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Gilles Reckinger: Lampedusa

Begegnungen am Rande Europas. Edition Trickster, Peter Hammer Verlag, Wuppertal 2013. 228 Seiten, 19,90 Euro.

Wie lebt es sich auf Lampedusa – jener winzigen süditalienischen Insel unweit der tunesischen und libyschen Küste, die Ziel Tausender afrikanischer Bootsflüchtlinge ist? Mit seinem Buch Lampedusa möchte der Ethnologe Gilles Reckinger Antworten geben auf diese Frage, die von PolitikerInnen und im regelmäßig wiederkehrenden Medienrummel um die Insel meist außer Acht gelassen wird. Dafür nimmt der Autor weniger die »kalten Fakten« zu Lampedusa und seinen BewohnerInnen in den Blick. Es geht ihm ausdrücklich darum, das »Befinden der Menschen greifbar zu machen«. Er will die Einheimischen und die Flüchtlinge (die über die Insel auf das europäische Festland gelangen wollen), ihre Handlungen und ihre Alltagsstrategien verstehen.

Für sein Vorhaben reiste Reckinger im Zeitraum von März 2009 bis Februar 2011 mehrere Male nach Lampedusa, meist in Begleitung der Ethnologin Diana Reiters. Die beiden ForscherInnen machten ethnographische Beobachtungen und führten Interviews mit Einheimischen wie auch mit Flüchtlingen. Die Aufenthalte waren so gewählt, dass sie die Insel sowohl in den Winter- als auch in den Sommermonaten, in denen Lampedusa ein gefragtes Ziel für TouristInnen ist, kennen lernten. Denn Tourismus ist eine bedeutende Einnahmequelle auf der ansonsten von Arbeitslosigkeit, Geldmangel und einer Ökonomie der symbolischen, nicht-monetären Tauschbeziehungen geprägten Insel; er verleiht ihr ein »anderes Gesicht«, so Reckinger.

Gleichzeitig sind viele Einheimische der Ansicht, die bloße Anwesenheit der Bootsflüchtlinge stünde der Entfaltung des Tourismus im Weg. Sie selbst profitieren von der Migration aus Afrika dennoch oftmals merklich, insbesondere als Angestellte im abgelegenen Auffanglager für ankommende Flüchtlinge und als AnbieterInnen von Dienstleistungen für die auf der Insel eingesetzten Polizisten. Der Hotelbesitzer Silvio beispielsweise befürwortet uneingeschränkt das italienisch-libysche »Freundschaftsabkommen« von 2009, das die Abfahrt von Bootsflüchtlingen von der libyschen Küste weitgehend verhinderte. »Die Politik ist immer schmutzig. Aber wir müssen auch an uns denken«, entgegnet er auf den Hinweis Reckingers, dass die Flüchtlinge von Gaddafis Regime in die Wüste abgeschoben wurden. Als problematisch erscheint Silvio lediglich der Verlust von Arbeitsplätzen infolge des Abkommens. Es sei insofern verständlich, dass sich Einheimische das zwischenzeitlich geschlossene Auffanglager zurückwünschen.

Reckinger ist ein geduldiger Gesprächspartner und Beobachter, der sich aufrichtig für die Facetten des alltäglichen Lebens auf Lampedusa interessiert. Das Warten und Zeittotschlagen als zentrale Beschäftigungen, die spärliche Infrastruktur, die insulare Enge und Isolation, die zeitweise massive Polizeipräsenz und die äußerst prekäre Situation der Bootsflüchtlinge, die die Einheimischen in der Regel »nach Kräften« verdrängen – dies alles gehört zur Normalität auf der nur etwa zwanzig Quadratkilometer großen Mittelmeerinsel, die der Autor als dreigeteilt beschreibt: »Es gibt [...] drei parallele Inseln: die der Migration und die der Touristen, und dazwischen leben die Einheimischen.«

Ärgerlich ist eine gelegentliche mangelnde Sprachsensibilität. Es wird zwar deutlich, dass der Autor gegenüber den Flüchtlingen Mitgefühl und Solidarität empfindet und dies auch in alltäglichen Begegnungen wie selbstverständlich zeigt. Aber muss es sein, von einem »fast vollständig zum Erliegen« gekommenen »Flüchtlingsstrom« zu schreiben oder dass die Zahl der Landungen »explodierte«?

Reckingers ethnographische Reisereportage ist weniger an ein Fachpublikum als an eine breite LeserInnenschaft adressiert. Der Autor schreibt anschaulich und wortgewandt, doch gelegentlich verliert er sich in redundanten Beobachtungen und verzichtbaren Beschreibungen alltäglicher Interaktionen. Dies geht auch zu Lasten einer tiefer ansetzenden ethno- oder soziologischen Analyse der Verhältnisse in und um Lampedusa. Wer sich ausführlicher mit der Situation von Bootsflüchtlingen im Grenzraum zwischen Libyen, Italien und Malta auseinandersetzen möchte, wird zu anderen Veröffentlichungen greifen müssen.

Wem nicht danach ist, findet in »Lampedusa« ein kurzweiliges Buch. Es zeichnet sich gerade dadurch aus, dass die Aufenthalte des Autors in jeweils stark veränderten Kontexten stattfanden: zunächst während einer Periode mit einer hohen Anzahl ankommender Flüchtlinge, dann während der Phase des »Freundschaftsabkommens« zwischen Italien und Libyen, und schließlich zu Beginn der Umbrüche in Nordafrika, als Tausende Menschen wieder nach Lampedusa gelangen konnten.

Till Schmidt

338 | Fairer Handel
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