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Blackbox Abschiebung

Geschichten von Leuten, die gerne geblieben wären. Edition Suhrkamp, Berlin 2013. 482 Seiten, 20 Euro.

Was ist Abschiebung? Wie funktioniert die deutsche Abschiebepolitik? Und was sagt sie über unsere Gesellschaft aus? Mit diesen Fragen beschäftigte sich im Jahr 2010 die Ausstellung »Blackbox Abschiebung« von Ralf Jesse und dem Institute for Studies in Visual Culture (ISVC). Die gleichnamige Monografie von Miltiadis Oulios, Journalist, Sozialwissenschaftler und ehemaliges Mitglied von kanak attak, ist gleichzeitig Austellungsdokumentation und weiterführendes Projekt. Sie leistet eine kritische Bestandsaufnahme des aktuellen Migrations- und Grenzregimes aus einer Perspektive, die auf die Autonomie der Migration pocht, und sie formuliert eine Theorie der Abschiebung als Teil der Auseinandersetzung um globale Bewegungsfreiheit.

Grundlage von Ausstellung und Buch sind Interviews mit Abgeschobenen und von Abschiebung bedrohten Menschen. Ihre Geschichten verdeutlichen die Tragik und Absurdität dieser Politik. Dennoch steht im Mittelpunkt von Oulios Analyse nicht die »Perspektive des Leids«, die er als humanitäre Thematisierung der Abschiebung kritisiert, sondern der Kontext des Kampfes um globale Bewegungsfreiheit, in dem Abschiebungen durchgeführt werden. Damit setzt Oulios die Frage kollektiver Rechte auf die Agenda und weist die Opferrolle, die MigrantInnen im humanitären Diskurs zugesprochen wird, zurück. Den Slogan »Abschiebung ist Folter, Abschiebung ist Mord« hält Oulios für »verfehlt«: »Nicht weil er etwas Falsches ausdrückt, sondern weil er zu wenig zur Sprache bringt. Und (...) weil er den Diskurs des Rassismus wiederholt, ohne einen Begriff von Bürgerrechten, die über das Bestehende hinausweisen, zur Sprache zu bringen.«

Doch worauf zielt die Abschiebepolitik? Oulios interpretiert sie so: »Entgegen der offiziellen Begründung liegt die wirkliche Bedeutung von Abschiebungen nicht in der Einwanderungskontrolle sondern im Vorbehalten von Rechten. Abschiebungen sind das schmutzige Geheimnis der Integrationsrepublik.« In einer Welt globaler Verflechtungen sei der Versuch, die Bewegungsfreiheit der Menschen zu unterbinden, jedoch zunehmend zum Scheitern verurteilt und Residuum eines überholten Verständnis staatlicher Souveränität. »Funktioniert das Abschiebesystem wie ein kaputter Autopilot?«, fragt Oulios denn auch am Ende seiner Untersuchung.

Mit seiner Mischung aus Reportagen, Interviews, Hintergrundrecherchen und Analysen ist Oulios nicht nur eine umfassende, sondern auch außergewöhnliche Bestandsaufnahme deutscher und europäischer Migrationspolitik und des Widerstands dagegen gelungen. Sie bringt Licht ins Dunkel der Blackbox Abschiebung und bezieht politisch Stellung.

Martina Benz

338 | Fairer Handel
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