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Finger on the Trigger

Eine ethnologisch-autobiographische Zwischenbilanz von Critical Whiteness von unserem leider inzwischen verstorbenen Autor Ruben Eberlein.

Wir müssen ein komisches Bild abgegeben haben: Hier mein Kumpel Mike, der zu Recht nur »der Lange« gerufen wurde, da meine Wenigkeit, die nur mit Glück nicht den Spitznamen »der Kurze« trug. Es war Anfang der 1990er Jahre, beide waren wir erst vor kurzem der ostdeutschen Provinz entkommen, und nun zog es uns von Berlin in die große weite Welt. Warum nicht Kenia und Tansania? Schöne Strände, relativ billig, politisch stabil. Auf ging’s nach Nairobi!

Noch nie wurde ich auf mein Weißsein so krass hingewiesen wie in den folgenden drei Monaten. Schon bei den Reisevorbereitungen sammelte sich genug Material für ein langes Pamphlet gegen den Zuschreibungswahn, und selbst Kleinigkeiten kommen mir heute in der Rückschau bedeutungsvoll vor. Da waren zum Beispiel die Stoffschuhe der französischen Fremdenlegion: »Halten Skorpion- und Schlangenbisse ab«, beteuerte der Verkäufer im Fachgeschäft; doch diese Kreaturen sichteten wir auf der ganzen Reise nicht. Und da war die Reiseapotheke, die im Ernstfall eh nichts genützt hätte.

 

»Mzungu, Mzungu«

Doch als schwerste Gepäckstücke erwiesen sich bestimmte Teile einer Sicht auf Afrika, die in weiten Teilen nicht viel mit der Realität zu tun hatte. Dass Schwarze immer die Unterdrückten zu sein haben und Weiße sie grundsätzlich ausbeuten, war eines davon. Für Mike war Kenias Präsident Daniel arap Moi damals schon ein Diktator, der mit seiner Kalenjin-Clique das Land zu seinen Gunsten ausraubte. Damit war er näher an der Realität als ich, dem Kenia als ein vom Westen manipuliertes Land galt, das zugunsten der Weißen in Abhängigkeit gehalten wurde. Manchmal hätte ich im Staatsbürgerkunde-Unterricht lieber heimlich die internationale Presse lesen sollen, statt meine Energie für sinnlose Diskussionen um Theorie und Realität des Sozialismus dranzugeben.

Bei jeder Gelegenheit wurden wir in Kenia mit unserem Weißsein konfrontiert. Ob durch die Rastamänner vor der billigen Absteige im Zentrum, die uns sofort nach unserer Ankunft Gras verkaufen wollten (und es wenige Tage später auch taten), durch die Huren in der benachbarten 24 Hours Green Bar, die nichts davon überzeugen konnte, dass wir nicht mit ihnen ins Bett steigen wollten und dass das durchaus nicht am Preis oder ihrem Aussehen liege; durch die ständige Anquatscherei auf der Straße und die »Mzungu, Mzungu«-Rufe (Weißer, Weißer), die uns dauernd begleiteten. Wir haben sicherlich auch ein allzu köstliches Bild abgegeben mit unseren Hüten, halblangen Hosen und ausgewaschenen T-Shirts.

Meine Ankunft in Afrika war alles in allem ein Schock. Auch in der Rückschau kann ich darin aber nichts grundsätzlich Rassistisches entdecken, obwohl es natürlich ständig zu Missverständnissen und peinlichen Situationen aufgrund von Vorurteilen kam. Der kleine Ausschnitt, der jetzt »mein« Afrika war, war eben anders als Sachsen-Anhalt, Berlin und Erfurt, Leningrad, Paris und Warschau. Es roch anders, die Erde sah anders aus und die Gepflogenheiten waren oft andere. Das wahrzunehmen und zu artikulieren hat noch nichts mit Rassismus zu tun.

 

Abdriften ins Aggressive

»Critical Whiteness« ist eine wichtige und nützliche Hervorbringung der postkolonialen Studien. Dieses Konzept dient der Reflektion über die eigenen Privilegien, die man als Weißer gegenüber MigrantInnen und People of Color genießt. Deutschland ist in dieser Diskussion wieder einmal spät dran, und vielleicht rührt daher die Aggressivität, mit der manche AnhängerInnen dieses Konzeptes es ins Absurde abdriften lassen.

Ein prägnantes Beispiel dafür ist die Eskalation bei einer Podiumsdiskussion der taz Ende April zu Rassismus in der Sprache, an der wohl sowohl der Moderator Deniz Yücel (taz) als auch eine Gruppe von Critical Whiteness-AktivistInnen ihren Anteil hatten. Letzteren missfiel, dass die ReferentInnen Leo Fischer (Redakteur der »Titanic«), Mely Kiyak (Publizistin) und besonders der Moderator zu oft das Wort »Neger« verwendeten – allerdings wohlgemerkt in historischen Zitaten etwa von Martin Luther King oder im ironischen Kontext wie einem Titanic-Cover.

Die Mitdiskutantin Sharon Otoo, Schriftstellerin und aktiv in der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland, verließ nach geraumer Zeit das Podium, weil sie »nicht mehr Teil einer so respektlosen, verhöhnenden Diskussion sein wollte«, wie sie später in einem Beitrag für die taz schrieb. Yücel hatte sich zuvor in einem Beitrag für Taz online für seine eigene Aufgeregtheit und Rumbrüllerei entschuldigt, wich aber nicht von seiner Meinung ab, dass es sich bei den intervenierenden AktivistInnen um Zwangsneurotiker handeln muss, die er mit katholischen Nonnen, die versehentlich auf youporn gelandet sind, verglich: »Ähnlich ist nicht nur der religiöse Abwehrreflex, ähnlich ist auch der inquisitorische Furor, mit dem man zu Werke geht. In diesem Zusammenhang also: Das Wort 'Neger' ist schlimm, schlimm, schlimm und muss weg, weg, weg«, meint er.

Schon die Bezeichnung »People of Color« kann diskriminierend sein für Leute, die ihre Identität eben nicht nach der Herkunft ihrer Eltern oder der Farbe ihrer Haut konstruieren. Yücel schrieb in seiner Darlegung der Dinge auf taz online: »Das Credo dieser Leute, die sich etwa in der ‚Initiative Schwarze Menschen in Deutschland’ organisiert haben und die beanspruchen, für alle ‚people of colour’ zu sprechen, wo sie in Wirklichkeit – etwa den Funktionären muslimischer Verbände ganz ähnlich – für wenig mehr als sich selber sprechen, lautet: ‚Ich bin schwarz, darum weiß ich Bescheid. Du bist nicht schwarz, darum weißt du nicht Bescheid. Mehr noch: Du bist weiß. Darum kann und wird alles, was du sagst, gegen dich verwendet werden.’ (Dieses Credo haben sie freilich nicht exklusiv: Du bist Christ, Deutscher, Europäer, Heterosexueller, Mann, darum weißt du nicht Bescheid.)«

 

Race & Class

In bestimmten politischen Zusammenhängen ist nach wie vor die Meinung verbreitet, dass die Berechtigung, über Afrika zu sprechen, grundsätzlich mit der Herkunft und der Hautfarbe zusammenhängt. Mir ist besonders ein Erlebnis in Erinnerung geblieben, das sich auf dem BUKO-Kongress der Bundeskoordination Internationalismus im Jahr 2006 zutrug. Zwei schwarze Referenten ergriffen in ihrem Workshop vehement Partei für die Präsidenten Mugabe (Zimbabwe) und Gbagbo (Côte d’Ivoire). Sie sahen die Gewalt, die von beiden geschürt wurde, lediglich durch die Brille eines traditionellen Antiimperialismus aus der Zeit des Kalten Krieges: Es gehe um die Abwehr der Imperialisten und nicht um Menschenrechte, darum müssten wir alle zusammenstehen. Wer etwas anderes behaupte, sei ein Spalter. Als ich gegen diese Apologie Einspruch erhob, wurde ich von den Vortragenden als Spitzel und Gegner verdächtigt und schließlich des Raumes verwiesen. Niemand der Anwesenden legte dagegen Widerspruch ein.

Die ziemlich gestrige Diskussion um die Verwendung des Wortes 'Neger' in historischen oder literarischen Texten sowie im Alltag ist nur eine Marginalie in der gesamten Debatte um Identität, Rassismus und Diskriminierung in Deutschland, die von der Wirklichkeit langsam, aber sicher überholt wird. Inzwischen gibt es erfolgreiche schwarze Geschäftsleute in Deutschland. Nicht ohne Grund lassen sie sich allerdings lieber in Hamburg und München statt in Schwerin nieder. Rassismus existiert zweifelsohne, gerade auch in den westlichen Metropolen, doch auch der wird unterschiedlich wahrgenommen, und das hat maßgeblich mit der Klassenzugehörigkeit zu tun.

Ein Beispiel: Der Vater meines Cousins Ben, mein Onkel also, stammte aus Kongo-Brazzaville. Die Familie gehörte zur oberen Mittelschicht in dem zentralafrikanischen Land, Ben wuchs in der ehemaligen französischen Kolonie auf, besuchte jedoch regelmäßig Paris und Thüringen. Kaum war die Pubertät vorbei, musste die Familie aufgrund des Bürgerkrieges fliehen und ließ sich in Erfurt, später in Bayern nieder. Ich infizierte meinen Cousin in den 1980ern mit dem Heavy Metal-Virus, dafür begeisterte seine Schwester mich später für Hiphop.

Heute ist Ben ein erfolgreicher Unternehmensberater in München, fährt regelmäßig dem FC Bayern in ganz Europa hinterher und erscheint zum Oktoberfest selbstverständlich in Lederhose und kariertem Hemd. Ein Münchener, wie ich ihn selten getroffen habe. »Mia san mia« ist sein Credo geworden. Er ist mit einer Magdeburgerin verheiratet. Rassismus, so sagt er mir, spielt für ihn mittlerweile überhaupt keine Rolle mehr. Entsprechende Bemerkungen, die es nach wie vor gibt, prallen an Ben einfach ab. »Mia san mia« eben, und sein »mia« erfasst sowohl seine deutschen Freunde und Verwandten, jene in Paris und Marseille sowie die in Brazzaville und den Dörfern des Kongo.

Das mag bei weniger erfolgreichen MigrantInnen ganz anders aussehen. Sie sind mit einer tendenziell rassistischen Bürokratie und einem auf Abwehr eingestellten Migrationssystem konfrontiert, das die wenigen »Brauchbaren« hineinlässt und die »Unbrauchbaren« in Armut und Perspektivlosigkeit zurückschickt. Sie sind aufgrund ihrer sozialen Lage gezwungen, sich in Situationen zu begeben, in denen es mit großer Wahrscheinlichkeit zu Rassismuserfahrungen kommt. Doch zu den unangenehmen Wahrheiten der Migration gehört, dass es nicht unbedingt die Ärmsten Afrikas sind, die es überhaupt bis an den Eisernen Vorhang Europas schaffen, sondern die besser Gebildeten, diejenigen, die die hohen Fahrtkosten dorthin aufbringen können. Also doch Klasse statt Rasse?

Ein guter Ausgangspunkt für eine sinnvolle Debatte zum Thema Identitäten und Rassismus in Deutschland könnte sein, den Klassenaspekt und die Marginalisierung von Menschen jeglicher ‚Color’ in diesem Lande wieder in den Mittelpunkt zu rücken, ohne die Erfolgreichen und so genannten Integrierten als ‚VerräterInnen’ an ihrer Blackness zu denunzieren. »Es gibt keine afrikanische Identität«, schreibt der Philosoph Achille Mbembe in seinem erhellenden Essay »African Modes of Self-Writing« aus dem Jahr 2000, »die beschrieben werden kann durch einen einzigen Begriff oder zusammengefasst werden kann in einer einzigen Kategorie. Afrikanische Identität existiert nicht als Substanz. Sie konstituiert sich durch eine Serie von Praktiken, besonders Praktiken des Ichs.«

 

Kosmopolitisch statt identitär

»People of Color« ist eben auch eine Konstruktion wie »Afrika«, »Blackness« oder »Whiteness«. Die zentrale Frage ist: Erfüllt sie nur den (verständlichen) Wunsch nach Heimat und einer als unwandelbar verstandenen Identität – oder bringt sie auch die Diskussion um Rassismus und Diskriminierung weiter? Ich befürchte, derzeit geht die Reise in Richtung Identitätsbildung und Distinktionsgewinn.

Dabei sind Praktiken der Konstruktion von Identität am Werk, die Mbembe in seinem Essay einer eingehenden Kritik unterzieht. Sowohl die kulturalistische als auch die dependenztheoretische Strömung sind sich einig in ihrer ausschließlichen Konstruktion von Afrika und seinen BewohnerInnen als Opfer von übermächtigen globalen Kräften. Doch mit der Realität hat diese Sichtweise nicht viel zu tun. Gerade in der Literatur- und Musikszene entstand im Laufe der letzten zwanzig Jahre ein afrikanischer Kosmopolitismus, der das Dogma der Autochthonie, also die Verkettung von geographischer Herkunft und Identität, in Frage stellt und die Handlungsmächtigkeit afrikanischer AkteurInnen betont.

Auf dem Kontinent selbst ist die (oft gewalttätige) Auseinandersetzung zwischen diesem neuen Kosmopolitismus und Diskursen der Autochthonie in vollem Gange. Nicht nur die großen Städte Afrikas, auch ländliche Regionen wie die Diamantenminen im Osten Sierra Leones oder der Demokratischen Republik Kongo (DRC) sind seit geraumer Zeit wahre Melting Pots unterschiedlicher Kulturen und Nationalitäten. Gleichzeitig nehmen ethnisch oder rassisch begründete Ausschlüsse zu, was in einer Situation des permanenten Mangels wenig überrascht.

Einem unbedingt zuzustimmenden Argument von »Critical Whiteness«-Leuten zufolge ist Antirassismus nicht als Zustand, sondern als ein stetiger Prozess zu begreifen. Das gilt aber, so meine ich, für alle an der Diskussion Beteiligten. Stalinistische ‚Selbstkritik’ und Redeverbote – der Finger am Abzug – behindern diesen Prozess. Sie führen in eine Sackgasse, die für einige wenige mit einem gut dotierten Unijob und für die meisten in der alltäglichen Diskriminierung durch die deutsche Mehrheitsgesellschaft endet.

 

 

Ruben Eberlein bekennt, als Biodeutscher negative Rassismuserfahrungen in Europa überwiegend aus zweiter Hand zu kennen. Gleichwohl wurde er in unterschiedlichen Phasen seiner Identitätssuche als Metaller, Punk und Anarcho von ostdeutschen Nazis unterschiedlicher Klassenzugehörigkeit diskriminiert. Heute ist er Anhänger des US-amerikanischen, britischen sowie senegalesischen Conscious-Rap, hört aber auch guten Gangsta-Rap. Er lebt zurzeit in Berlin-Neukölln.

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