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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 336 | das Ende der Armut Keine Wunderwaffe

Keine Wunderwaffe

Bildung im Kampf gegen Armut

Wenn die meisten sich schon armseliger
Kleider und Möbel schämen,
wie viel mehr sollten wir uns da erst armseliger
Ideen und Weltanschauungen schämen.

Albert Einstein

 

Im Diskurs über Armutsbekämpfung wird immer mehr davor gewarnt, Geldzuweisungen einen zentralen Platz einzuräumen. Statt Sozialleistungen braucht es angeblich individuelle Veränderungen, beispielsweise durch Bildung.

 

von Christoph Butterwegge

 

Die deutsche Bundesregierung bezeichnet Bildung als eines ihrer Topthemen – besonders dann, wenn es um Armut geht. Deutschland werde als »Bildungsrepublik« immer mehr Jugendlichen den Einstieg in die Arbeitswelt erleichtern oder ZuwanderInnen durch Bildung »integrieren«, heißt es. Auch das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung formuliert: »Die Förderung der Bildung ist ein Schwerpunkt der deutschen Entwicklungszusammenarbeit.« Bildung wird dabei gegenüber Armut in zweifacher Weise als bestimmend angesehen: sowohl analytisch (als Armutsursache) als auch politisch-strategisch (als Armutsbekämpfungsstrategie). Armut wird häufig auf Bildungsmängel zurückgeführt. Die Gegenmaßnahmen konzentrieren sich – insoweit folgerichtig – auf verstärkte Bildungsbemühungen.

Doch liegt der Grund für die soziale Polarisierung, wie sie fast überall auf der Welt feststellbar ist, wirklich in einer parallel dazu wachsenden Bildungsungleichheit der Armutsbetroffenen? Lässt sich die Spaltung der Gesellschaften durch mehr oder eine bessere Bildung bewältigen? Vieles spricht dafür, dass die Blickverengung auf (gescheiterte) Bildungsbiografien von den eigentlichen Wurzeln der Kluft zwischen Arm und Reich ablenkt.

Der Armutsdiskurs, der auf mangelnde Bildung rekurriert, ist eng mit der neoliberalen Wende seit den 1980er Jahren verknüpft, in der die Verantwortung für soziale Ungleichheit individualisiert und den Betroffenen zugewiesen wurde. Damit ließen sich Sozialkürzungen legitimieren. Die deutsche Agenda 2010-Politik folgerte: (Weiter-)Bildung statt Geldzuweisungen an Arme. Parallel zur Verkürzung der Laufzeit des Arbeitslosengeldes und zur Absenkung der Ansprüche von Langzeitarbeitslosen wurde das »Fördern und Fordern« der Betroffenen geregelt. Dies brachte eine Pädagogisierung und Psychologisierung des Problems der Ungleichheit mit sich, dessen Lösung eigentlich zuerst mittels einer Umverteilung der materiellen Ressourcen von oben nach unten erfolgen müsste. Inzwischen gilt in der aktuellen EU-Krise der deutsche Mix aus Sozialkürzungen und der Förderung des prekären Jobmarktes vielen AusteritätspolitikerInnen als vorbildlich.

 

Bildung statt Kinderarmut?

Zweifellos verhindern Bildungsdefizite vielfach, dass junge Menschen auf den Arbeitsmärkten Fuß fassen. Auch führt die Armut von Familien häufig dazu, dass deren Kinder keine weiterführende Schule besuchen oder sie ohne Abschlusszeugnis wieder verlassen. Armut in der Herkunftsfamilie zieht oftmals Bildungsdefizite der Kinder nach sich. Der umgekehrte Effekt ist hingegen kaum signifikant: Wenn eine Person vermögend ist, verringert ein schlechter Schulabschluss zwar die Erwerbschancen, wirkt sich aber oft nicht nachteilig auf den Wohlstand aus. So wird ein Handwerksbetrieb von den Erben übernommen, nicht von den MitarbeiterInnen mit den besten Bildungszertifikaten. Mit dem Begriff »Bildungsarmut« leistet man dem Missverständnis Vorschub, nur eine gute Schulbildung oder Berufsausbildung gewährleiste einen guten Arbeitsplatz. Die Bundesregierung schreibt anlässlich des Bildungsberichtes 2012 auf ihrer Homepage: »Frühzeitige Förderung schafft nämlich gleiche Startbedingungen für alle Kinder.«

Bildungsdefizite führen zweifelsohne oft zur Verfestigung der Armut, weil die Chancen auf dem Arbeitsmarkt immer stärker an Kompetenzen gebunden sind, die man an (Hoch-)Schulen erwirbt. Und Kinder aus sozial benachteiligten Familien gehören zu den größten BildungsverliererInnen. Fehlende Schulabschlüsse sind jedoch höchstens Auslöser, nicht aber die eigentliche Ursache ihrer materiellen Not. Mangel an Geld, sicherem Einkommen und Vermögen ziehen neben finanziellen Schwierigkeiten fast zwangsläufig Unterversorgungsprobleme in fast allen Lebensbereichen nach sich, etwa im Wohnen und Wohnumfeld, im Gesundheitsbereich, im Kultur- und Freizeitbereich oder gerade im Bildungsbereich.

Zwar ist es skandalös, dass Kinder aus sozial benachteiligten Familien erheblich geringere Bildungschancen haben als Zöglinge der Gutsituierten und auf diesem zentralen Feld diskriminiert sind. Wenn man so tut, als führten mangelnde Bildungsanstrengungen zu materieller Armut, fällt allerdings ausgerechnet den Betroffenen im Sinne eines individuellen Versagens (der Eltern) die Verantwortung dafür zu. Gesellschaftlich bedingte Handlungsrestriktionen für sozial Benachteiligte, denen sich nicht die selben Teilhabemöglichkeiten bieten wie Bessergestellten, und die politischen Strukturzusammenhänge einer durch Regierungshandeln erzeugten bzw. verstärkten Armut, geraten hingegen aus dem Blick.

Armut schlägt sich in reichen Ländern nicht bloß als chronisches Minus auf dem Bankkonto oder in einem leeren Portemonnaie nieder. Vielmehr handelt es sich dabei um soziale Ausgrenzung, den Ausschluss vom »normalen« Lebensstandard und Benachteiligung in fast allen Lebensbereichen (Wohnen, Wohnumfeld, Gesundheit, Bildung, Kultur und Freizeit). Dass Armut mehr als ein Mangel an Geld ist, der durch finanzielle Zuwendungen behoben werden könnte, heben PolitikerInnen immer wieder hervor. Doch der tröstende Spruch »Geld allein macht nicht glücklich« ist Armen gegenüber zynisch, denn in einer Marktwirtschaft wird Geld benötigt, um existieren und am sozialen Geschehen partizipieren zu können. Ohne die Berücksichtigung der Schlüsselrolle materieller Güter für die Existenz, das Ansehen und die Wertschätzung eines Menschen im Gegenwartskapitalismus kann das Armutsproblem nicht verstanden werden. Geradezu paradox erscheint, dass die überragende Bedeutung des Geldes sowie seiner halbwegs gleichmäßigen Verteilung immer häufiger angezweifelt wird – zu einer Zeit, in der das Geld aufgrund einer fortschreitenden Ökonomisierung, Privatisierung und Kommerzialisierung an Relevanz für die Versorgung und den Status von Individuen gewinnt.

Die Menschheit musste im welthistorischen Maßstab zuerst genügend Reichtum schaffen, damit Kunst und Kultur erblühen konnten. Genauso verhält es sich im persönlichen Nahbereich. Eine idealistische Sichtweise stellt dagegen die Wirklichkeit auf den Kopf, denn nach wie vor bestimmt die materielle Lage das Bewusstsein, den Bildungsdrang und die kulturelle Prägung der Menschen, nicht umgekehrt. Gleichzeitig leistet, wer, statt schnöden Geldzuweisungen dem »Fördern und Fordern« der Persönlichkeit das Wort redet, einer Individualisierung, Moralisierung und Pädagogisierung des Armutsproblems Vorschub. Denn hier werden nicht die sozioökonomischen Verhältnisse in den Blick genommen, sondern nur das individuelle Verhalten, welches einer Änderung durch »Umerziehung« bedarf. So erhalten die Langzeitarbeitslosen in Deutschland heute weniger Geldleistungen, sind aber mehr Sanktionen und »Aktivierungsmaßnahmen« ausgesetzt, damit sie beispielsweise niedrigentlohnte Zeitarbeitsjobs annehmen.

 

Bildung statt Umverteilung?

Wenn Bildung unter günstigen Umständen fraglos zum individuellen beruflichen Aufstieg taugt, so versagt sie als gesellschaftliches Patentrezept. Wenn alle Jugendlichen, was durchaus wünschenswert wäre, mehr Bildungsmöglichkeiten bekämen, würden sie um die vorhandenen Ausbildungs- und Arbeitsplätze womöglich nur auf einem höheren geistigen Niveau, aber nicht mit größeren Chancen konkurrieren. Eine bessere Ausbildung erhöht die Konkurrenzfähigkeit, ohne jedoch die Erwerbslosigkeit und die Armut zu beseitigen.

Bildungs-, Erziehungs- und Kultureinrichtungen sind für eine gedeihliche Entwicklung und freie Entfaltung der Persönlichkeit sozial benachteiligter Kinder unentbehrlich. Bildung ist jedoch keine politische Wunderwaffe im Kampf gegen die Kinderarmut. Das gilt umso mehr, wenn sie zur Ware verkommt, statt für alle WohnbürgerInnen frei zugänglich zu sein. Selbst in der reichen Bundesrepublik schrecken Studiengebühren, Transportkosten oder Schul- und Büchergeld gerade die Kinder aus sozial benachteiligten Familien vom Besuch einer weiterführenden Schule ab. Demgegenüber sollte Bildung frei zugänglich sein und die Logik der ökonomischen Verwertbarkeit überschreiten. Bildung darf nicht auf Berufsqualifikation reduziert werden. Sie schließt vielmehr die Entwicklung der Persönlichkeit, kultureller und sozialer Kompetenzen mit ein.

Es ist heuchlerisch, den Armen Bildung zu predigen, ihnen jedoch die dafür notwendigen materiellen Ressourcen vorzuenthalten. Wenn die »Bildungsferne« armer Familien eine Folge gravierender materieller Defizite ist, die teilweise über Generationen hinweg kumuliert wurden, muss die Schulbildung in eine fortschrittliche Gesellschaftspolitik eingebunden sein, welche die Benachteiligung bestimmter Schichten und die rassistische Diskriminierung von Menschen mit Migrationshintergrund (z.B. Nichtanerkennung von Bildungszertifikaten) strukturell abbaut. 11 Prozent der im expandierenden Niedriglohnsektor der Bundesrepublik tätigen GeringverdienerInnen haben einen Hochschulabschluss.

Zwar ist die Armut ohne eine solche spürbare Verbesserung der Bildungseinrichtungen und der Bildungschancen für alle WohnbürgerInnen und ihre Kinder weder im globalen Süden noch im Norden erfolgreich zu bekämpfen. Bildung kann zwar durch soziale Diskriminierung entstandene Beteiligungsdefizite mildern. Sie kann allerdings nicht verhindern, dass materielle Ungleichgewichte und Verteilungsschieflagen auf die Lebensbedingungen durchschlagen. Deshalb bedarf es über quantitative wie qualitative Verbesserungen im Bildungsbereich hinaus und neben einer Vielzahl anderer Maßnahmen zur Verbesserung der sozialen Infrastruktur der Umverteilung von Arbeit, Einkommen und Vermögen. Schließlich kann Pädagogik weder eine gerechte Steuerpolitik noch eine die Armut bekämpfende Sozialpolitik ersetzen.

 

 

Christoph Butterwegge lehrt Politikwissenschaft an der Universität zu Köln. Er hat zuletzt die Bücher »Armut in einem reichen Land« und »Armut im Alter« (beide: Campus Verlag) veröffentlicht.

336 | das Ende der Armut
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