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Theater der Unterdrückten

Hjalmar Jorge Joffre-Eichhorn: Wenn die Burka plötzlich fliegt. Einblicke in die Arbeit mit dem Theater der Unterdrückten in Afghanistan. Ibidem-Verlag, Stuttgart 2013. 250 Seiten, 19,90 Euro.

Afghanistan – ein Land in Trümmern. Und dort soll friedensförderndes Theater gemacht werden? Ist es nicht zynisch, ja größenwahnsinnig, dort mit Theater etwas verändern zu wollen? Hjalmar Jorge Joffre-Eichhorn stellt sich all diese Fragen, bevor er ein Jobangebot des Deutschen Entwicklungsdienstes zu konfliktmindernder Theaterarbeit in Afghanistan annimmt. In seinem Buch Wenn die Burka plötzlich fliegt lässt er die LeserInnen an seinen persönlichen Erfahrungen teilhaben.

Das Buch ist keine wissenschaftliche Abhandlung über Augusto Boals Methodik des Theaters der Unterdrückten (TdU) in einem Kriegsgebiet. Es beleuchtet »sowohl das Land Afghanistan und die Arbeit mit dem TdU als auch die internationale Entwicklungszusammenarbeit vor Ort aus verschiedenen Perspektiven«. Das Außergewöhnliche am TdU ist der Einbezug des Publikums während einer Aufführung. In einer Modellszene wird eine Unterdrückungssituation gezeigt, in der die Hauptfigur nicht imstande ist, den Konflikt zu lösen. Die ZuschauerInnen rufen »Stop«, übernehmen die Rolle des scheiternden Protagonisten und können so den weiteren Ablauf des Stücks beeinflussen und möglicherweise eine Lösung finden. Eine Probe für das wahre Leben.

Kritisch reflektierend schildert Joffre-Eichhorn anhand verschiedener Theaterprojekte die konkrete Arbeit mit dem TdU. Fotos und Bleistiftzeichnungen von Teilnehmenden der Workshops veranschaulichen die verschiedenen Theatermethoden. Joffre-Eichhorn arbeitet in Afghanistan sowohl mit Kindern, Männer- und Frauengruppen als auch gemischten Gruppen. Er liefert in seinem Buch nicht nur Theaterbegeisterten Anregungen zum TdU.

Fast alle Theaterprojekte sind anfänglich von Misstrauen und Zurückhaltung der Teilnehmenden geprägt, die schnell in Begeisterung und Kreativität umschlagen. Der Autor beschreibt aber auch die Schwierigkeiten, das Theater auf afghanische Normen zu zuschneiden. Dabei steht er im ständigen Dialog mit den Teilnehmenden und bezieht diese immer mit ein. So werden schmerzhafte Erfahrungen nachgestellt und diskutiert, um einen inneren Heilungsprozess in Gang zu setzen.

Eindrucksvoll schildert er die Arbeit mit Frauen. Von besonderer Relevanz ist hierbei die Schaffung von »Safe Spaces«. Das sind Orte, die auf emotionaler und psychologischer Ebene »sicher« genug sein müssen, damit die Teilnehmenden Vertrauen zueinander aufbauen und sich öffnen. Die afghanischen Frauen werden durch Verschleierung des Körpers in der Öffentlichkeit regelrecht unsichtbar gemacht. Wenn aber solch ein »Safe Space« erfolgreich aufgebaut ist, landen die Burkas in der Ecke. »Ich habe mich in meinem Leben noch nie so frei gefühlt«, beschreiben viele Frauen ihre Empfindung dabei.

Mit Hilfe des Theaters werden Themen behandelt wie häusliche Gewalt, Vergewaltigung, Frauen als Zahlungsmittel, aber auch der weibliche afghanische Körper. So bietet das TdU den Frauen einen der seltenen Orte, an dem die Möglichkeit besteht, ein neues Geschlechterverhältnis zu kreieren und zu erfahren. Bereit für ein verändertes Rollenverständnis wären wohl viele afghanische Frauen. Aber ob sich »mehr als eine Handvoll Männer mit solch radikal neuen Ideen identifizieren können«, bezweifelt der Autor.

Das Theater regt auch jene Menschen zum Handeln an, die einer Aufführung beiwohnen. Es gibt Raum für offene Diskussionen. Die Stücke wie auch die anschließenden Gespräche gehen oftmals sehr emotional vonstatten. Joffre-Eichhorn zeigt das Theater als »effektive Waffe mit viel emanzipatorischem Potenzial«, mit dessen Hilfe von grauenvollen Umständen geprägte Menschen ihre Leidensgeschichte verarbeiten können.

Katharina Ruf

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