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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 336 | das Ende der Armut Hans-Jürgen Burchardt / Anne Tittor / Nico Weinmann (Hg.): Sozialpolitik in globaler Perspektive.

Hans-Jürgen Burchardt / Anne Tittor / Nico Weinmann (Hg.): Sozialpolitik in globaler Perspektive.

Campus Verlag, Frankfurt/M., 2012, 288 Seiten, 24,90 Euro

Kommt die Eine Wohlfahrtswelt?

Der Sammelband »Sozialpolitik in globaler Perspektive« untersucht, wo westliche Methoden bei der Analyse von Sozialpolitiken außerhalb der OECD-Staaten nützlich sind, und »wo andere Zugänge weiterführend erscheinen«. Im Einleitungsbeitrag stellen die HerausgeberInnen zunächst gängige westliche Theorien zur Entstehung von Sozialpolitik vor. Für den Süden fällt solch eine Klärung weniger leicht, da soziale Fragen dort eher unter dem Feld der Entwicklungspolitik oder Armutsbekämpfung beschrieben wurden. Soziale Sicherungssysteme im westlichen Sinne stehen im Süden oft nur für eine Minderheit im formellen Beschäftigungssektor zur Verfügung. Entsprechend bleibt auch der Ansatz einer Global Social Policy in den Anfängen stecken: Eine international koordinierte Sozialpolitik existiert nicht und globale soziale Rechte sind nicht einklagbar.

Ein häufig verwendeter Ansatz ist die Frage nach einem Welfare-Mix von Markt, Staat und Familie in Anlehnung an den Politikwissenschaftler und Soziologen Gøsta Esping-Andersen. Indem der Staat als nur einer von drei möglichen »Wohlfahrtsproduzenten« beschrieben wird, zwingen die Defizite staatlicher Fürsorge nicht zur Beendung der Forschung mangels Gegenstand.

Der empirische Teil umfasst unter anderem Arbeiten über Transferleistungen in Südafrika, zur russischen Steuerpolitik, und einige Beispiele aus Südamerika. Immer wieder bemühen sich die AutorInnen um eine nicht rein eurozentristische Perspektive, indem sie die Frage nach Sozialpolitik mit angrenzenden Bereichen verknüpfen. So untersucht Nicole Mayer-Ajuha die Arbeitsorganisation in Softwareunternehmen im indischen Bangalore. Zentrales Problem sei die geringe Bereitschaft der Beschäftigten, sich zu spezialisieren und sich an ein Unternehmen für längere Zeit zu binden. Dies liege zum einen an der Bildungspolitik, die in Indien als Teil der Sozialpolitik definiert sei und die kaum Raum für Spezialisierung lasse. Zum anderen liege das an den schwachen sozialen Sicherungssystemen, die es für junge Professionelle attraktiver machen, öfter eine jeweils besser bezahlte Stelle anzunehmen, als kontinuierlich Beiträge in (private) Sozialkassen einzuzahlen. Dabei gewinne die Familie als Teil der sozialen Sicherung wieder an Bedeutung.

Mit seinem historischen Blickwinkel überzeugt der Beitrag zu Bolivien. Dort hat sich eine Alterssicherung entwickelt, die nicht beitragsfinanziert ist. Der »Bonosol« entstand eigentlich unter einer neoliberalen Regierung und wurde aus der Privatisierung öffentlicher Unternehmen gespeist. Erst unter der Morales-Regierung erhielt die nun aus Rohstoffeinnahmen finanzierte »Renta Dignidad« Verfassungsrang und stellt ein relativ zukunftssicheres Instrument zur Linderung von Altersarmut dar.

Eine Abkehr vom eurozentristischen Blick wird zwar in allen Beiträgen mehr oder weniger gefordert, die Umsetzung des Perspektivenwechsels scheint jedoch schwierig zu sein. Westliche Methoden bei der Analyse von Sozialpolitiken kommen reichlich zum Einsatz, die »anderen« also aus dem Süden kommenden Zugänge sucht man vergeblich.

Friedemann Köngeter

336 | das Ende der Armut
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