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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 336 | das Ende der Armut Nichts Neues aus Afrika

Nichts Neues aus Afrika

Der Zusammenhang von Rohstoffreichtum und Armut

Der Ärger mit dem Armsein
besteht darin, daß es dir deine ganze Zeit raubt.

Willem De Kooning (1904-97)

 

Der afrikanische Kontinent ist reich an Rohstoffen, und er profitiert vom Wirtschaftswachstum gerade der aufstrebenden BRICS-Staaten. Der derzeitige afrikanische Boom ist somit eng mit Ressourcenexporten verknüpft. Wem nützt das – und wem nicht?

 

von Henning Melber

 

Die Wochenzeitschrift Economist titelte zur Jahrhundertwende (am 11. Mai 2000) mit der Überschrift »Hopeless Africa« und zog damit Schimpf und Schande auf sich. Am 11. März 2013 behauptete eine Cover-Story des Economist das Gegenteil. Die Überschrift lautete nun »Africa rising – a hopeful continent«.

Genauso hoffnungsvoll gibt sich der aktuelle Human Development Report (HDR) vom United Nations Development Programme (UNDP), der wenige Tage später mit dem Titel »Der Aufstieg des Südens« herauskam.1 Es fragt sich nur, wessen Perspektive das repräsentiert.

 

Neue Akteure, alte Interessen

Folgt man der Prognose des HDR, so bietet der neue Wettlauf um Afrikas Ressourcen eine Chance für die Menschen auf dem Kontinent. Nicht zufällig verheißt der Titel des Reports menschlichen Fortschritt dank des Aufstiegs südlicher Staaten. Denn die neuen globalen Akteure und deren rohstoffhungrige Industrien in China, Indien, aber auch Indonesien, Brasilien, Mexiko, Türkei und anderswo haben zu einer Verschiebung der weltwirtschaftlichen Hierarchien und Konkurrenzverhältnisse beigetragen. Damit gingen steigende Preise für zahlreiche Rohstoffe einher.

Davon profitierten die Außenhandelsbilanzen der rohstoffreichen Länder Afrikas während des letzten Jahrzehnts, trotz eines vorübergehenden Konjunkturdämpfers durch die weltweite Finanzkrise. Jährliche wirtschaftliche Wachstumsraten von über zehn Prozent waren keine Seltenheit und stellten das Afrikabild bei potenziellen Investoren und Spekulanten auf den Kopf, wie das Beispiel des Economist zeigt.

Die entscheidenden Auseinandersetzungen drehen sich derzeit um die Sicherung des Zugangs zu den Ressourcen, vor allem Rohöl, Erdgas, strategische Mineralien, Buntmetalle und Edelsteine, aber auch Kohle. Wichtig ist, wer den Abbau und Export der Rohstoffe kontrolliert. Beim neuen Wettlauf um Afrika sind nun auch die BRICS-Staaten am Start. Und der Wettlauf schafft für die Mächtigen in Afrika neue Optionen. Angolas »Öligarchie« vermochte zum Beispiel geschickt zwischen westlichen Öl-Multis und denen aus China zu lavieren. Eine neue Elite profitiert vom Abbau und Transfer unverarbeiteter Ressourcen, etwa indem sie sich für die Vergabe von Lizenzen kräftig schmieren oder als stille Teilhaber am Geschäft beteiligen lässt. Aber eine interne volkswirtschaftliche Wertschöpfung durch Weiterverarbeitung findet dadurch weiterhin nicht statt.2

Entgegen der scheinbaren afrikanischen Erfolgsgeschichte deuten die sozialen Realitäten darauf hin, dass dies weitgehend ein Eliteprojekt bleibt. Von diesem profitiert nur ein Bruchteil der lokalen Bevölkerung.

 

Reich, aber arm

Statistiken suggerieren oftmals zweifelhafte Erfolgsgeschichten. Am Beispiel der sozialökonomischen Daten Namibias aus dem HDR zeigt sich erneut die Fragwürdigkeit statistischer Verallgemeinerungen. Das einstige südwestafrikanische Mandatsgebiet, seit 1990 unabhängig, ist ein rohstoffreiches Land. Es ist derzeit der viertgrößte Produzent von Uranoxid (»yellow cake«) für den Weltmarkt, verfügt über große Vorkommen an Diamanten, Kupfer, Zink, Gold und anderen Primärgütern des Bergbaus, darunter zahlreiche strategische Metalle und Mineralien. Des Weiteren exportiert Namibia Rindfleisch, Fisch und andere landwirtschaftliche Produkte (wie zum Beispiel kernlose Tafeltrauben, die unter anderem in deutschen Ladenketten feilgeboten werden) auf den europäischen Markt.

Das jährliche durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen für die knapp 2,3 Millionen EinwohnerInnen liegt mit etwa 6.000 US-Dollar dementsprechend hoch. Namibia fällt in die Kategorie eines Landes mit »höherem mittlerem Einkommen«. Das wäre auf einer Länderskala nach Durchschnittseinkommen der Platz 101. Der Index menschlicher Entwicklung hingegen liegt bei einem Wert von 0,608, was Rang 128 und damit eine Differenz von -27 bedeutet. Der relative Wohlstand korrespondiert also keinesfalls mit den entsprechenden Lebensbedingungen für die Mehrheit der Bevölkerung. Größere soziale Disparitäten gibt es fast nur in den arabischen Ölemiraten und anderen an Öl oder Bergbauvorkommen reichen Staaten Afrikas. Beispiele dafür sind Äquatorial Guinea (-97), Botswana (-55), Südafrika (-42), Gabon (-40), Angola (-35) sowie die monarchistische Diktatur Swasiland (-30).

Diese Diskrepanz wird im Falle Namibias noch deutlicher, wenn die (Ungleich-)Verteilung des volkswirtschaftlichen Jahreseinkommens herangezogen wird. Der Gini-Koeffizient (eine Maßeinheit zur Ermittlung gesellschaftlicher Ungleichheit bei der Einkommensverteilung) ist mit 63,9 von hundert der höchste aller erfassten Länder. Die mit der innergesellschaftlichen Ungleichheit verbundene Einordnung ist noch um -16 Ränge niedriger als jene auf dem Index der menschlichen Entwicklung. Das ist nach Südkorea (-18) und Venezuela (-17) die drittgrößte Verschlechterung. Nicht zuletzt dadurch wird die häufige Feststellung bestätigt, dass Namibia ein reiches Land mit armen Menschen ist. Ähnliche Negativtrends finden sich nur in Staaten Südamerikas und anderen Ländern Afrikas wie Angola (-12) und Nigeria (-13), aber pikanterweise auch in den USA (-13), wenngleich auf deutlich höherem Einkommensniveau.

 

»Stealing Africa«

Bleiben wir noch beim Beispiel Namibia, um die Diskrepanzen zwischen Rohstoffreichtum, erwirtschaftetem Einkommen und Armut zu illustrieren (nicht zuletzt, weil Namibia als Positivbeispiel nachkolonialer Entwicklung gilt): Berechnungen für die Nationale Planungskommission im Jahre 2008 ergaben, dass die reichsten 5,6 Prozent der Bevölkerung 53 Prozent der jährlichen Gesamtausgaben tätigten. Das kontrastiert mit den knapp 52 Prozent der ärmsten Bevölkerung, die nur 8 Prozent der Gesamtausgaben tätigen.3 Wer meint, dass ein natürlicher Rohstoffreichtum auch der Bevölkerungsmehrheit zugute kommt, wird also enttäuscht. Dies gilt auch für die Annahme, dass die Extraktion von Ressourcen automatisch Arbeitsplätze schafft: Die Arbeitslosigkeit in Namibia beläuft sich nach offiziellen Angaben auf etwa 50 Prozent.

Auch in anderen Ländern Afrikas kommt der Abbau der natürlichen Reichtümer nur selten der Mehrheit zugute. Die Hoffnung, dass Rohstoffeinnahmen sinnvolle Infrastrukturprojekte oder eine weiterverarbeitende Industrie und damit Arbeitsplätze schaffen, erfüllt sich kaum. Im Gegenteil ist zuweilen vom »Ressourcenfluch« die Rede: Profite werden nicht reinvestiert, sondern landen bei ausländischen Aktionären oder auf Auslandskonten heimischer Politiker. Die Kluft zwischen arm und reich wächst. Am desolatesten wird die Lebenslage der einfachen Leute, wenn der Abbau vollends in die Hände krimineller Eliten fällt. Mobutu Sese Seko hatte während seiner Diktatur in Zaire ein Privatvermögen im Ausland angehäuft, das die gesamte Staatsschuld des Landes überstieg.

Der Economist traute seiner oben angeführten optimistischen Prognose selbst nicht ganz, und stellte seine Titelgeschichte zum Aufstieg Afrikas zur Diskussion. Dabei kam zur Sprache, dass Entwicklung nicht nur in Wachstumsraten gemessen werden kann. Afrikas Anteil am Fertigwarenexport auf dem Weltmarkt stieg von 1,0 Prozent im Jahre 2000 auf 1,3 Prozent acht Jahre später. Gleichzeitig fand ein Rückgang von arbeitsintensiver verarbeitender Industrie auf niedrigem Technologieniveau statt; deren Exportanteil fiel von 25 auf 18 Prozent. Eine dauerhafte wirtschaftliche Entwicklung durch wertschöpfende Maßnahmen rückt somit in noch weitere Ferne.4

Nicht, dass hier jede Form der wachstumsorientierten Industrialisierung unkritisch als  Entwicklungsmaxime suggeriert werden soll – denn es fehlt derzeit eine tragfähige alternative Produktionsweise, die auf erneuerbaren Ressourcen basiert. Noch weniger schafft jedoch der real existierende Raubbau an Rohstoffen Voraussetzungen für eine sinnvolle Entwicklung.

Die Profiteure sind neben den internationalen Konzernen lokale Eliten, deren korrupte Praktiken und Selbstbedienungsmentalitäten dazu beitragen, dass die Bevölkerungsmehrheit weiterhin ohne entlohnte Arbeit bleibt. In den Minen überschreiten die Arbeitsbedingungen bei miserablen Löhnen häufig die Grenze des Zumutbaren, obgleich die Profite immens sind, wie das Beispiel (s.u.) des Rohstoffkonzerns Glencore in Sambia dokumentiert. Die Ölförderung in Nigerias Niger-Delta und anderswo ist ähnlich ernüchternd. Dabei spielt es kaum eine Rolle, welcher Herkunft die multinationalen Unternehmen im Energie- und Bergbausektor oder im Agrar-, Fisch- oder Holzsektor sind. Unlängst enthüllte der spektakuläre Diamantenklau aus einem Flugzeug in Brüssel, dessen illegale Ladung vermutlich für Schleifereien in Antwerpen bestimmt war und aus Simbabwes Marange-Mine stammte (geschätzter Wert der dortigen Vorkommen: 800 Milliarden US-Dollar), in welcher Größenordnung natürliche Reichtümer aus Afrika geplündert werden.

Sambia wurde durch das Unternehmen Glencore des südafrikanischen Magnaten Ivan Glasenberg (der es mit knapp zehn Milliarden Dollar Privatvermögen unter die Top Ten der in der Schweiz ansässigen Reichen schaffte) über Jahre hinweg um jegliche Steuereinnahme aus dem Kupferabbau systematisch und vorsätzlich geprellt, wie ein eindrucksvoller Dokumentarfilm von Christoffer Guldbrandsen für die BBC (»Stealing Africa«) enthüllte. Nach Schätzungen der Ökonomin Sarah Freitas der Washingtoner »Global Financial Integrity« wurde Sambia zwischen 2001 und 2010 durch die Bergbau-Multis insgesamt um mindestens 8,8 Milliarden US Dollar betrogen. Das sind große Profitspannen in einem armen Land: Im letzten HDR der UNDP rangiert Sambia auf Rang 163 und damit unter den 25 am wenigsten entwickelten Ländern der Erde.

 

Anmerkungen

1             The Rise of the South: Human Progress in a Diverse World. New York 2013.

2             Vgl. Southall/Henning Melber (Hg.), A New Scramble for Africa? Imperialism, Investment and Development. Scottsville 2009.

3             Central Bureau of Statistics/National Planning Commission, A Review of Poverty and Inequality in Namibia. Windhoek 2008, S. 34.

4             Siehe www.economist.com/debate/days/view/954/

 

 

Henning Melber ist Direktor emeritus der Dag Hammarskjöld Stiftung in Uppsala und Professor am Department of Political Sciences/University of Pretoria und dem Centre for Africa Studies/University of the Free State.

336 | das Ende der Armut
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