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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 336 | das Ende der Armut Aufs falsche Kamel gesetzt

Aufs falsche Kamel gesetzt

von Claus-Dieter König

Die Konflikte um Tuareg und Islamisten im Norden Malis haben eine lange Vorgeschichte

Der Kampf um Unabhängigkeit ist ein wichtiger Bestandteil der Geschichte der Tuareg (die sich selbst Kel Tamasheq nennen, siehe Kasten). Bereits seit Ende des 19. Jahrhunderts widersetzten sie sich der französischen kolonialen Invasion, hatten aber schließlich gegen die Waffen der Franzosen keine Chance. Bis 1917 waren in Mali und Niger Verträge unterzeichnet, die die Unterordnung unter das Kolonialregime festlegten.

Vor der Unabhängigkeit von 1960 verfolgte Frankreich eine Strategie der Autonomie der Sahara-Regionen. Es ging schon damals um einen Zugriff auf Rohstoffe, insbesondere auf die Ölvorkommen in Algerien. Der Plan scheiterte schließlich und ihre Unabhängigkeit erlangten die Kel Tamasheq als Teil von Mali, Niger, Algerien, Libyen und Obervolta (heute Burkina Faso), nicht aber wie versprochen durch einen eigenen Staat. Das nicht eingehaltene Versprechen war ein wichtiger Grund für eine erste Rebellion von Kel Tamasheq im Norden Malis direkt nach der Unabhängigkeit Malis, als der bevölkerungsreichere Süden zwangsläufig den Norden politisch dominierte. Die Revolte wurde von der malischen Armee niedergeschlagen. Noch heute wird die Brutalität ihres Vorgehens als wichtiger Grund für die Entfremdung der Kel Tamasheq vom malischen Staat und für alle weiteren Rebellionen angeführt.

Erschwerend hinzu kamen wiederholte Dürreperioden in den landwirtschaftlich nutzbaren Teilen des Nordens. Viele Kel Tamasheq exilierten sich in Malis Nachbarländer. Eine Serie von kleineren Revolten wurde mit einer Kombination aus militärischer Niederschlagung und Verhandlungen beendet. Nicht selten wurden dabei Differenzen unter verschiedenen Gruppen der Kel Tamasheq ausgenutzt. Im Ergebnis verblieben in der Regel lediglich einige wenige Kel Tamasheq in staatlichen Ämtern. Strukturelle Veränderungen oder eine ernsthafte Initiative zur Entwicklung der nördlichen Region folgten nicht, eine dauerhafte Lösungsstrategie fehlte.

 

Kontrolle aus der Distanz

Nach der Übernahme der Regierungsführung durch Muammar al Gaddhafi und den schweren Dürren von 1973/74 waren viele junge Kel Tamasheq nach Libyen migriert. Dort haben sie Beschäftigung gesucht und gefunden, oftmals als Soldaten. Sie wurden in die »Islamische Legion« Libyens integriert, die unter anderem im Tschad und im Libanon eingesetzt wurde. So etwas wie eine nationale Befreiung wollten diese Kel Tamasheq auch in ihre Herkunftsländer Mali und Niger importieren. Nicht zuletzt durch die Rückkehr von Milizionären aus Libyen erreichten die Revolten im Mai 1990 einen Höhepunkt. Sowohl in Mali als auch in Niger verlangten Kel Tamasheq nun einen Autonomiestatus. Nach militärischen Zusammenstößen, die mehr als tausend Todesopfer forderten, wurde 1991 mit dem Vertrag von Tamanrasset ein Friedensabkommen unterzeichnet, in dem die Dezentralisierung der staatlichen Macht im Norden und die Integration von Kel Tamasheq-Milizionären in die malische Armee vereinbart wurden. Der so genannte Nationale Pakt enthielt einen Entwicklungsplan für den Norden, dessen Umsetzung allerdings an fehlenden finanziellen Mitteln scheiterte. Erneut verschärften Trockenperioden die ohnehin prekären Lebensbedingungen. Die in die malische Armee integrierten Kel Tamasheq waren mit ihrem gering bleibenden Einfluss unzufrieden.

Nach erneuten kämpferischen Auseinandersetzungen wurde 2006 der Vertrag von Algier geschlossen, in dessen Rahmen faktisch unabhängige nordmalische Sicherheitskräfte geschaffen wurden. KritikerInnen dieses Vertrages sehen in ihm die Aufgabe der nationalen Souveränität über den Norden Malis, da faktisch auf das Gewaltmonopol des Staates zugunsten lokaler Milizen verzichtet worden sei.

In den Folgejahren bestand die Strategie der malischen Regierung aus Bewaffnung und Zusammenarbeit mit befreundeten Milizen, es wurde eine ‚Kontrolle aus der Distanz‘ versucht. Wichtiges Element dabei war eine Partnerschaft mit den lokalen Eliten der Kel Tamasheq, die beinhaltete, dass der Zentralstaat über das Fortbestehen der Sklaverei im Norden Malis hinwegsah. Es fehlten rechtliche Mittel sowie eine Ausbildung der Polizei und der lokalen Judikative, um Sklaverei, die sich als familiäre Beziehung ausgibt, als solche zu erkennen. Geflüchtete SklavInnen benötigen wirtschaftliche Unterstützung, um in der Freiheit ein Auskommen zu haben, Schutz vor Angriffen der Sklavenhalter und schließlich auch eine psychologische Betreuung. All dies sind Elemente, die in einem auf Freiheit und Gleichheit der Menschen angelegten Entwicklungsprogramm für die Nordregion Malis unabdingbar gewesen wären.

Stattdessen wurden Gelder aus Projekten der Entwicklungszusammenarbeit veruntreut und zur Bestechung von Führungspersonen genutzt, damit sie mit der Regierung zusammenarbeiten. Um die Kel Tamasheq zu spalten, wurden einzelne Personen in hohe Positionen in Militär und Verwaltung befördert, deren Anforderungen sie jedoch oft wegen mangelnder Schulbildung nicht gewachsen waren. Ein weiteres Element der Strategie war der Verzicht auf militärische Auseinandersetzungen mit den seit 2003 in Mali aktiven salafis-tischen Gruppen aus Algerien, die sich später den Namen Al-Qaeda im Islamischen Maghreb (AQMI) gaben.

Seit etwa 2003 entwickelte sich in massiven Wachstumsschüben das kriminelle Geschäft mit Entführungen westlicher StaatsbürgerInnen sowie dem Drogenhandel. Der Handel mit Drogen, vor allem Kokain aus Lateinamerika für europäische Märkte, reorientiert sich seit 2008 über Transportrouten durch Westafrika, wobei die Nordregion Malis als Umschlagplatz an Bedeutung gewann, da in ihr Polizei und Staatsgewalt bereits wenig präsent waren. Milizen der Kel Tamasheq sowie der Nordmali als ‚gesetzlose‘ Region suchenden jihadistischen Gruppen wie AQMI bauen das Drogen- und Entführungsgeschäft als ihre ökonomische Basis aus. Die Gewinne aus diesen Geschäften sind schwer zu schätzen; als Anhaltspunkt sei genannt, dass 2008 Kokain im Wert von mehr als 10 Mio. Euro durch malische Sicherheitskräfte beschlagnahmt wurde, sicherlich nur ein Bruchteil des Handelsvolumens. Eine einzige Lösegeldzahlung Frankreichs an AQMI für vier Entführte soll 17 Mio. US-Dollar betragen haben.

Teilhaber an den Gewinnen aus diesen Geschäften war auch ein beträchtlicher Teil der Funktionäre aus dem Staatsapparat in der Hauptstadt Bamako. Als Beleg dafür, dass selbst der malische Präsident Amadou Toumani Touré an den Entführungsgeschäften verdient hat, wird häufig angeführt, dass seine Frau in Paris mit Geldscheinen bezahlt habe, deren Herkunft aus Lösegeldzahlungen anhand der Seriennummern nachgewiesen werden konnte.

 

Verwischte islamistische Botschaft

AQMI entstand offiziell im Januar 2007 durch die Erklärung der bisherigen Salafisten-Gruppe für Predigt und Kampf (GSPC) aus dem algerischen Bürgerkrieg, die sich 2003 durch eine erfolgreiche Entführung europäischer TouristInnen als aktive Gruppe zurück meldete. 2008 wurde deutlich, dass ihr Versuch der Etablierung im Maghreb nur Teilerfolge zeitigte. AQMI verlagerte ihre Aktivitäten nach Mali, Mauretanien und Niger. Seitdem genießen sie quasi Immunität auf malischem Staatsgebiet. Zur Strategie der AQMI gehören Allianzen mit lokalen Autoritäten und Führungspersonen, was dazu geführt hat, dass die Gruppierung inzwischen eine gewisse Verankerung im Norden Malis genießt. Es haben sich ihr Milizionäre aus dem Norden Malis angeschlossen, die Führung bleibt aber bis heute maßgeblich algerisch. Auch der AQMI sind somit Strategien des Untertauchens oder des Rückzugs aus den Städten, deren Kontrolle sie nach der aktuellen Intervention Frankreichs verloren haben, in Dörfer und Positionen des Hinterlandes möglich.

Im gesamten Staatsgebiet Malis ist der Islam die vorherrschende Religion, er wird in der Regel tolerant praktiziert. Die Unterdrückung von Frauen hat eher traditionelle gesellschaftliche Wurzeln denn religiöse. Gleichwohl haben reaktionäre islamische Bewegungen in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen, ihre Prediger füllen Moscheen und Stadien und sie haben 2010 ein neues Fami-liengesetz verhindert, das die Position der Frauen gestärkt hätte. Wenn es überhaupt stimmt, dass Kel Tamasheq mehr als andere MalierInnen radikalen Formen des Islam zuneigen, dann ist dies ein Ergebnis der intensiven Missionierung durch entsprechende Gruppen.

Methodisch hat sich bei AQMI der -Jihadismus mit kommerzieller Kriminalität vermischt. Geiselnahmen zur Lösegelder-pressung, Autoschmuggel, Drogenhandel, Geld- und Produktpiraterie sowie Benzinschmuggel prägen gegenüber politischen und religiösen Aussagen zunehmend das Erscheinungsbild. Dies hat Auswirkungen auch auf die innere Struktur: Das Verwischen der ideologischen Botschaft bedeutet, dass materielle Anreize für die Loyalität zur Führung an Bedeutung gegenüber der ideologischen Botschaft gewinnen.

Vom Krieg in Libyen gegen das Gaddafi-Regime konnte die AQMI vor allen anderen Gruppierungen am meisten profitieren. Zuvor bestenfalls mit Kalaschnikows und Sprengstoffen ausgerüstet, konnten sie in Libyen hochwertige Flug- und Panzerabwehrraketen erbeuten oder erwerben.

Mauretanien reagierte in den letzten Jahren bereits mehrfach militärisch gegen die Sicherheitsbedrohung durch die AQMI. Schließlich intervenierte Mauretanien im September 2010 sogar auf malischem Staatsgebiet, denn der Staat Mali hatte sich faktisch aus der Bekämpfung der AQMI zurückgezogen. 2011 entstand mit der Bewegung für die Einheit des Jihad in Westafrika (MUJAO) ein Ableger der AQMI.

 

Erneut im Aufstand

2010 gründet sich die Nationale Bewegung des Azawad (Mouvement Nationale de l’Azawad, MNA), vornehmlich aus dem Kreis jugendlicher Kel Tamasheq mit Schul- und zum Teil Universitätsbildung. Sie protestiert gegen die Gesetzlosigkeit im Norden, die kriminellen Geschäfte und die Beteiligung der politischen Führungsklasse Bamakos daran sowie die Plünderung der Ressourcen durch Regierungen und multinationale Unternehmen. Einige dieser Forderungen wären Anknüpfungspunkte für eine aktuelle Verhandlungslösung, denn sie benennen die wirtschafts-, struktur- und sozialpolitischen Versäumnisse seit der Unabhängigkeit und beim Einlösen von Vereinbarungen, die bereits in vorherigen Friedensverträgen getroffen wurden.

Im Oktober 2011 fand in Zakak, einer Basis der Rebellen, eine Versammlung verschiedener Führungspersonen der Kel Tamasheq und ihrer Milizen statt. Die militärischen Niederlagen der Vergangenheit wurden analysiert und vor allem drei Punkte hervorgehoben: schlechte Bewaffnung und Militärstrategie, das Fehlen eines politischen Armes sowie Uneinigkeit und Spaltung. Erreicht wurde eine weitgehende Einigung, die zur Gründung der MNLA (Mouvement National pour la Libération de l’Azawad) führte. Anders als zuvor integriert die MNLA nicht nur Kämpfer, sondern legt einen Schwerpunkt auf Öffentlichkeitsarbeit und Diplomatie, womit die jungen Führungspersonen der MNA beauftragt wurden. Iyag ag Ghali stellte sich als Generalsekretär der neuen Bewegung zur Verfügung, wurde allerdings abgelehnt, nicht zuletzt wegen seiner  religiösen Radikalisierung und seiner Forderung der Unabhängigkeit des Nordens auf islamistischer Basis. Daraufhin gründete er als eigene Bewegung Ansar el Eddine. Trotz der islamistischen Orientierung muss Ansar el Eddine klar von AQMI unterschieden werden, denn anders als letztere ist sie eine Bewegung aus dem Norden Malis mit einer Basis unter den Kel Tamasheq.

Die MNLA bleibt ein sehr heterogener und loser Zusammenschluss verschiedener Milizen und der nichtmilitärischen MNA. Da es ihr jedoch gelingt, mit Waffenmaterial aus Libyen zurückkehrende Söldner aufzunehmen, gewinnt sie an militärischer Stärke. Von Frankreich werden sie als Kraft gegen AQMI wahrgenommen.

Bereits im Januar und Februar 2012 stehen die MNLA und Frankreich vermutlich in Kontakt. Ob es Zusagen seitens der französischen Diplomatie an die MNLA gegeben hat, ist bislang jedoch unbekannt. Am 6. April 2012 proklamiert die MNLA von Frankreich aus über den Fernsehsender France 24 sowie auf ihrer Homepage die Unabhängigkeit des Nordens von Mali und ruft den Staat »Azawad« aus. Inzwischen hat der Krieg im Norden Folgen in der Hauptstadt: In der wenige Kilometer von Bamako entfernten Garnisonsstadt Kati hatte es schon seit Januar Proteste gegen die schlechte Versorgung der kriegsführenden Soldaten sowie die Taktik der Armee gegeben. Aus ihnen entwickelte sich am 22. März die Übernahme der Regierungsgewalt durch Soldaten unterer Dienstränge unter Führung des Hauptmanns Amadou Sanogo. In der Folge des Putsches brach der letzte Widerstand der malischen Armee im Norden vollständig zusammen.

 

Falsche Strategien, falsche Ziele

Die aktuelle Zusammenarbeit Frankreichs mit der MNLA nach der militärischen Intervention vom Januar 2013 ist jedoch ein Indiz dafür, dass es umfassende Kontakte und Vereinbarungen zur Zusammenarbeit bereits vorher gegeben hat. Möglich ist, dass es Frankreichs Strategie war, angesichts der fehlenden Stärke der malischen Armee auf die MNLA als Ordnungsfaktor zu bauen. Damit hat Frankreich allerdings eine faktische militärische Autonomie des Nordens gegenüber dem malischen Zentralstaat gefördert. Diese Strategie unterscheidet sich indes kaum von jener der malischen Regierung unter Touré, die ihrerseits auf die Zusammenarbeit mit lokalen Milizen als Ordnungsfaktor setzte und damit die Zersetzung der malischen Armee und das Verschwimmen der Grenzen zwischen ihr und nichtstaatlichen Milizen beförderte.

Das schlimmste Resultat der Intervention Frankreichs ist, dass diejenigen, die in und über Mali Macht ausüben, ihre bisherigen falschen Strategien fortsetzen werden. Die Fortführung von Allianzen mit Milizen und fragwürdigen Führungspersonen wird Instabilität und Konflikte dauerhaft installieren. Dabei ist kaum von Bedeutung, ob die künftige Besatzungsmacht Frankreich heißt oder multinational ist, ob sie europäisch oder afrikanisch ist.

 

Claus-Dieter König ist Politologe und Leiter des Regionalbüros Westafrika der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Dakar

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