Direkt zum Inhalt | Direkt zur Navigation

Benutzerspezifische Werkzeuge
Kontakt Spenden Abo Newsletter
Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 337 | Arabische Frauenbewegungen Fragmentiertes Syrien

Fragmentiertes Syrien

Zwei Veröffentlichungen zu Hintergründen des Konflikts von Larissa Bender (Hg.) und Fritz Edlinger / Tyma Kraitt (Hg.)

Larissa Bender (Hg.): Syrien. Der schwierige Weg in die Freiheit. Verlag J.H.W. Dietz Nachf. GmbH, Bonn 2012. 216 Seiten, 14,99 Euro.

Fritz Edlinger / Tyma Kraitt (Hg.): Syrien. Hintergründe, Analysen, Berichte. Promedia Verlag, Wien 2013. 240 Seiten, 17,90 Euro.

Der Arabische Frühling in Syrien begann mit friedlichen Protesten und mündete in einen Bürgerkrieg. Wie sein Stand bei Erscheinen dieser Rezension ist, ist nicht vorhersehbar. Unabhängig von den täglichen Meldungen liefern die beiden hier vorgestellten Bücher Hintergrundinformationen, die den Konflikt in seinen verschiedenen Dimensionen beleuchten, aber auch nach Ende des Bürgerkriegs von Relevanz sein werden, wenn es darum geht, ein neues Syrien aufzubauen.

Syrien. Der schwierige Weg in die Freiheit umfasst Texte, die im Zeitraum zwischen April und Juli 2012 entstanden sind. Neben deutschsprachigen AutorInnen mit engem Bezug zu Syrien kommen dabei vor allem SyrerInnen zu Wort, darunter AktivistInnen, Oppositionelle, WissenschaftlerInnen und SchriftstellerInnen. Ein Gegenstück dazu bildet der Anfang 2013 erschienene Sammelband Syrien. Hintergründe, Analysen, Berichte. Hier liegt der Fokus auf der regional- und weltpolitischen Einbettung Syriens, wobei überwiegend AutorInnen aus dem deutschsprachigen Raum zu Wort kommen.

»Der schwierige Weg in die Freiheit« befasst sich ausführlich mit den verschiedenen gesellschaftlichen, politischen und religiösen AkteurInnen in Syrien. Dabei kommen sowohl diejenigen zu Wort, die ein Ende von Assads Regime herbeisehnen, als auch jene, die dessen Ende mit Sorge betrachten. Zu letzteren zählen die AlawitInnen, Angehörige jener Konfession, der auch Assad und sein Clan angehören. Über Jahrzehnte wurden AlawitInnen protegiert und in den Schaltzentralen der Macht installiert. Doch nicht alle alawitischen Clans profitieren davon, viele leben in Armut. Die Herrschaft der Assads wird von AlawitInnen selbst als »alawitisches Regime« bezeichnet. Dennoch finden sich auch in ihren Wohnzimmern Bilder des Präsidenten. Die Assads sind nach Jahrhunderten der Verfolgung ein Symbol dafür, endlich anerkannt zu sein. So geraten schließlich auch jene AlawitInnen zwischen die Fronten, die nie etwas mit dem Regime zu tun hatten.

Ambivalent ist die Lage auch für die Angehörigen verschiedener christlicher Konfessionen. Angesichts antichristlicher Entwicklungen in arabischen Nachbarländern fürchten sie eine Zeit nach Assad. Zwar mussten sie unter ihm politisch und ökonomisch leiden, aber niemals aufgrund ihrer Religion. Andererseits sehen auch sie die Notwendigkeit eines neuen Syriens. Die ChristInnen sind ein integraler Bestandteil Syriens und mit diesem Selbstbewusstsein stehen sie auch an der Spitze der Opposition.

Nicht minder kompliziert stellt sich das Verhältnis der kurdischen Parteien zur Opposition dar. In der Arabischen Republik Syrien meist außen vor gelassen, fällt es vielen schwer, sich mit arabischen Oppositionellen zu verbünden, von denen sie beim Aufstand von 2004 alleine gelassen wurden. Hinzu kommen Aussagen arabischer Oppositioneller, die auch für die Zeit nach Assad den arabischen Charakter Syriens betonen.

Einen Plan für die Zeit danach hat auch die syrische Muslimbruderschaft. Bis zu ihrer fast vollständigen Auflösung Anfang der 1980er Jahre vertrat sie die Idee einer republikanischen Demokratie. Sie stand in Opposition zur Baath-Partei und später zur Diktatur der Assads. Im Exil neu aufgebaut, steht sie nun bereit, um sich an der Gestaltung eines neuen Syriens zu beteiligen. Obwohl in Syrien kaum präsent, unterhalten sie gute Kontakte dorthin und spielen aufgrund ihrer schlagkräftigen Organisation und ihrer Beziehungen zu den Golfstaaten eine wichtige Rolle in der Opposition. Repräsentativ für alle sunnitischen Muslime sind sie allerdings nicht. Auch bei dieser Gruppe ist es den Assads gelungen, sie zu spalten und sich teilweise gewogen zu machen.

Sowohl Oppositionelle als auch VerfechterInnen des Regimes kommen aus allen Teilen der Gesellschaft. Trotz ethnischer und konfessioneller Unterschiede wird von fast allen Seiten die gesellschaftliche Geschlossenheit betont und als Ziel für ein zukünftiges Syrien ausgegeben. Demgegenüber drohen Szenarien, die eine ethnische und religiöse Fragmentierung des Landes zur Folge haben.

Als sinnvolle Ergänzung dazu liest sich »Hintergründe, Analysen, Berichte«, das weniger Vor-Ort-Berichte bietet als vielmehr politische und historische Analysen. Syriens Lage wird im historischen Kontext des Kolonialismus sowie des Anti- und Postkolonialismus beleuchtet – beginnend mit der Aufteilung des Nahen Ostens durch Sykes und Picot bis hin zum Panarabismus der syrischen Baath-Partei. Die Beiträge zeichnen das Bild eines Landes, das sich anschickte, die ‚arabischen Völker’ zu einen, schließlich von allen gemieden wurde und heute im Irak nach dem Sturz Saddams noch eine Art letzten Verbündeten findet. Unvollständig wäre die Betrachtung der regionalen Einbettung Syriens ohne ein Kapitel über den Libanon, der in den syrischen Bürgerkrieg hineingezogen wird. Syriens Beziehungen zu Iran und Israel finden hingegen keine ausführliche Erwähnung.

An der Syrienpolitik der EU wird kein gutes Haar gelassen. Sogar ein wenig Trauer schwingt mit, wenn als deren Folge das Ende des vermeintlich letzten säkularen Staates in der Region prognostiziert wird. Mit Bedauern wird auch die Entscheidung der Türkei registriert, sich auf die Seite der Rebellen zu stellen, statt sich als Vermittler für eine Verhandlungslösung ins Spiel zu bringen. Angesichts der prognostizierten Probleme durch Flüchtlingsströme und erstarkende kurdische Bewegungen wird der Türkei empfohlen, sich auf eine neutrale Position zurückzuziehen.

Detailliert werden die ökonomischen, politischen und strategischen Verknüpfungen zwischen Russland und Syrien beschrieben. Es wird deutlich, warum Russland ein starkes Interesse an einem Verbleib Assads hat. Die russische Einflussnahme wird mit dem Hinweis auf die Anti-Assad-Politik der EU, der USA, der Türkei und einiger Golfstaaten legitimiert.

»Hintergründe, Analysen, Berichte« ist von einer antiimperialistischen Kritik durchzogen, die dazu tendiert, sich mit Assads Regime zu arrangieren. Jedoch wartet das Buch mit wenig bekannten Informationen auf und bietet eine andere Perspektive als der mediale Mainstream. Hintergrundinformationen bietet hingegen »Der schwierige Weg in die Freiheit«. Das Buch bietet umfassende Einsichten in die verschiedenen Konfliktlinien und bleibt dabei weitgehend neutral. Die Prognosen zwischen Hoffen und Bangen sind zum Teil schon eingetreten und man darf gespannt sein, welche Entwicklungen noch vorweggenommen worden sind.

Karim Saleh

337 | Arabische Frauenbewegungen
Cover Vergrößern
Südnordfunk zum Thema

Zur Südnordfunk-Sendung

Frauen in der Arabellion

islamfeminismus.png