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Hefteditorial

Ein Auslaufmodell

Es ist einsam geworden um Fidel Castro. Nach dem Tod von Venezuelas Präsident Hugo Chávez ist Kubas Máximo Lider die letzte noch lebende Ikone der Linken. Jedenfalls ist er die letzte von welthistorischem Format. Leute, die gern Ikonen sein möchten oder die von ihrer AnhängerInnenschaft dazu stilisiert werden, gibt es zwar viele in der Linken. Wenn man beispielsweise bei der Bildsuche von Google die Worte »linke Ikone« eingibt, wird als erster Treffer ein Foto von Oskar Lafontaine, Gesine Lötzsch und Gregor Gysi angezeigt. Aber jetzt mal ehrlich: Taugen diese drei zur Ikone? Wenn sie bei der Gedenkdemonstration für Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg Kränze abwerfen, hoffen sie womöglich darauf, dass der Glanz dieser Lichtgestalten ein wenig auf sie abstrahlt. Doch so einfach ist das nicht mit dem Ikone-Sein. Es ist ein verdammt harter und manchmal gefährlicher Job. Vor allem aber hat nicht jede und jeder das nötige Talent dazu.

Einer, der sich sehr angestrengt und es irgendwann auch geschafft hat, war Chávez. Schon zu Lebzeiten galt er als Charismatiker mit einer AnhängerInnenschaft, die ihn teilweise abgöttisch verehrte. Sie liebte ihn für seine tollen Sprüche, wie etwa diesen hier, den er 2006 auf einem Gipfeltreffen südamerikanischer Staaten zum Besten gab: »Ich denke, wir leiden unter politischer Impotenz. Wir brauchen politisches Viagra«.

Mit seinen Omnipotenzphantasien stieß Chávez zwar auch innerhalb der Linken auf viel Kritik. Doch zumindest die dem realsozalistischen Führerkult treu gebliebene Traditionslinke erhob ihn zu einem ihrer ganz großen Idole. Es gab praktisch keine Kommunistische Partei auf diesem Planeten, die nicht Elogen auf den Verfechter des »Sozialismus des 21. Jahrhunderts« sang. Der Erfinder dieses Schlagwortes, der marxistische Soziologe Heinz Dieterich, war allerdings angesichts der konkreten politischen Bilanz des bolivarianischen Revolutionshelden nicht ganz so positiv gestimmt: »Chávez hat ihn nie verwirklicht.« In einem Interview anlässlich seines Todes rief er ihm ziemlich gallig hinterher: »Chávez vertrat ein sozialdemokratisches Wirtschaftsmodell«.

Doch was scheren wirtschaftspolitische Realitäten, wenn es um das verbreitete Bedürfnis nach Identifikationsfiguren geht. Chávez bediente es auf so erfolgreiche Weise, dass für ihn fast uneingeschränkt die Worte gelten, mit denen Wikipedia Ikonen und ihre Aufgaben definiert: »Der Zweck der Ikonen ist, Ehrfurcht zu erwecken und eine existenzielle Verbindung zwischen dem Betrachter und dem Dargestellten zu sein, indirekt auch zwischen dem Betrachter und Gott.« Chávez verstand sich ja nicht nur auf sozialistisch klingenden Verbalradikalismus, sondern auch auf religiöse Rhetorik. Zu Ostern 2012 forderte er: «Gib mir deine Krone, Jesus. Gib mir dein Kreuz, deine Dornen, auf dass ich blute. Aber gib mir Leben, weil ich für dieses Land und dieses Volk noch mehr zu tun habe.«

Keinen Geringeren als den Messias bemühte auch Chávez’ enger Freund Mahmud Ahmadinejad. Der »Märtyrer« Chávez werde an der Seite von Jesus wiederauferstehen, kündigte Irans Präsident in seinem Kondolenzschreiben an. Da Jesus auch im Islam als einer der wichtigsten Propheten gilt, stieß diese Formulierung bei den Mullahs nicht auf ungeteilte Freude. Ayatollah Ahmad Khatami sagte: »Mit dieser Würdigung ging er viel zu weit«. Eine diplomatische Note ohne religiöse Konnotation hätte es auch getan.

Ärger bei den religiösen Autoritäten handelte sich Ahmedinejad auch ein, als er bei der Trauerfeier tränenumflort Chávez’ Mutter umarmte und deren Wange küsste. Isfahans Freitagsvorbeter Mohammad Taghi Rahbar kritisierte Ahmadinejad, er habe »die Kontrolle verloren«. Umarmungen von Frauen oder das Zeigen von Gefühlen seien der Würde des Präsidenten eines Landes wie der Islamischen Republik Iran nicht angemessen. Dabei hatte es Ahmadinejad doch nur gut gemeint.

Es ist eben nicht nur schwer, Ikone zu sein, sondern auch, jemanden zu ikonisieren. Das mussten auch die politischen Erben von Chávez erfahren, als sie mit dem Vorschlag Ruhm erwerben wollten, seinen Leichnam »für die Ewigkeit« einzubalsamieren und ihn an der Seite des Nationalhelden Simón Bolívar im nationalen Pantheon auszustellen. Medizinische ExpertInnen aus Russland (also jenem Land, in dem man erfolgreich einen Heiligenschrein für Lenin unterhält) rieten angesichts des schlechten Zustands von Chávez’ Leiche dringend davon ab.

Die irdische Vergänglichkeit von Chávez ist irgendwie tröstlich. Kann es sein, dass sie metaphorisch für das gesamte Modell »linke Ikone« steht? Das wäre nicht die schlechteste aller möglichen Entwicklungen. Wünschen wir daher Chávez seinen himmlischen Frieden, ohne mühselige Wiederauferstehung. Und Fidel Castro möge ebenso wie uns erspart bleiben, bei seinem Tode mit Politkitsch, Messiasvergleichen und anderem Gedöns belästigt zu werden.

die redaktion

336 | das Ende der Armut
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