe und neigt zum Kulturrelativismus, er bestimmt daher historische und soziale Kontexte anders, als es ein Vertreter des Historischen Materialismus wie Bierl tut, der entschieden einen historischen, eurozentrischen Evolutionismus vertritt. Das Problem, das sich vor allem mit dem Historischen Materialismus Bierls verbindet, ist aber, daß er letztlich auch die gewaltsame Machtprobe und die militante Auseinandersetzung nicht ausschließt, was für mich ablesbar ist an seiner Präferenz von Bakunin und Kropotkin (gegenüber Proudhon). [Aber wer sagt denn, pointiert gefragt, daß militantes Denken nicht auch "anschlußfähig" an rechte Gesinnung ist?...]

In der marxistischen Gesellschaftskritik geht es m.E. zentral um die Produktionsverhältnisse - was psychohistorisch bedeutet, daß es um Relationalität, d.h. um Beziehungen zwischen Menschen und die damit verbundenen Lebensmöglichkeiten, Macht- und Gewaltverhältnisse geht. Durch die Geschichte geht es daher um die Frage, wer Eigentümer und Besitzer der Produktionsmittel ist und wer nicht. In unserer Gegenwart einer neoliberal entgrenzten Marktwirtschaft, werden die Produktionsverhältnisse durch Geldverhältnisse und Vertragsverhältnisse (ganz im Sinne von Friedman und Hayek) definiert und garantiert.

Die Unterscheidung von "realer" und "virtueller" Ökonomie im Computerzeitalter mag ein wenig künstlich erscheinen, sie trifft aber den Kern, wenn es darum geht zu bestimmen, wer die Produktionsmittel besitzt. Wer nun im Computer- Hochfrequenz-Handel virtuelle Gelder "schöpft", wird alles daran setzen, diese in reale Produktionsmittel und Güter einzutauschen, bevor eine Hyperinflation die virtuellen Kapitalien vernichtet.

In einer solchen Lage befinden wir uns im Moment - nur mit dem Unterschied, daß das IT-gestützte Marktgeschehen eine ganz andere Qualität darstellt gegenüber der alten Marktwirtschaft, deren Geldmenge an die realen Güter gekoppelt war. Was wir heutzutage erleben, noch dazu auf einem desaströsen (und apokalyptischen?) Niveau von Hunger, Armut, Naturzerstörung, Ressourcenknappheit und Hightechbewaffnung, ist mit den alten Kategorien eines Historischen Materialismus nicht mehr hinreichend einzufangen, weil letzterer die Cyberspace-Ökonomie lediglich für eine Erscheinungsform der realen Klassen-Ökonomie hält.

Dieser Fehler der Unterschätzung des "geistigen Überbaus" ist schon mehrfach begangen worden, jeder "realexistierende" Kommunismus / Sozialismus hat bisher an der Ignoranz gegenüber den kulturellen Phänomenen gekrankt und die "reale" Kritik gesellschaftlicher Verhältnisse ist stets insuffizient geblieben ohne ausreichende Berücksichtigung des Kulturellen.

Wie etwa das Beispiel der RAND Corporation zeigt, hat die massive Implementierung der neoliberalen Denkweise seit 1989 einen Vorlauf von 40 bis 50 Jahren gehabt, in denen Kybernetiker Informatiker, Mathematiker, Physiker und Ökonomen miteinander die Neuausrichtung und globale Vernetzung der Weltwirtschaft vorangetrieben haben, und dies nach Maßgabe von Algorithmen aus der Atomraketenabwehr des Kalten Krieges (die erwähnten Wissenschaftler waren zuvor mehrheitlich im Manhattan-Projekt beschäftigt gewesen).

Die kriegsanaloge Virtualisierung der Finanzwirtschaft mit katastrohaler Auswirkung auf die Realwirtschaft ist nur zu verstehen auf der Grundlage kulturellen Strukturwissens, auch bezüglich der Rückwirkungen auf die Subjektivierungs- und Vergesellschaftungsformen. Wer meint, mit derart veränderten Individuen und Gemeinschaften einen militanten Widerstand gegen die herrschenden Produktionsverhältnisse vom Stapel brechen zu können, denkt unhistorisch.

Graeber muß als das gelesen werden, was er ist: als Anthropologe, der den Spuren des Geldes als Münzgeld, virtuelle Kapitalie oder "soziale Währung" durch die Kulturen und durch die Geschichte nachgeht. Alles andere, was dort versucht wird hineinzulesen (auch weil sich Graeber zu utopischen Entwürfen versteigt und damit Widerspruch provoziert), ist zweitrangig.


Schöner Gruß, Lutz Redecker

335 | Wissenschaft global
Cover Vergrößern