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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 337 | Arabische Frauenbewegungen In die Flucht getrieben

In die Flucht getrieben

Zwei Studien zur jüdischen Kultur im Irak von Tamar Morad, Dennis Shasha, Robert Shasha (Hg.) und Shmuel Moreh, Zvi Yehuda: Al Farhud

Tamar Morad, Dennis Shasha, Robert Shasha (Hg.): Iraks letzte Juden. Erinnerungen an Alltag, Wandel und Flucht. Wallstein Verlag Göttingen 2012. 319 Seiten, 24,90 Euro

Shmuel Moreh, Zvi Yehuda: Al Farhud. The 1941 Pogrom in Iraq. The Hebrew University Magnes Press, Jerusalem 2010. 380 Seiten, 49,99 Euro.

In seiner bis heute unübertroffenen Studie »Die Juden in der islamischen Welt« schrieb Bernard Lewis 1984: »Von wenigen Ausnahmen abgesehen, spielte sich alles, was im jüdischen Leben kreativ und bedeutsam war, in islamischen Ländern ab. Die europäischen Gemeinden befanden sich in einer Art kultureller Abhängigkeit von den Juden in der weitaus fortschrittlicheren, geistig höher entwickelten islamischen Welt […]«. Dieses Resümee besitzt wohl für kaum eine Region mehr Gültigkeit als für Mesopotamien. Auf dem Gebiet des heutigen Irak können Jüdinnen und Juden auf eine mehr als 2.500 Jahre alte Tradition zurückblicken. Zwei neuere Publikationen widmen sich insbesondere der letzten Phase der jüdischen Präsenz bis zur Massenflucht in den 1950er Jahren und deren Ursachen.

Der von Tamar Morad, Dennis Shasha und Robert Shasa editierte Band Iraks letzte Juden versammelt Erinnerungen der letzten Generation irakischer Jüdinnen und Juden, die ihre Kindheit und Jugend noch in Bagdad verbrachten. Obwohl es auch kleinere jüdische Gemeinden in anderen Städten des Irak gab, war die Stadt an Euphrat und Tigris mit ihren 80.000 jüdischen BürgerInnen – mithin ein Drittel der Gesamtbevölkerung – ohne Zweifel das kulturelle, religiöse und intellektuelle Zentrum jüdischen Lebens im Irak. Auffällig ist, dass nahezu alle AutorInnen von einer glücklichen Kindheit zu berichten wissen. Dies ist kein Zufall oder einem romantisierenden Bild der eigenen Kindheit geschuldet, gelten die 1920er und 30er Jahres doch als »Goldenes Zeitalter«. Jüdinnen und Juden waren anerkannter Teil des politischen und kulturellen Establishments, sie trugen zur wirtschaftlichen Entwicklung des Iraks bei und betrieben eigene Schulen. Diese außergewöhnliche Prosperität und Integration in einem arabisch-muslimischen Land bildet sich im Kaleidoskop der biografischen Skizzen beeindruckend ab. So berichtet etwa Esra Zilkha von seinem Vater, der das erste Dependance-Banksystem in der arabischen Welt gründete. Shlomo el-Kivitys Vater war einer der Mitbegründer der Band »Kuwaity Brothers«, die sich bis heute außerordentlicher Popularität im Irak und der gesamten arabischen Welt erfreut – allerdings ohne dass ihre jüdische Identität thematisiert wird.

Es ist ein großer Verdienst der Herausgeber, durch die geschickte Auswahl an Personen aus sehr unterschiedlichen gesellschaftlichen Schichten einen exzellenten Eindruck von der Vielfalt der jüdischen Gemeinde im Zweistromland entstehen zu lassen. Insbesondere sind die Erinnerungen von Sami Michael zu nennen, berichtet er doch mitreißend von seiner Zeit in der Kommunistischen Partei des Irak und deren Untergrundaktivitäten. In diesem Kontext hebt er hervor, dass ihm und seinen Gefährten die Situation der Jüdinnen und Juden in Palästina bewusst war, er jedoch niemals plante, den Irak zu verlassen. Diese Haltung wird von fast allen anderen AutorInnen geteilt.

In den biografischen Skizzen ist vor diesem Hintergrund vor allem die Wehmut nach dem Irak und der verlorenen Kindheit spürbar. Dabei sind die Urteile über den gegenwärtigen Irak frei von Ablehnung und Ressentiment, sondern differenziert. Trotz der Trauer über den Verlust der »Heimat« wird aber deutlich, dass ein Verbleiben im Irak keine realistische Perspektive darstellte. Für alle AutorInnen ist das Pogrom von 1941 der Zeitpunkt, ab dem deutlich war, dass es für Jüdinnen und Juden keine Zukunft im Irak geben konnte.

Dieses Pogrom ist Gegenstand des von Shmuel Moreh und Zvi Yehuda editierten Buches Farhud. In ihrem Sammelband konzentrieren sie sich auf die Vorgeschichte und die Auswirkungen des antisemitischen Pogroms, dem während des Laubhüttenfests vom 1. bis 2. Juni 1941 die jüdische Gemeinde Bagdads zum Opfer fiel. Neben einigen bereits früher publizierten Aufsätzen zum Thema wurden für die Beiträge des Bandes zum Teil bisher unbekannte Quellen aus Archiven sowie Augenzeugenberichte erschlossen. Insbesondere die Vorgeschichte des Pogroms wird detailreich untersucht.

Initiiert von arabischen Nationalisten und flankiert von religiösen Fanatikern, zog zwei Tage lang ein Mob brandschatzend und mordend durch Bagdad. Er hinterließ eine Spur der Verwüstung, 145 Tote und 2.500 Verletzte. Auch wenn sich der genaue Ablauf bis heute nicht exakt rekonstruieren lässt, besteht kein Zweifel mehr über die Hintergründe dieses Pogroms, die vor allem in der Kollaboration arabischer Nationalisten mit dem nationalsozialistischen Deutschland liegen. Deren Kern war nicht alleine eine taktische Allianz, sondern lag vor allem in der ideologischen Konvergenz begründet.

Dabei fördert insbesondere Shmuel Moreh in seinem Aufsatz »The Role of Palestinian Incitement and the Attitude of Arab Intellectuals« Erstaunliches zu Tage. Er erbringt den Nachweis, dass es vor allem palästinensische Flüchtlinge aus der Levante waren, die maßgeblich für die Radikalisierung antisemitischer Ressentiments und die Eskalation der Gewalt verantwortlich waren. Einige hundert dieser Flüchtlinge ließen sich im Irak zumeist auf Einladung des Königs nieder und konnten in Schlüsselpositionen irakischer Ministerien, insbesondere dem Erziehungsministerium, ungehindert ihre antisemitische Ideologie verbreiten. Sie machten den Irak somit zum ersten Testfall der bis heute andauernden Nichtanerkennung jeglicher jüdischer Präsenz im Nahen Osten.

Es ist eine Ironie der Geschichte, dass es vor allem jene Kräfte waren, die den irakischen König später im pro-faschistischen Putsch von Rashid al-Kilan aus dem Land vertrieben. Protegiert von deutschen Diplomaten, gründeten diese palästinensischen Flüchtlinge Jugendorganisationen, die die Hitlerjugend zum Vorbild hatten, führten antisemitische Traktate als Lehrmaterial in den Schulen ein und gründeten unzählige antisemitische Vereine und Clubs. Es ist deswegen Shmuel Moreh zuzustimmen, dass der Farhud (wie der arabische Name des antisemitischen Pogroms lautet) nicht als eigenständiges Ereignis im Zweiten Weltkrieg fernab des europäischen Kriegsschauplatzes betrachtet werden sollte, sondern als Bestandteil der Bestrebungen der Nationalsozialisten, alle Jüdinnen und Juden zu töten, die in ihrem Einflussbereich lebten. Der Farhud ist somit ein Teil der Shoa.

Remko Leemhuis

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