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Hefteditorial

Thank you, Comrade!

»Große Männer machen große Geschichte«. Dies ist eine jener gängigen Devisen bürgerlich-patriarchaler Geschichtsschreibung, denen aus herrschaftskritischer Sicht mit größter Skepsis begegnet werden muss. Normalerweise halten wir uns daran – etwa im vorletzten Hefteditorial, in dem wir einen ziemlich bösen Abgesang auf die jüngst verstorbene linke Ikone Hugo Chávez formulierten (in iz3w 336).

Doch keine Regel ohne Ausnahme, und deshalb sei uns hier eine gestattet. Es geht um Nelson Mandela. Wie lange er noch lebt, wenn diese Ausgabe erscheint, ist angesichts seines hohen Alters und seiner schweren Erkrankung ungewiss. Gewiss ist nur eines: Selten hat eine einzelne Person eine so herausragende Rolle bei der Überwindung eines Herrschaftssystems gespielt wie Mandela. Und das kann auch zu Lebzeiten schon gewürdigt werden.

Sicher, Mandela war kein Einzelkämpfer im Kampf gegen die Apartheid in Südafrika. Er hatte viele (schwarze und auch weiße) MitstreiterInnen, darunter so prominente wie Steve Biko, Ruth First, Denis Goldberg, Miriam Makeba, Alexander Neville oder Desmond Tutu. Der politische und bewaffnete Kampf gegen den institutionalisierten Rassismus des Burenstaates wurde zudem von zigtausenden ‚einfachen’ Mitgliedern des ANC und der südafrikanischen Kommunistischen Partei geführt. Oft gingen sie dasselbe persönliche Risiko ein wie der wohl berühmteste politische Gefangene aller Zeiten und mussten wie Mandela lange Jahre im Gefängnis verbringen. Viele waren gar der Folter ausgesetzt oder wurden ermordet.

 

Das Herausragende an Mandela war, dass er die ihm angetragene Rolle als personifiziertes Symbol gegen die Apartheid überzeugend ausfüllte. Wenn es angebracht war, gab er sich offensiv und verteidigte beispielsweise die Notwendigkeit des bewaffneten Kampfes. Als es darauf ankam, versöhnliche Worte zu finden und der weißen Minderheit die Angst vor der Zeit nach dem Ende des Apartheidsystems zu nehmen, fand er diese Worte. Seine ebenso sanfte wie beharrliche Weise beeindruckte nicht nur seine AnhängerInnen, sondern zunehmend auch viele (einstige) GegnerInnen.

Bis heute gehören die großen Reden von Mandela nach seiner Freilassung aus dem Gefängnis im Januar 1990 zu den bewegendsten Momenten der jüngeren Geschichte. Mandela war nicht nur politisch weitsichtig, er hatte auch mehr Appeal als so mancher Popstar. Man sehe sich beispielsweise auf YouTube den Mitschnitt seines Auftrittes im britischen Wembley-Stadion an, als zigtausende Apartheid-GegnerInnen ihn minutenlang mit Ovationen bejubelten. »Thank you that you chose to care«, sagt er da in unprätentiösen Worten. Er wusste, wem er seine Freilassung zu verdanken hat: Nicht den westlichen PolitikerInnen, die sich erst mit ihm schmückten, als er auf der Gewinnerseite angelangt war. Sondern der Unterstützung durch die antirassistische Bewegung der 1980er Jahre, die vor allem in Großbritannien stark war. »Free Nelson Mandela« war einer ihrer wichtigsten Slogans gewesen und zugleich der Titel eines Songs von The Special A.K.A., der seinerzeit auf jeder guten Party gespielt wurde.

Mandela konnte ganz schön gewitzt sein. So entgegnete er beispielsweise in seiner Biographie »The long walk to freedom« jenen KritikerInnen, die bemängelten, der ANC habe sich im Ost-West-Konflikt von den Kommunisten instrumentalisieren lassen: »Wer sagt denn, dass nicht wir sie benutzt haben?«

 

Wie alle, die sich in die Niederungen der Politik begeben, war auch Mandela nicht gefeit vor Irrtümern. Als er die palästinensischen Autonomiegebiete mit »Bantustans« verglich und vom »israelischen Apartheidsystem« sprach, mag das aufrichtiger Empörung über die schlechte Lage der PalästinenserInnen geschuldet sein. Von einer differenzierten Analyse des Nahostkonflikts und seinen vielschichtigen Ursachen zeugen derartige Schuldzuweisungen nicht. Es wäre jedoch falsch, Mandela in die Reihe fanatischer IsraelhasserInnen zu stellen. Bei einem Besuch in Israel 1999 stellte er unmissverständlich fest, Israel habe ein Recht auf Anerkennung durch die arabischen Länder und auf gesicherte Grenzen. Damit unterscheidet er sich deutlich von jenen, die sich auf ihn berufen, wenn sie heute mit dem Apartheidvorwurf herumfuchteln, um Israel die Existenzberechtigung abzusprechen.

 

Es gibt vieles, was schief läuft im Neuen Südafrika. Der neoliberale Kurs des ANC zählt ebenso dazu wie die xenophoben Ausschreitungen gegen ArbeitsmigrantInnen oder das unwürdige Verhalten einiger Verwandter von Mandela. Aber all das ist nicht ihm persönlich anzulasten. Sein Verdienst, maßgeblich zur friedlichen Überwindung der Apartheid beigetragen zu haben, strahlt umso mehr, je kleinkarierter sich seine (politischen) Nachfahren gerieren.

Das politische Erbe von Mandela ist uns jedenfalls ein Ansporn, seinen Kampf gegen den Rassismus in der Gegenwart weiter zu führen. Thank you that you chose to care, comrade!

die redaktion

338 | Fairer Handel
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