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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 336 | das Ende der Armut Berliner Entwicklungspolitischer Ratschlag e.V. (BER): Wer anderen einen Brunnen gräbt

Berliner Entwicklungspolitischer Ratschlag e.V. (BER): Wer anderen einen Brunnen gräbt

Rassismuskritik/ Empowerment/ Globaler Kontext Berlin 2012. 88 Seiten, 8.- Euro. Bezug: www.ber-ev.de/bestellungen

Wie aus dem Lehrbuch

Eine rassismuskritische Broschüre tendiert zum Schwarz-Weiß-Denken


»Wer anderen einen Brunnen gräbt« – das ist ein gelungener, weil schön doppeldeutiger Titel für eine Broschüre, die sich mit dem Zusammenhang von Entwicklungszusammenarbeit (EZ) und Rassismus befasst. Herausgegeben wird sie vom Berliner Entwicklungspolitischen Ratschlag (BER), der selbst Akteur der kommunalen Entwicklungspolitik ist und daher aus eigener Erfahrung weiß, wovon er spricht.

Bereits 2007 hatte der BER zum selben Thema die Publikation »Von Trommlern und Helfern« veröffentlicht. Sie war in der entwicklungspolitischen Szene auf große Resonanz gestoßen, denn sie traf einen Nerv. Die Einsicht, dass auch wohlmeinende Weiße Deutsche, die sich in Projekten der EZ engagieren, nicht frei sind von rassistischen Weltbildern und Stereotypen, war zwar für manche irritierend. Sie stieß aber auch auf große Zustimmung und Bereitschaft zur Selbstkritik. Von den Erblasten des Kolonialismus, der bereits früher immer das Moment des Paternalismus beinhaltete, können sich eben auch die sinnsuchenden Weltenretter von heute nicht ganz frei machen – und viele von ihnen wissen das.

Jung und engagiert

Die neue Broschüre soll nun eine neue Zielgruppe erschließen: »Junge Leute, die von Themen wie (Post-)Kolonialismus, Empowerment, Rassismus, Entwicklungszusammenarbeit und Internationale Freiwilligendienste bewegt werden«. Erstellt wurde sie von einem jungen Redaktionsteam, bestehend aus People of Color und Weißen. Für die Beteiligten war die Arbeit an der Broschüre »persönlich wichtig«, wie sie im Vorwort schreiben: »Für die Weißen unter uns war es vielleicht mehr ein Erwachen, ein Erkennen und Bewusstwerden über Weißsein und die damit verbundenen Privilegien. People of Color dagegen erleben Weiße Räume oft in Verbindung mit Diskriminierung und Unterdrückung.«

Die Broschüre versammelt zahlreiche kürzere einführende Texte zu Schlüsselbegriffen wie Rassismus, Exotismus oder Empowerment. Die LeserInnen erfahren eine Menge über die koloniale Genese des Alltagsrassismus und wie er sich heute an Schulen, im Tourismus oder eben in der EZ manifestiert. Bei den AutorInnen wurde großer Wert auf die Repräsentanz von Schwarzen Deutschen gelegt. Der theoretische Zugang erfolgt vor allem über postkoloniale Ansätze, mit besonderer Berücksichtigung von Critical Whiteness. Das heißt, es wird nicht nur über die rassistische Abwertung von Schwarzsein geschrieben, sondern auch über gesellschaftliche Konstruktionen des Weißseins. Leitfrage dabei ist: Welche (meist unausgesprochenen und ‚selbstverständlichen’) Privilegien gehen mit Weißsein einher? Betrachtet wird sowohl die individuelle Ebene bei der Begegnung mit Nichtweißen, aber auch die globale Ebene in der Weltwirtschaft oder in der EZ.

Der persönliche Zugang vieler AutorInnen zum Thema hat Vorzüge, er lässt eigene Erfahrungen mit Rassismus plastisch werden – gleich ob als Diskriminierte/r oder als Diskriminierende/r. Allerdings ist dabei eine gewisse (Selbst-)Schematisierung samt rigider schwarz-weißer Zuschreibungen unübersehbar. Ein Beispiel dafür ist die selbstkritische Auseinandersetzung zweier junger Weißer Deutscher mit ihren eigenen Tagebucheinträgen, die sie zwei Jahre zuvor bei Auslandsaufenthalten im Rahmen des weltwärts-Freiwilligendienstes verfasst hatten. Annika schrieb damals kurz nach ihrer Ankunft in Malawi: »Es ist alles so anders. Alles riecht, schmeckt, hört und fühlt sich anders an«. Heute kommentiert sie diese Worte so: »Mittlerweile haben wir gelernt, dass dieser Prozess des ‚Anders-Machens’ ein typischer Mechanismus des Rassismus ist, der Unterschiede erst herstellt.«

Zwar ist das »Anders-Machen« tatsächlich eine Grundstruktur des Rassismus, doch im konkreten Fall scheint die Selbstanklage reichlich überzogen: Würde eine junge Frau aus Malawi an ihrem zweiten Tag in Deutschland nicht Ähnliches schreiben? Was ist daran rassistisch, wenn jemand die banale Reiseerfahrung kund tut, dass es anderswo auf der Welt ‚anders’ ist? Die Selbstbezichtigungen von Annika und ihrem Mitautor Julian wirken jedenfalls einstudiert, so als ob die beiden schablonenhaft ein kanonisiertes Wissen über die Entstehung von Rassismus anwenden. Der lehrbuchartige Jargon mit seinen immergleichen Vokabeln und Redewendungen zieht sich durch die gesamte Broschüre. Eine lebendige, kontroverse Diskussion über (Anti-)Rassismus wird damit nicht gerade befördert.

Wenn Annika und Julian dann Sätze schreiben wie: »Uns wird bewusst, wie viele Rassismen wir reproduzierten« und »Angst und Scham haben uns lange von einer Auseinandersetzung damit abgehalten«, drängt sich sogar beinahe der Eindruck auf, ihre Reue beruhe auf Brainwashing – nur dass es nicht um religiös motivierte Buße geht, sondern um überschießende Formen von Political Correctness. Diese sind ebenso strikt identitätspolitisch aufgeladen (wer sagt was von welchem Sprechort aus?) wie Hautfarben-orientiert.

Renaissance der Hautfarbe

Im Rahmen der deutschsprachigen Debatten über Critical Whiteness ist dieses überschießende identitätspolitische Moment immer öfter zu beobachten; die »Brunnen«-Broschüre fügt sich nahtlos in den allgemeinen Trend ein. In der antirassistischen Szene ist im letzten Jahr ein heftiger Streit über die richtige Strategie des Antirassismus entbrannt: Gilt nun »Decolorise it!«, wie es die KritikerInnen von Critical Whiteness fordern – in der ideologiekritischen Absicht, ein rassistisches Konzept wie ‚Hautfarbe’ zu dekonstruieren? Oder gilt »Color matters!«, wie es insbesondere People of Color formulieren – weil allem Gerede vom Verschwinden der Hautfarben zum Trotz die alltägliche Diskriminierung eben doch entlang von Hautfarbe ‚funktioniert’?

In dieser wichtigen Debatte über den Zusammenhang von Hautfarbe, Identität und Diskriminierung kommt es immer stärker zu binären Schwarz-Weiß-Zuschreibungen, in denen dann das, was konkret gesagt wird, hauptsächlich daran gemessen wird, von wem es gesagt wird. Ein Beispiel aus der »Brunnen«-Broschüre soll diese Problematik illustrieren. Maureen Maisha Eggers versucht in ihrem Beitrag »Rassismus-Missverständnisse« nachzuweisen, dass People of Color gegenüber Weißen nicht rassistisch sein können. In der öffentlichen Diskussion über »Deutschenfeindlichkeit« in bestimmten migrantischen Milieus war von Konservativen der Eindruck erweckt worden, als gebe es unter MigrantInnen einen Rassismus, der dem der Mehrheitsgesellschaft ebenbürtig sei. Es gibt gute Gründe, letztere Annahme abzulehnen; MigrantInnen haben allenfalls punktuell und situativ, nicht aber strukturell die Macht, Weiße als solche zu diskriminieren.

Doch ein Beispiel, das Eggers zur Untermauerung ihrer These anführt, führt geradewegs in identitätspolitische Fallen. Sie berichtet von einer rassismuskritischen Tagung: »Ein Moment der Irritation verursacht die Schilderung eines Lehrers. Er arbeitet an einer Schule, zu deren Auftrag es gehört, auch Jugendliche of Color, offenbar mit vorwiegend kurdischem Hintergrund, dabei zu unterstützen, ihren Sekundarabschluss zu erreichen oder nachzuholen. Seine Bemerkung lautet, diese Jugendlichen würden sich weigern, Weißen deutschen Lehrerinnen die Hand zu geben. So ein Verhalten sei frauenverachtend und nicht hinnehmbar. Er stellt sich die Frage, wie man damit umgehen soll.«

Eggers richtet nun einen Rassismusvorwurf an den (offensichtlich weißen) Lehrer: »Die rassistisch markierten Jugendlichen of Color sind (…) in ihrer wahrgenommen sozialen Praxis als frauenfeindlich sichtbar gemacht worden«. Sie unterstellt zugleich dem Lehrer, er homogenisiere die Weiße Gruppe, indem er ihr einen Konsens der Frauenachtung unterstelle. Von einer Homogenisierung kann – ausgehend von Eggers eigener Schilderung – jedoch keine Rede sein, weder hinsichtlich ‚der’ Jugendlichen of Color noch ‚der’ Weißen. Der Lehrer hat mit seiner Beobachtung nichts anderes als ein konkretes Problem benannt, mit dem er in seinem Alltag konfrontiert ist. Soll er es nicht ansprechen können (wohlgemerkt auf einer rassismuskritischen Tagung), nur weil er weiß und männlich ist?

Wohin führt eine solche Engführung, wenn sie zu Ende gedacht wird? Sie führt weg vom Anspruch universaler Gültigkeit von Rechten und mündet direkt in einen hochproblematischen Relativismus. Hochproblematisch deshalb, weil er nicht nur kulturell aufgeladen ist wie der Kulturrelativismus, sondern sogar explizit entlang von Hautfarben urteilt. So richtig es ist, bestehende Diskriminierungen nicht als bloßen Kulturrassismus zu verharmlosen und ihren biologistisch-rassistischen Gehalt kenntlich zu machen, so fatal ist es, jegliche Äußerung einem Hautfarben-Check zu unterziehen. Nicht wenige Texte in der »Brunnen«-Broschüre tendieren jedoch genau dazu.

Sie fallen damit zurück hinter den ursprünglichen Anspruch der Postcolonial Studies, die Definierung von Kollektiven anhand von Hautfarbe und Herkunft zu dekonstruieren – in der normativen Absicht, sie zugunsten von Hybridität und Transnationalität zu überwinden. Dieses radikal gesellschaftsverändernde Moment wird in den aktuellen Critical Whiteness-Ansätzen zunehmend aufgehoben. Stattdessen machen sich ein lähmender Hautfarben-Fatalismus und ein hochmoralischer Schuldzuweisungsmechanismus breit, bei denen für jede/n eine fest gefügte Rolle als POC oder Weiße/r vorgesehen ist. Veränderung geht anders.

Ein nerviger Suchprozess

Die Diskussion über gesellschaftliche Konstruktionen von Weißsein steht im deutschsprachigen Raum noch am Beginn. Sie findet zugleich statt in einem Umfeld, das historisch wie aktuell von besonders aggressiven Formen des Rassismus geformt ist. Anders als in anderen postkolonialen Gesellschaften wie etwa in Großbritannien ist die Auseinandersetzung mit Konzepten wie Identität und Hybridität in Deutschland ein Nischenthema.

Insofern ist »Wer anderen einen Brunnen gräbt« Ausdruck eines Suchprozesses, der noch am Beginn steht und der notwendigerweise Übertreibungen und falsche Vereindeutigungen hervorbringt. Zwischentöne sind in diesem Prozess vorerst verpönt, die Polarisierung wird ins Extrem getrieben und das Freund-Feind-Denken nimmt überhand. All diese enervierenden Phänomene sind freilich auch aus anderen Debatten bekannt, etwa aus jenen über Antisemitismus.

Trotzdem müssen diese Debatten geführt werden – wenn es sein muss auch im Streit. Eine bestimmte Perspektive darin stark gemacht zu haben, ist zweifelsohne ein Verdienst der Broschüre. Dass sie diese Perspektive verabsolutiert, reizt jedoch zum Widerspruch.

von Christian Stock

336 | das Ende der Armut
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