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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 336 | das Ende der Armut "Im Regen des Südens" und "Eine Liebe fürs Leben"

"Im Regen des Südens" und "Eine Liebe fürs Leben"

"Lluvia" Argentinien 2008, 110 Min, Regie: Paula Hernández und "Un Amor". Argentinien 2011, 99 Min. Regie: Paula Hernández. Beide sind auf DVD erhältlich.

Zwei argentinische Spielfilme über die Liebe in schwierigen Zeiten


In "Lluvia" regnet es fast ununterbrochen den Film hindurch, drei Tage lang. Alma (Valeria Bertuccelli) steht mit ihrem alten Renault im Stau. Sie steigt aus, sucht schnell etwas in einem Laden an der Straße zusammen. Mineralwasser, eine Reisezahnbürste, ein Snack, ein Schwangerschaftstest. Sie nimmt ihre Thermoskanne und füllt sie am Automaten für heißes Wasser. Für den Matetee. In einem Waschraum putzt sie sich die Zähne, wäscht sich unter den Armen. Sie ist im öffentlichen Raum, aber allein. Später wird sie zu Roberto (Ernesto Alterio) sagen, dass er seit Tagen der erste Mensch ist, mit dem sie länger als ein paar Minuten spricht. Aber noch kennt sie ihn nicht.

Irgendwo hinter dem Stau findet eine Demonstration statt. Es knallt – Schüsse oder Donner? Menschen rennen zwischen den Autoreihen entlang. Die Beifahrertür wird geöffnet, Roberto lässt sich auf den Sitz fallen. Alma erschrickt. Roberto erklärt, ihr nichts zu tun, bittet sie, im Auto sitzenbleiben zu dürfen. Sie rauchen. Seine Fortuna sind durchnässt, sie gibt ihm eine von ihren Zigaretten. Wie in einer kleinen Kapsel sitzen sie da, draußen der Regen und das normale Chaos der Großstadt.

Gedreht ist der Film in Buenos Aires, aber es könnte irgendeine Großstadt sein. Der Film spielt an großen Straßen und Wohnquartieren, an alltäglichen Orten jenseits markanter Sehenswürdigkeiten. Alma steigt aus, geht herum, steigt wieder ein. Beide sind verschlossen, einsam in den Kokons ihrer Verunsicherung und Sorgen. Sie fangen an, miteinander zu reden. Befangen bricht ihr Gespräch öfter ab. Sie verabschieden sich. Später bringt Roberto Alma, die immer noch im Stau steht, Essen aus einem Restaurant vorbei. Das Auto ist leer, er stellt es auf den Beifahrersitz. Sie kommt hinzu, brüllt ihn an, was er sich anmaßt, woher er wisse, dass sie etwas Essen müsse. Vor den Kopf gestoßen geht Roberto, sie ihm nach einem Moment hinterher. War nicht so gemeint. Sie setzt ihn bei dem Hotel ab, in dem er wohnt.

Während bei Alma das argentinische Spanisch leicht erkennbar ist, hört sie bei Roberto den Spanier heraus - er ist vor Jahrzehnten ausgewandert. Langsam kommen sie aus ihrer gegenseitigen, verschlossenen Verschwiegenheit heraus. Es ist gut, jemanden zum Reden zu haben. Alma geht ins Hotel, vor dem sie Roberto abgesetzt hat und findet ihn. Sie gehen zusammen Essen, er erzählt von seiner Frau Laura und seiner sechsjährigen Tochter Nina in Madrid.

Dass er nach Buenos Aires gekommen ist, um seinen sterbenden Vater zu sehen, offenbart er Nina erst viel später im Film. 30 Jahre lang hat er seinen Vater nicht gesehen. Sechs Jahre alt war er, als er und seine Mutter von ihm verlassen wurden. Nun steht er da, in der Wohnung, die er nach dem Tod seines Vaters auflösen muss. Er findet nicht, was er sucht: Nähe, Zuwendung. Verloren steht er inmitten der Sachen seines Vaters.

In einem heftigen Streit gehen Alma und Roberto auseinander. Sie weiß nicht, dass er mit dem Verlust seines Vaters beschäftigt ist. Als er ihr vorhält, dass es wichtig sei, sich nicht seiner Verantwortung zu entziehen, dass es nicht ginge, ein Kind zu verlassen, versteht sie seine Vehemenz nicht. Sie fühlt sich bedrängt und verletzt.

Den Schwangerschaftstest hat sie noch nicht gemacht. Aber sie lebt seit Tagen im Auto. Oft ruft ein Andrés an, sie geht nicht ran. Einmal geht sie in die Wohnung, wo sie bis vor kurzem mit Andrés gelebt hat. Am Kühlschrank hängen die Fotos, die zeigen, wie sie sich umarmen. Sie läuft durch die Wohnung, als wäre es nicht ihre. Alles wirkt schön, aber unpersönlich. Vielleicht liegt das nur an der Art, wie sich Alma durch die Räume bewegt.

Spät bemerkt Roberto, dass Alma immer im Auto übernachtet. Sie streitet das erst ab. Eines Morgens hat sie sich bei Andrés nur noch fremd gefühlt, erzählt sie schließlich. Ihr Auto sei aufgebrochen worden. Früher hätte sie dann Andrés angerufen, aber sie hatte keine Lust dazu. Sie erfand eine berufliche Reise und nahm ein paar Dinge mit ins Auto, um dort zu wohnen. Roberto ist entsetzt und überzeugt sie, sich eine neue Wohnung anzuschauen.

Es ist nicht alles plötzlich gut. Aber Alma und Roberto haben sich gegenseitig geöffnet. Es ist nicht gut, aber es ist besser.

„Lluvia“ ist eine cineastische Absage an Heimatideologien. Die beiden ProtagonistInnen laufen nicht mit irgendwelchen Wurzeln herum – ermutigend, dass es eben nicht um argentinische versus spanische Identitäten geht. Sie sind zwar durch die Gesellschaften geprägt, in denen sie leben. Aber sie stehen als fragile, verletzliche Persönlichkeiten im Zentrum der Handlung. Das gibt dem Film eine schöne humanistische Schwingung. Damit korrespondiert leise, aber bestimmt die Alltäglichkeit der Orte, an denen sie sich bewegen. Und deren vage Unbestimmtheit unterstreicht, wie wichtig zwischenmenschliche Beziehungen zur eigenen Verortung sind – und wie unnötig repräsentative Architektur oder Nationalfahnen.

Die Bildsprache des Filmes wird getragen von ununterbrochen fallendem Wasser. Regisseurin Paula Hernández hat dem Film einen ruhigen Rhythmus gegeben, in dessen feinem Spiel die persönlichen Schwankungen von Alma und Roberto sichtbar werden.

 

Drei Jahre nach „Lluvia“ drehte Paula Hernández ihren dritten Spielfilm „Un Amor – Eine Liebe fürs Leben“. Er tourt derzeit durch die deutschen Programmkinos, ist aber auch auf DVD erhältlich. In „Un Amor“ geht es vordergründig um eine Dreiecksliebesgeschichte, hintergründig aber um die eigene Verortung, um Lebensentwürfe in der argentinischen Gesellschaft und um Moral – von den Zeiten des Aufbruchs und der Militärdiktatur in den 1970er Jahren bis heute.

Der 15-jährige Lalo (Agustin Pardella) und der 16-jährige Bruno (Alan Daicz) zwei beste Jugendfreunde, durchleben in der Kleinstadt Victoria im Hinterland Argentiniens einen heiteren, flirrenden Sommer. Die farbsatten Bilder sind lichtdurchflutet. Als Lisa (Denise Groesman) auftaucht, ist alles anders. Das gleichaltrige Mädchen geht offensiv auf die beiden Jungen zu, flirtet, begehrt, wird begehrt. Wunderbar die Szene, als sie die Jungs in einen Swimmingpool einlädt. Wenig später taucht ein ordnungsbewusster Nachbar auf und verscheucht sie vom Gelände – das sei Hausfriedensbruch. Lisa entgegnet offensiv, der Pool sei verlassen und ungenutzt. Es gibt viele solch unspektakuläre, aber tragende, symbolische Szenen. Lalo kommt mit Lisa zusammen, träumt davon, sie zu heiraten. Doch eines Tages reist Lisa mit ihren Eltern überstürzt ab, ohne zuvor ein Wort darüber zu sagen, ohne Abschied.

Es ist die Zeit der Diktatur von General Videla in Argentinien. Die Bekämpfung der linken Opposition durch inoffizielle Verhaftungen und Gefängnisse, Folter, Verschwindenlassen, blanken Staatsterror wird im Film zwar nicht angesprochen, aber als bekannt vorausgesetzt. Nur einmal erklärt Lisa auf Lalos Frage, wie sie denn nach Victoria gekommen sei, dass ihre Eltern von der Universität geflogen sind, dass sie schon Zeit im Ausland verbracht hat – im Exil, klar.

Die Montage des Filmes verwebt mit feinen Erzählfäden zwei Zeitebenen: 30 Jahre später kehrt Lisa (jetzt gespielt von der Sängerin Elena Roger) nach Argentinien zurück, findet in Buenos Aires Bruno (Diego Peretti), nimmt mithilfe von dessen ambivalenter Hilfsbereitschaft Kontakt zu Lalo (Luis Ziembrowski) auf, der immer noch in Victoria lebt und eine Autowerkstatt betreibt. Die Regisseurin hat zu den erwachsenen Charakterschauspielern passende jugendlichen DarstellerInnen gesucht und gefunden und lässt diese im szenischen Dialog miteinander spielen. Zwischen den Bildern, zwischen den Szenen entwickelt sich so eine melancholische Erinnerung des Bedauerns, des Begehrens, der Zuneigung durch die Jahrzehnte.

Die jugendliche Unbeholfenheit wechselt sich ab mit erwachsener Offenheit. Bruno erklärt seiner Frau Nora (Valeria Lois), Lisa sei eine Jugendfreundin, und: „Ihre Eltern waren Intellektuelle, Revolutionäre und hatten Super 8!“ Hin und her gerissen ist Bruno zwischen der Einladung zu einer bar mitzvah und der Aufforderung Lisas, mit ihr nach Victoria zu fahren. Beinahe beiläufig kommt heraus, dass Lisa mit ihren Eltern zuerst nach Brasilien geflohen ist, ihre Mutter aber mittlerweile in Venezuela wohnt - dem Land der bolivarianischen Revolution, aber auch dies wird nicht ausgesprochen.

Lalo ist nie darüber hinweg gekommen, dass Lisa plötzlich weg war. Die Flucht ihrer Familie hat ihm die Liebe seines Lebens genommen. Der Originaltitel des Filmes lautet „Un amor para toda la vida“, eine Liebe für das ganze Leben. Er hat versucht, sie ausfindig zu machen, war aber unfähig, ihre Briefe zu lesen.

„Es ist das Porträt eines besonderen Lebensabschnitts und auch ein Moment in der Geschichte. Die 1970er Jahre in Argentinien sind nur leicht angedeutet, weil der Fokus auf den Dreien liegt, aber sie sind da, es gibt klare Kennzeichen dieser Generation, die in vielen Belangen von der Diktatur geprägt ist“, so Paula Hernández in einem Interview. So ist „Un amor“ alles andere als eine melodramatische Liebesgeschichte, eher eine Erzählung über die Hindernisse für die Liebe und für das ganze Leben. Die rigorose Verfolgung der Linken durch die Militärdiktatur hatte Auswirkungen nicht nur auf die Verfolgten, sondern auch auf ihr soziales Umfeld. Paula Hernández: „Es ist mir wichtig, die Geschichte in einen politischen und sozialen Kontext zu stellen, sowohl im Damals wie im Heute, aber es soll nicht im Vordergrund stehen, sondern unterschwellig wahrnehmbar sein.“

Es ist dieser Subtext, der den ganzen Film durchzieht: Die Auswirkungen der Diktatur und der Exilierung für soziale Beziehungen. An den Folgen davon, dass sie ohne Abschied heimlich verschwinden muss aus Victoria, trägt nicht nur Lisa schwer, auch die beiden zurückbleibenden Jungen werden dadurch gezeichnet. So ist ihr Wiedersehen von verdrängten Sehnsüchten, Verletzungen und Begehren geprägt, im Wissen der Drei darum, dass ihre Beziehungen trotz aller Bemühungen gescheitert sind.

 

von Gaston Kirsche

 

Im Regen des Südens – Lluvia. Argentinien 2008, 110 Min, Regie: Paula Hernández. Nun als DVD erhältlich bei www.trigon-film.org

Un Amor – Eine Liebe fürs Leben. Argentinien 2011, 99 Min. Regie: Paula Hernández. Ebenfalls als DVD erhältlich bei trigon-film.

336 | das Ende der Armut
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