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Der Spirit von Gezi

von Udo Wolter

Was könnte von der Protestbewegung in der Türkei langfristig bleiben?

Nicht, dass die mit den Auseinandersetzungen um den Gezi-Park in Istanbul losgetretene Protestbewegung in der Türkei inzwischen eingedämmt oder gar am Ende wäre. Sie ist nur weniger spektakulär geworden und hat sich andere Ausdrucksformen gesucht. Das ist neben der Tatsache, dass jede große politische Protest- oder Widerstandsbewegung der Welt irgendwann an einen Punkt kommt, wo sich die anfänglichen Energien des Massenprotests erschöpft haben und andere Ausdrucksformen gesucht werden müssen, natürlich auch der harten Repressionspolitik des türkischen Staates geschuldet. Doch das Gespenst von Gezi fährt fort, Erdogan und die Seinen heimzusuchen.

Mit welcher Brutalität die Polizei weiterhin gegen jeden Protest vorgeht, zeigte sich etwa, als Mitte Juli im mittlerweile unter strikter Polizeibewachung wiedereröffneten Gezi-Park ein Paar seine Hochzeit feierte, das sich bei den Protesten kennen gelernt hatte. Kaum wurden von den zahlreich zusammengekommenen Gästen einige Parolen gerufen, löste die Polizei die Party unter massivem Einsatz von Tränengas und mit ätzenden Chemikalien versetzten Wasserwerfern auf und jagte die Leute ohne Rücksicht auf dort flanierende Passanten und Touristen bis in die Seitengassen der nahegelegenen Einkaufsmeile Istiklal.

Auch sonst zeigt die Regierung Erdogans keinerlei Einsehen in die legitimen Anliegen der Proteste, sondern fährt unbeirrt fort, gegen die Protestbewegung genau die Repressionsmethoden noch weiter zu steigern, welche die Protestwelle erst mit ausgelöst haben. In der Taksim-Solidaritätsplattform aktive VertreterInnen von Berufsverbänden, etwa der Architekten- und Ingenieurskammer (TMMOB) und der Kammer der Elektroingenieure, sowie KünstlerInnen und GewerkschafterInnen werden der Aufwiegelung bezichtigt und verhaftet. ÄrztInnen werden mit Berufsverfahren überzogen, weil sie außerhalb ihrer Dienstzeit verletzten Demonstranten geholfen haben. Selbst Wirte, die sich nicht einer offenbar von der Regierung bestellten Erklärung des Handelsverbandes TESKOMB anschließen mochten, welche die Protestierenden für massive Umsatzeinbußen von Gastronomie und Geschäften in den Touristenvierteln um den Taksim-Platz verantwortlich macht, wurden mit Schikanen wie vorübergehenden Schließungen ihrer Lokale eingeschüchtert.

JournalistInnen werden reihenweise mit den in den letzten Jahren immer exzessiver ausgelegten Anti-Terrorgesetzen verfolgt. Aktuellen Berichten zufolge sind derzeit 64 JournalistInnen inhaftiert und gegen 123 werden Anti-Terrorverfahren angestrengt, 59 verloren darüber hinaus wegen ihrer Gezi-Berichterstattung den Job. Mit den Anti-Terrorgesetzen werden auch zahlreiche SchülerInnen und Studierende verfolgt, teils nur wegen Tweets und anderen über Social Media verschickten Protest-Botschaften. Dass dies offensichtlich auf Grundlage flächendeckender Überwachung des Internets durch die türkischen Dienste erfolgt, interessiert hierzulande niemand. Bei Razzien in zahlreichen Privatwohnungen betroffener Jugendlicher sollen auch teilweise alte Sammler- und Schmuckwaffen der Väter beschlagnahmt worden sein, um sie als „Beweisstücke“ für die angeblich terroristischen Aktivitäten der Gezi-Bewegung zu präsentieren. Inhaftierte Jugendliche berichten, in den Gefängnissen mit gewalttätigen Schwerkriminellen zusammengesperrt und von diesen misshandelt worden zu sein.

So erschafft sich der türkische Sicherheitsstaat sozusagen selbst die „Realität“ zu den verschwörungstheoretischen und antisemitischen Hetztiraden von Erdogan und anderen AKP-Politikern, nach denen die Protestbewegung ein Komplott von ausländischen Regierungen oder ominösen Finanzlobbys, der „jüdischen Diaspora“ (so der stellvertretende Ministerpräsident Besir Atalay vor laufenden Kameras) und natürlich terroristischen Gruppen sei. Auch an der Behauptung, Demonstranten hätten in einer Moschee Bier getrunken, hält Erdogan trotz aller Dementis des dortigen Imams fest – letzterer wurde kurzerhand suspendiert. Seit dem Sturz von Mohammed Mursi in Ägypten, zu dessen Verteidigung die türkische Regierung wie keine andere sofort beisprang, ist noch eine weitere rhetorische Figur Erdogans dazugekommen: Massenproteste auf den Straßen dienten nur der Vorbereitung eines Putsches gegen die legitime Regierung der AKP.

Die in der Vergangenheit für ihre Demokratisierungsreformen gelobte Regierung Erdogan zeigt unter dem Druck der Massenproteste offen ihre autoritären und islamistischen Züge. Dieses Lob konnte allerdings auch bisher nur unter geflissentlichem Übergehen des repressiven Klimas gegen alle kritischen Stimmen in der Türkei erfolgen. Die Sozialwissen-schaftlerin Aslı Iğsız weist in einer aktuellen Analyse zu Recht darauf hin, dass die AKP-Regierung seit langem die Durchsetzung ihres neoliberalen Wirtschaftsmodells mit den politischen Herrschaftsinstrumenten eines „anhaltenden Ausnahmezustands“ betreibt.[1] Entscheidend ist dabei ganz im Sinne Carl Schmitts die Feindbestimmung. So ist das aktuell durchgepeitschte „Mitternachtsgesetz“, mit dem die wegen ihrer regierungskritischen Haltung ungeliebte Architektenkammer TMMOB von künftigen städtischen Planungsprozessen von vornherein ausgeschlossen wird, nur das jüngste Glied einer Kette ähnlicher Gesetze. Sie alle zielten darauf ab, vor allem in Umwelt- und Stadtplanungsfragen potentiell hinderliche Verbände und Kammern ebenso wie NGOs von Entscheidungsprozessen fernzuhalten, indem alle Kompetenzen bei Regierungsstellen gebündelt wurden. Hochqualifizierte Professionals, die ihrem Berufsethos statt den Regierungsvorgaben folgen, werden zunehmend mit Disziplinarmaßnahmen überzogen.

Als sozialer Kitt für die unter dem Druck der forcierten Kapitalisierung auseinander fallende Gesellschaft wurde von der AKP eine islamische Gemeinschaftsideologie verordnet, die ein Klima autoritärer Tugendwächterei verbreitet. Die Beschränkungen des Alkoholverkaufs oder der Bestuhlung von Gaststätten im Freien wegen öffentlichen Alkoholkonsums – was übrigens von vielen Istanbuler Wirten als wirklicher Grund ihrer Umsatzeinbußen gesehen wird -, über Lautsprecher in U-Bahnstationen verkündete Ermahnungen zu „tugendhaftem Verhalten“ und ähnliche Gängeleien haben schon vor Ausbruch der großen Protestwelle im Juni zu den verschiedensten Protesten geführt. So gab es etwa ein Kiss-In in einer Ankaraer U-Bahnstation, das prompt von Islamisten mit Messern angegriffen wurde. Unter dem von Erdogan propagierten Schlagwort einer „religiösen Jugend“ wurde politische ebenso wie sexuelle Enthaltsamkeit gefördert und zur Konzentration auf die persönliche Ertüchtigung im Konkurrenzkampf der Warensubjekte ermuntert.

Gegen diesen autoritären Gesamtkomplex richtet sich die Protestbewegung, die Auseinandersetzung um den Gezi-Park war dabei nur der Auslöser. Hinter der empirisch belegten politischen Teilnahmslosigkeit eines großen Teils der Jugend verbarg sich ein weit verbreiteter Zynismus angesichts der herrschenden Politik, der jetzt in offenen Protest umgeschlagen sei, stellt die Soziologin Ayça Alemdaroglu[2] in einer auf zahlreichen Interviews beruhenden Analyse fest. Der antiautoritäre Impetus der Bewegung trifft jedoch bei weitem nicht nur die Politik der gegenwärtigen AKP-Regierung, sondern eine autoritäre Grundkonstellation, welche die gesamte Geschichte der türkischen Republik durchzieht.

Das gilt zunächst für die lange Zeit beherrschende Staatsideologie des Kemalismus und die darin begründeten militaristisch-nationalistischen Traditionen, die der Türkei 1961, 1971 und 1980 drei offene Militärputsche eintrugen und zuletzt noch 1997 einen verdeckten gegen die damalige Regierung der islamistischen Refah-Partei, der Vorgängerin der heutigen Regierungspartei AKP. Diese militarisierte Staatsverfassung brachte auch jene als „tiefer Staat“ bekannte, racketförmige Parallelstruktur aus Militärs, Geheimdiensten, Rechtsradikalen und Mafiaorganisationen hervor, die für zahllose Menschenrechtsverletzungen und politische Morde seit den 1970er Jahren verantwortlich ist.

Diese militarisierten Strukturen versprach Erdogans AKP-Regierung mit den Reformen ihrer ersten Amtszeit, der Machtbeschränkung des Militärs und dem „Ergenekon“-Prozess gegen tatsächliche bzw. vermeintliche Putschoffiziere und ihre Helfer aufzubrechen. Gerade die Ergenekon-Ermittlungen gerieten aber schnell zu einer Generalabrechnung mit jeglicher Opposition gegen die AKP, welche die demokratischen Reformversprechen Lügen strafte. Bereits dabei sahen sich zahlreiche kritische JournalistInnen und Intellektuelle mit den Verschwörungs- und Terrorismusanklagen konfrontiert, die sich jetzt über die Protestbewegung ergießen.

Die AKP hat lediglich die kemalistischen durch islamische Vorzeichen ersetzt, ohne aus dem Bann eines staatsautoritären und selbstverständlich auch nationalistischen Staatsverständnisses und eines dem entsprechenden Weltbildes ausbrechen zu können. Daher kann Erdogan die Proteste wohl auch gar nicht anders als verschwörungstheoretisch wahrnehmen. Eine offene und partizipatorische Gesellschaft, in der sich divergierende und widerstreitende Interessen autonom artikulieren und in einem permanenten Aushandlungsprozess unter Berücksichtigung von Minderheitspositionen auch jenseits der Wahlurnen ständig neu vermittelt werden müssen, kommt in diesem Weltbild schlicht nicht vor. Genau solch eine offene, partizipatorische Gesellschaft hat aber in Gestalt der gegenwärtigen Protestbewegung vielleicht erstmals in der türkischen Geschichte machtvoll die Bühne betreten.

Denn auch die meisten linken Kräfte in der Türkei waren bisher mehr oder minder autoritär strukturiert. Anders als in den USA oder den meisten westeuropäischen Ländern sei die 68er Bewegung in der Türkei überhaupt erst in Gestalt der stalinistischen und maoistischen Deformationen angekommen, die sie nach ihren anfänglich antiautoritären Impulsen entwickelte, stellte die Politologin und CHP-Abgeordnete Binnaz Toprak bei einer Veranstaltung in Berlin Ende Juni fest. Sie verglich daher die jetzige Protestbewegung in der Türkei etwas euphorisch mit dem Ausbruch der 68er Revolte in den USA, den sie wohl als junge Studentin miterlebt hat. Dieser auch in den Feuilletons gern bemühte Vergleich hinkt jedoch schon allein aus historischen Gründen genauso wie andere beliebte Vergleiche („Türkischer Frühling“, „Wutbürger in Istanbul“ etc.).

Tatsächlich waren die meisten radikal linken Gruppen seit den 1970er Jahren in der Türkei streng hierarchische ML-Kaderparteien und huldigten nicht selten einem militaristischen Gewaltfetisch bis hin zum Märtyrerkult, was bis heute das Agieren von Gruppen wie der DHKP-C prägt. Allerdings gibt es auch schon seit längerem in der Türkei eine hochlebendige Szene aus Umwelt- und GenderaktivistInnen, Basisgruppen gegen Gentrifizierung, Stadtteilinitiativen gegen die Vertreibung ärmerer Bevölkerungsgruppen, anarchistisch-libertären Netzwerken und nicht zuletzt auch eine breite subkulturelle Musik- und Kunstszene. Diese Basisgruppen kämpfen schon seit langem an den unterschiedlichsten Punkten gegen die brachiale Umstrukturierungs- und Kapitalisierungspolitik der AKP ebenso wie gegen die Zurichtung der Gesellschaft nach islamistischen Moralvorstellungen. Ohne diesen Aktivismus wäre die jetzige Protestwelle gar nicht möglich gewesen, auch wenn bei mittlerweile veröffentlichten Umfragen 45 Prozent der Befragten angaben, sich nie zuvor an Demonstrationen beteiligt zu haben.

Die Protestbewegung ist also weder eine quasi aus dem Nichts entstandene Revolte bislang unpolitischer urbaner Mittelschichtkids, noch so geschichtslos, wie das in manchen hiesigen Medienberichten erscheint. Das zeigt sich bereits am Taksim-Platz, der nicht erst jetzt immer wieder im Zentrum der Auseinandersetzungen steht, sondern seit je ein umkämpftes politisches Symbol der Republik ist. Zunächst war er ein Ort verordneter Manifestationen des kemalistischen Staates, ab den sechziger Jahren dann vor allem Zentrum von Kundgebungen der stärker werdenden Linken. Dann kam das vermutlich von Kräften des „tiefen Staates“ verübte Massaker des 1. Mai 1977, bei dem mindestens 34 DemonstrantInnen erschossen wurden. Es folgte ein erst unter der AKP-Regierung gelockertes Demonstrationsverbot für den 1. Mai , das fast jedes Jahr von linken Organisationen zu brechen versucht wurde. Dabei zogen sie meist fein säuberlich nach den diversen linken Splittergruppen und Gewerkschaften getrennt und mit einem Meer von Fahnen bestückt zum Platz.

Dieses Muster wurde bei den aktuellen Protesten durchbrochen: Nicht nur fehlten vor allem zu Beginn der Proteste weitgehend die Fahnen und Parteisymbole, sondern auch die geordneten Aufmärsche. Erst nach und nach schlossen sich den Protesten traditonelle linke Gruppen und die großen linken Gewerkschaftsverbände KESK und DISK mit Streik- und Demonstrationsaufrufen an. Das gilt auch für die oppositonelle Traditionspartei des kemalistischen Establishments CHP, die von Erdogan ebenfalls als angebliche Drahtzieherin der Proteste ausgemacht wurde. Ihr Vorsitzender Kemal Kilicdaroglu dagegen gab offen zu, dass sie sich in Wahrheit nur an die Proteste dranhängen konnte. Eine neue Qualität äußerte sich auch in den nach der gewaltsamen Auflösung des Gezi-Camps entwickelten Protestformen wie der des zunächst von einem einzelnen Künstler ausgehenden „Stehenden Mannes“ (Duran Adam), die sich vom Taksim-Platz aus in Windeseile über zahlreiche Städte der Türkei verbreitete. Zu Recht wies Deniz Yücel in der taz darauf hin, dass diese Protestform „dem Fetisch der Massen, dem auch viele Kritiker der Regierung anhängen, die Verantwortung und die Möglichkeiten des Individuums entgegen“ setzt.[3]

Von historischem Bewusstsein zeugen auch Großdemonstrationen wie die alevitischer Organisationen anlässlich des 20sten Jahrestages des Massakers von Sivas, an der sich die Taksim-Plattform beteiligte. Dort wurde das Gedenken an das Pogrom gegen alevitische Künstler und Intellektuelle, dem am 2. Juli 1993 35 Menschen zum Opfer fielen, mit den heutigen Forderungen nach Meinungsfreiheit und Gleichberechtigung von Minderheiten verbunden. Auch die spontane Demonstration der Protestbewegung in Istanbul mit über 10.000 TeilnehmerInnen, nachdem die Erschießung eines kurdischen Jugendlichen bei einer Protestaktion in Lice im fernen Südosten des Landes bekannt  wurde, markiert ein neues Bewusstsein jenseits bisheriger Trennlinien. Zwar haben sich auch bisher linke Gruppen mit der kurdischen Sache solidarisiert, aber dass eine derart breite Protestbewegung die Polizeigewalt in den kurdischen Gebieten ganz selbstverständlich zu ihrer eigenen Sache macht und entsprechend auf sie reagiert, ist neu.

Es ist genau diese Überwindung der überkommenen Spaltungen in ethnische Gruppen und religiöse Strömungen, in „weiße“ (steht für westlich, säkular, urban) und „schwarze“ (steht für anatolisch, provinziell, religiös) TürkInnen, die immer wieder als „Spirit of Gezi“[4] beschrieben wird. Dieser sei, so wird von AktivistInnen ebenso wie in Berichten engagierter Medien betont, geprägt von gegenseitiger Achtsamkeit, Empathie, einer Kultur des Teilens und der Toleranz gegenüber dem Anderen. Es spricht nach allem, was derzeit an Berichten und Analysen vorliegt, einiges dafür, dass es dabei nicht so sehr um den in der postmodernen Linken gepflegten Hype um den „Respekt“ vor dem „Anderen“ im Sinne kulturell oder ethnisch definierter Kollektividentitäten geht, sondern um die Achtung der Gleichberechtigung unterschiedlicher individueller Subjektivitäten.

Beeindruckend ist auch der Humor, mit dem nicht nur nach wie vor selbst auf die perfidesten Angriffe der AKP-Regierung und die Brutalität der Polizei reagiert wird, sondern auch interne Auseinandersetzungen innerhalb dieser heterogenen Protestbewegung ausgetragen werden. So tritt etwa das Gespenst des alten kemalistischen Autoritarismus bei den Protestdemos in Gestalt von markig „Wir sind die Soldaten Atatürks“ skandierenden Jungkemalisten der TGB (Türkiye Gençlik Birliği) auf. Ihnen wurde regelmäßig ein vielstimmiges „Wir sind die Soldaten von Niemand“ entgegengehalten. Und die bei den Protesten stets präsente LGBT-Community ergänzte ironisch: „Und wir sind die Soldaten von Freddy Mercury“.

Ähnliches tut sich bei den offenen Versammlungen im besetzten Gezi-Park und den nach dessen Räumung in zahlreichen Parks in Istanbul und mittlerweile den meisten türkischen Städten entstandenen Parkforen. Hier werden für die Türkei neue, partizipatorische Demokratieformen praktiziert. RednerInnen, die dabei etwa sexistische oder homophobe Beschimpfungen Erdogans und der AKP äußern, werden freundlich, aber bestimmt darauf hingewiesen, dass  man sich nicht derselben diskriminierenden Hasssprache wie die Gegenseite bedienen sollte. So schilderte die LGBT-Aktivistin Sedef Çakmak in einem Interview, wie überrascht sie und weitere LGBT-AktivistInnen waren, als  bei einer Protestaktion eine Gruppe in ihrer Nähe anfing, „Schwuchtel Tayyip“ zu rufen, und noch während sie überlegten, ob sie dagegen reagieren sollten, schon andere zu der Gruppe gingen und die homophoben Erdogan-Beschimpfungen auf die beschriebene Weise unterbanden[5].

Die starke Präsenz der LGBT-Communiy innerhalb der Protestbewegung ist mit das stärkste Zeichen für den antiautoritären und emanzipatorischen gesellschaftlichen Wandel. So war die diesjährige Gay-Pride in Istanbul mit bis zu 100.000 Beteiligten nicht nur die bislang mit Anstand größte, sondern zugleich eine weitere mächtige und fröhliche Manifestation der Protestbewegung. Die Gay-Pride war allerdings auch in den Jahren zuvor schon von etwa 5000 im Jahr 2010 auf rund 30.000 TeilnehmerInnen im Jahr 2012 angewachsen. Dass das eingangs erwähnte Hochzeitspaar bei seiner Protestzeremonie im Gezi-Park unter dem Jubel von Tausenden öffentlich verkündete, keinerlei Problem damit zu haben, sollte sich ein künftiges Kind von ihnen für eine homosexuelle Lebensweise entscheiden, dürfte wohl ziemlich einzigartig für die neuere Geschichte nicht nur der Türkei sein.

Zugleich steht das durch die von Anfang an in der Gezi-Bewegung aktiven „antikapitalistischen Muslime“ organisierte alternative Fastenbrechen in der Istiklalstraße für einen anderen, entspannten Umgang mit Religion seitens der Gläubigen und für eine neue, tolerante Säkularität seitens der Weltlichen in der Bewegung. Denn auch der kemalistische Laizismus war bislang vor allem eine staatsautoritäre Veranstaltung, die statt religionskritischer Aufklärung obrigkeitsstaatliche Gängelung und Instrumentalisierung des Religiösen hervorbrachte.

Es gibt also viele und hier bei weitem nicht vollständig aufgeführte Gründe, den antiautoritären Charakter der Protestbewegung als deren zentrales emanzipatorisches Moment zu herauszustellen. Wie die genannten Beispiele zeigen, entstand diese Bewegung nicht aus dem luftleeren Raum, sondern die zugrunde liegenden gesellschaftlichen Veränderungen kündigten sich schon länger an. Das Ausmaß, welches die Protestwelle dann im Juni annahm, überraschte allerdings nicht zuletzt die AkteurInnen selbst: Demonstrationen in fast 80 türkischen Städten mit von der Polizei (!) geschätzten 2,5 Millionen Teilnehmenden hatte wohl niemand erwartet.

Das besondere, historisch zu nennende Moment liegt aber nicht in der Quantität, sondern der Qualität der Ereignisse, die sich durch das Zusammentreffen all der vorher mehr oder weniger getrennt, wenn nicht sogar isoliert voneinander verlaufenden gesellschaftlichen Auseinandersetzungen manifestierte. Die Revolte markiert den Punkt, an dem eine bereits vorhandene neue gesellschaftliche Realität sich ihrer selbst bewusst wird und machtvoll auf der politischen Bühne erscheint. „Was die Türkei im Juni durchlaufen hat, war sicher keine Revolution im klassischen Sinn eines Regierungsumsturzes, aber definitiv eine Bewusstseinsrevolution“, fasst Ayça Alemdaroglu die Ereignisse zusammen. Man könnte auch mit Walter Benjamin sagen, dass die Revolte zwar nicht den „wirklichen Ausnahmezustand“ des revolutionären Umsturzes herstellte, welchen Benjamin Carl Schmitt entgegenhielt, wohl aber für einen Moment jene „Stillstellung des Geschehens“, welche den Einbruch einer „messianischen Zeit“ in die „homogene und leere Zeit“ des bloßen Fortgangs der herrschenden Verhältnisse markiert, um die „revolutionäre Chance im Kampfe für die unterdrückte Vergangenheit“ zu eröffnen.[6]

Nun wird in den Parkforen ebenso wie in zahlreichen Artikeln und Veranstaltungen überlegt, wie sich der „Gezi-Spirit“ bewahren und in weitere politische Aktivitäten und Forderungen umsetzen lässt. Eine davon ist die nach Abschaffung der 10-Prozent-Klausel bei den türkischen Parlamentswahlen, welche bisher minoritäre Positionen praktisch von der nationalen parlamentarischen Repräsentation ausschloss (was vor allem, aber  nicht nur KurdInnen und Linke traf). Dabei taucht natürlich auch immer wieder die Idee einer Parteigründung auf. Doch markieren Parteigründungen nicht auch jenen Punkt, wo die überschießenden Momente einer Revolte gebündelt und domestiziert werden, um sie wieder dem Betrieb zuführen zu können? Wenn etwa Cem Özdemir auf einer Veranstaltung der Böll-Stiftung von der Gründung einer erfolgreichen Ökopartei als Ergebnis der türkischen Protestbewegung träumt, dann macht er schlicht seinen Job. Aber gerade an der Geschichte der GRÜNEN als Ausgründung der bundesrepublikanischen Protestbewegungen der 1970er Jahre lässt sich musterhaft ablesen, was solche Betriebszuführung bedeutet.

Was von der türkischen Protestbewegung des Juni 2013 bleibt, hängt wohl eher davon ab, ob es gelingt, den „Spirit of Gezi“ in der Gesellschaft zu verankern und weiter zu treiben. Das mag sich dann auch in einer neuen politischen Kultur auf der Ebene von Parteien niederschlagen. Die wirkliche „Nachhaltigkeit“ des „Spirit von Gezi“ erweist sich aber sicher nicht an einer erfolgreichen neuen Parteigründung. In diesen Sinn ist zu hoffen, dass es Erdogan und dem Repressionsapparat des AKP-Staates nicht gelingt, die Leute buchstäblich wieder in den Staatsautoritarismus zurückzuprügeln,

Udo Wolter ist Dokumentar und freier Autor in Berlin.



[1] Aslı Iğsız: Brand Turkey and the Gezi Protests. Authoritarianism, Law, and Neoliberalism. Jadaliyya.com, 12.07.2013.

[2] Ayça Alemdaroglu: From Cynicism to Protest. Reflections on Youth and Politics in Turkey. Jadaliyya.com, 18.07.2013

[3] Originell, fröhlich, emanzipiert. taz, 21.07.2013.

[4] Vgl. etwa İrem İnceoğlu:  The Gezi spirit and the forums. opendemocracy.net, 17.07. 2013.

[5] Homophobic prejudices broken by Gezi incidents in Turkey. Hürriyet Daily News, 29.07.2013, http://www.hurriyetdailynews.com/PrintNews.aspx?PageID=383&NID=51567.

[6] Walter Benjamin: Über den Begriff der Geschichte. www.culture.hu-berlin.de/hb/files/Benjamin_Ueber_den_Begriff_der_Geschichte.pdf

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