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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 338 | Fairer Handel Inszenierte Verteilungsgerechtigkeit

Inszenierte Verteilungsgerechtigkeit

Zur politischen Ökonomie von Fair Trade (Langfassung) von Hanns Wienold

Fairtrade hat viele positive Effekte auf die KleinproduzentInnen im globalen Süden, die es hinter seinen Schutzwall geschafft haben. Die Struktur der Wertschöpfungsketten von Süd nach Nord wird davon jedoch kaum berührt. Und auch vor Ort bringt die Teilhabe an Fairtrade nicht allen Beteiligten immer Vorteile.

 

Die Ursprünge des Fair Trade, dem Fairem Handel mit ehemals kolonialen Stapelwaren wie Kaffee, Tee, Kakao, Bananen, aber auch Baumwolle, Blumen oder Gold liegen bei religiösen/kirchlichen Gruppierungen, etwa in den „Eine-Welt-Läden“, und verschiedenen Solidaritätsbewegungen. Diese versorgten über direkte Austauschbeziehungen Gleichgesinnte in den USA oder Europa mit Kunsthandwerk aus den Anden oder Solidarkaffee aus Nicaragua, um dadurch Projekte kleiner ProduzentInnengruppen zu unterstützten und sozialen Bewegungen in der „Dritten Welt“ Solidarität zu übermitteln. Die aus unterschiedlichen Wurzeln erwachsende Idee eines Alternativen Handels als Form der Solidarität zwischen den BewohnerInnen der Einen Welt, die jedoch durch Kolonialismus und Imperialismus zutiefst gespalten wurde und deren Fragmente heute von globalen Kapital- und Warenströmen auf der Suche nach Profit durchzogen werden, treibt sicherlich auch in der Gegenwart weiterhin die Akteure in den nationalen und internationalen Fair Trade-Organisationen voran.[1]

 

An die Stelle der im Alternativen Handel zumindest der Idee nach direkten Beziehung zwischen ProduzentInnen auf der einen Seite und HändlerInnen/VerbraucherInnen auf der anderen Seite, durch die garantiert werden soll, dass die in den Preisen enthaltenen Solidarbeiträge ihre gedachten Empfänger erreichen, tritt im Fairtrade (FT)[2] das Zertifikat. Es wird von einer Zertifizierungsagentur oder Siegelorganisation vergeben, die durch ihre offen gelegten und im Prinzip nachprüfbaren Verfahrensweisen und Standards dem Zertifikat allseitig das beanspruchte Vertrauen sichern sollen. So wird das spezifische Fairtrade-Label, zum Bestandteil einer von den unmittelbaren ProduzentInnen auf den Feldern des globalen Südens bis zu den Endverbrauchern im Supermarkt oder im Café reichenden Warenkette, z.B. von Kaffee. Durch die Zertifizierung im Fairen Handel, beginnend mit dem niederländischen Gütesiegel Max Havelaar für Kaffee im Jahre 1988, wird eine Ausweitung des Handelsvolumens angestrebt, durch die es weltweit einer großen und ständig wachsenden Zahl von vor allem kleinen ProduzentInnen, die für sich nur über geringe Marktmacht verfügen, ermöglicht werden soll, vom Ertrag ihrer Hände Arbeit ein angemessenes Leben führen zu können.

 

Die vom Fairtrade angefragte Solidarität der KonsumentInnen mit den ProduzentInnen soll nun das Nadelöhr des Chash-Nexus passieren, der im monetären Gegenstrom zu den exotischen Waren einen Solidarbeitrag der KonsumentInnen transportieren soll.[3] Wie geht das vor sich? Wer wird erreicht und wer nicht? Welche Wirkungen können über den kommerziellen Fair Trade bei den unmittelbaren ProduzentInnen erzielt werden, die diesen Handel beliefern?

 

Wo die Waren herkommen

In den globalisierten food chains, den Warenketten des Handels mit Agrarprodukten, kommt den unmittelbaren lokalen ProduzentInnen, den Kleinbauern und Minifundisten, den bäuerlichen Vertragsproduzenten für Agrarkonzerne, den landlosen Tagelöhnern, wandernden Arbeiterinnen und Arbeitern, den Pflückerinnen und Pflückern und ihren halbwüchsigen Kindern, die auf Tee- oder Kaffee-Plantagen in häufig sklavenähnlicher Abhängigkeit gehalten werden, von den entlang der Warenketten aggregierten Werten nur ein Bruchteil zugute. Dieser allein erlaubt es ihnen nicht, sich und ihre Familien oder die Angehörigen der Haushalte zu ernähren. Im Kampf um die Verteilung des Produktenwerts entlang den internationalen Wertschöpfungsketten haben sie die geringste Macht, einen ausreichenden Teil des Produktenwerts für sich festzuhalten. Um ihre Schulden zu tilgen, ihre Kinder zur Schule zu schicken, teure Medikamente oder Operationen zu begleichen oder ihre Töchter zu verheiraten, sind die meist halb-proletarischen ländlichen Haushalte gezwungen, cash crops wie Baumwolle, Bananen oder Kaffee anzupflanzen.

 

Damit werden sie zum Ziel der Aufkäufer und Zwischenhändler und zu Spielbällen der Turbulenzen auf den Weltmärkten. Das Bild einer „ganzheitlichen“ Familienlandwirtschaft trifft auf kleinbäuerliche Betriebe in Brasilien, Indien oder China kaum zu (vgl. Wienold 2007). Seit Kolonialzeiten verlassen Kaffee, Tee, Kakao, Bananen, Erdnüsse oder Baumwolle ihr Land, zurück bleibt der Hunger. Ein Kleinbauer oder eine Kleinbäuerin in Brasilien, Mexiko, Indien, Kenia oder auf den Philippinen zu sein, ist „ein Pech“, wie Marx von den Arbeitern gesagt hat. Noch glückloser sind die, die die Plantagen bevölkern, oder die Scharen der wandernden Tagelöhner auf den Erdbeerfeldern und in der Tomatenernte im mexikanischen Sonora oder auf den brasilianischen Kaffee- und Zuckerrohrplantagen.

 

„Wertschöpfung“ in der Warenkette

Im Zentrum der folgenden Überlegungen sollen die transnationalen Produkt- oder Warenketten stehen, die aus Ketten der Ausbeutung zu Bändern der Fairness werden sollen. Verfolgt wird die These, dass die Fairtrade-Zertifikate in den global value chains zum besonderen Hebel einer „Wertschöpfung“ (Barrientos/Smith 2007) werden. Das macht sie mit anderen Zertifikaten, etwa organischer Produktion oder ökologischer und sozialer Nachhaltigkeit vergleichbar. Im Vordergrund stehen hier die Zertifikate der 1997 aus 14 nationalen Initiativen gegründeten Fairtrade Labelling Organisations International (FLO). Seit 2004 werden die Zertifizierungen von FLO-CERT[4] vorgenommen, um die Fragen der politischen Ausgestaltung der Normen und Standards des Fairen Handels von denen der Implementierung und Kontrolle zu trennen.

 

Die unter den Labeln von Fairtrade gehandelten Waren (in der Hauptsache immer noch Kaffee, aber auch zunehmend Tee, Bananen, Kakao und Blumen) stehen heute neben anderen zertifizierten Produkten auch in den Regalen der Supermärkte und großen Kaufhaus-Ketten. Um ihren Platz in den oberen Preissegmenten behaupten und ausweiten zu können, müssen die unter dem Fairtrade-Label gehandelten Produkte den gehobenen Qualitätsanforderungen und den Standards der Warenästhetik (Formen, Farben, Größen, Konsistenz und „Frische“) genügen, die vom metropolitanen Handel den Produzenten in den fernen Ländern diktiert werden (Mardsen 1997; Freidberg 2009).

 

Zertifikate und Labels sind einbezogen in eine zunehmende Aufstiegskonkurrenz um Marktanteile gerade auch unter Massenprodukten wie Kaffee oder Tee, die neben der Standardware über Qualitätssignale und Herkunftsbezeichnungen Marktnischen, etwa in Form von Spezialitäten-Kaffees, errichten und behaupten sollen. Die Produktions- und Wertschöpfungsketten sind bei Lebensmitteln wie Kaffee oder Bananen kurz und von geringerer Komplexität. Bei Industrieprodukten sind die Ketten in Bezug auf Materialien und Arbeitsvorgänge komplexer. Damit die Produkte des Fairen Handels als Vermittlungs- oder Bindeglieder zwischen ursprünglichen ProduzentInnen und den KonsumentInnen in den Metropolen erscheinen können, legt FLO bei den von ihr zertifizierten Produkten ein besonderes Gewicht auf eine stoffliche Identität der Produkte. So scheinen an das stoffliche Element im Zuge der Arbeitsprozesse Qualitäten geheftet zu werden, die sich in „Wertschöpfungen“ verwandeln.

 

Zu solchen Qualitäten können über Labels auch die Herkunft von bestimmten Produzenten und Lokalitäten nach oben gestuft werden. Ohne auf die sich andeuteten Verkehrungen oder Fetischisierungen[5] näher einzugehen, soll festgehalten werden, dass das Fairtrade-Label zu einem Qualitätskennzeichen wird, das nach einem höheren Preis ruft. Die Differenzierungen, die mittels Labels stromabwärts der Wertschöpfungskette auf den Regalen von Rewe oder Karstadt vorgenommen werden, können aber nicht ohne differenzierende Rückwirkungen stromaufwärts bei den bäuerlichen ProduzentInnen und ihren Organisationen bleiben. Gleichzeitig ist es nicht verwunderlich, dass transnationale Marktführer wie Starbucks, Carrefour oder Tesco mit hauseigenen Siegeln der Fairness zu hantieren beginnen, um ihre Führungsrolle und beherrschende Position in den globalen Produktketten bis hin auf die Anbaufelder zu behaupten (Raynolds/Wilkinson 2007).

 

Kleinbäuerliche Kooperativen als Partner von Fairtrade

Seit seinen Anfängen Ende der 1980er-Jahre des vorigen Jahrhunderts zielte Fairtrade auf kleinbäuerliche ProduzentInnen[6] vor allem im Kaffeesektor in Lateinamerika. Hauptvoraussetzung für die Teilnahme am zertifizierten Handel war der vorangehende Zusammenschluss von kleinbäuerlichen Betrieben zu Kooperativen mit demokratischen Strukturen und organisatorischem Potential (Einhaltung von Standards, Verwaltung der Prämienzahlungen, Aufkauf der Produkte von den Mitgliedern bzw. Verteilung der Verkaufserlöse etc.). Die gleichfalls zertifizierten Handelspartner[7] der von FLO zertifizierten kleinbäuerlichen Kooperativen übernehmen unter dem Fairtrade-Label deren Schutz vor den Wechselfällen des Marktes. Das geschieht durch einen garantierten Mindestpreis, sofern dieser oberhalb des Weltmarktpreises liegt, durch die Zahlung einer Prämie, die für Infrastruktur- und Entwicklungsprojekte (Schule, Gesundheit, Straßen etc. ) verwandt werden soll, durch langfristige Liefer- bzw. Abnahmeverträge, Bereitstellung von Agrarkrediten, Beratung und, was sehr wichtig ist, die Vorfinanzierung der Ernten in Höhe von bis zu 60 Prozent (vgl. Nord Süd Forum München 0.J.).[8] Damit werden die in Kooperativen organisierten Betriebe zunächst unmittelbar den Krallen der lokalen Zwischenhändler und lokalen Weiterverarbeiter entrissen, die sich die notorische Geldknappheit der einzelnen Bäuerinnen und Bauern zunutze machen.[9]

 

Die Bildung von Kooperativen ist das unmittelbare Mittel zur Aufhebung der Zersplitterung der individuellen bäuerlichen Produzenten, damit diese nicht, wie Sir Malcolm Darling 1927 über die Bauern des Punjab schrieb, von den Launen der Natur und den Wechselfällen des Marktes wie „fallendes Laub“ im aufkommenden Wind verweht werden. Nach Nessel (2012) gaben nach Beginn der Kaffeekrise 1989 mehr als 800.000 mexikanische KaffeeproduzentInnen ihre Mini-Wirtschaften auf. Daher beruhen die beobachteten positiven Effekte von Fairtrade für die individuellen ProduzentInnen auf der Organisationsmacht der Kooperativen, ihrer regionalen und nationalen Zusammenschlüsse[10] und beispielsweise auf der Marktmacht der nationalen und internationalen Fairtrade-Organisationen, die bestimmte Standards und Preise garantieren können.

 

 

Die „Fairness-Lücke“ auf dem Kaffee-Weltmarkt

Mit der Aufkündigung des Internationalen Kaffeeabkommens im Jahr 1989 erlebten die Weltmarktpreise einen jähen und tiefen Absturz. Die seit den 1960er-Jahren von dem Abkommen latent gehaltene strukturelle Überproduktion trat nach Auslaufen der nationalen Quotierungen nun unreguliert zu Tage, nachdem auch die staatlichen „Kaffeeinstitutionen“ (z.B. das Instituto de Café in Mexiko) den „neoliberalen“ Kahlschlägen zum Opfer gefallen waren. Zuvor konnten diese Institutionen große Teile der Ernte aufkaufen und als Lager aus dem Markt nehmen, die Abnahmepreise garantierten und die ProduzentInnen beraten. Die Weltmarktpreise für exportfähigen „grünen“ Kaffee fielen nun für kleinbäuerliche Betriebe, die weltweit 70 Prozent der Kaffeeproduzenten stellten und stellen, sich den Markt aber zu 50 Prozent mit den Plantagen teilen, zeitweilig unter die monetären Entstehungskosten.

 

Während in einer solchen Situation „unfairer Preise“[11] kapitalistisch geführte Betriebe aus dem Markt gehen und ihr Kapital zu verlagern trachten, müssen sich bäuerliche Betriebe in der Krise durch Diversifizierung der angebauten Produkte (auch für den Eigenkonsum) wie der Einkommen über Wasser halten oder sie müssen die Krise gar „unterhungern“. Nach der Aufkündigung des Internationalen Kaffeeabkommens fiel der Anteil der Erzeugerländer um mehr als 30 Prozent auf unter zehn Prozent des Gesamtpreises des Endprodukts. Die unmittelbaren ProduzentInnen selbst erhalten zwischen ein und sechs Prozent des Endprodukts je nach Qualität und Verkaufsform.[12] Der Eintritt Vietnams mit Millionen von KleinproduzentInnen in den Kaffeemarkt, gefördert auch durch die Deutsche Entwicklungshilfe, aber auch die Produktivitätsfortschritte der großen Kaffeeplantagen, etwa in Brasilien, haben zusätzlich zu einem Absturz der ProduzentInnenpreise geführt.

 

Fairtrade (FLO) kann auch im Vergleich mit anderen Nachhaltigkeitszertifikaten (Utz Kapeh, Rainforest Alliance) und Zertifikaten für organischen Anbau eine deutlich höhere Anteile an der Wertschöpfung für die kleinbäuerlichen Betriebe bzw. ihre Kooperationen vorweisen. Nach Daviron/Ponte erreichte im Jahr 2000 in Italien, wo der Fairtrade-Kaffee mit moderatem „Aufschlag“ gegenüber dem „konventionellen“ Kaffee verkauft wird, der an tanzanianische Kooperativen gezahlte Fairtrade-Preis für organischen Kaffee mittlerer Qualität erstaunliche 21 Prozent des Ladenpreises. Dies entspricht etwa den Anteilen der Herstellungsländer während dem Internationalen-Kaffeeabkommen-Regime in den 1970er- und 80er-Jahren. Benoit Daviron und Stefano Ponte, aus deren Feder das Beispiel stammt, resümieren: „In diesem Sinne könnte man sagen, dass Fair Trade das Quotensystem als Garant einer fairen Distribution entlang der Kaffeekette ersetzt hat“ (Daviron/Ponte 2005, S. 219). Fairtrade schließt gewissermaßen „auf Zeit“ die vom Internationalen Kaffeeabkommen hinterlassene „Fairness-Lücke“. Daviron und Ponte beeilen sich allerdings hinzuzufügen, dass dies nur für weniger als ein Prozent des weltweit gehandelten Kaffees galt.

 

Die Betrachtung der Anteile an der „Wertschöpfung“ entlang der Warenkette (u.a. Landwirtschaft, Import, Röstereien, Einzelhandel) steht bei Daviron und Ponte allerdings auf theoretisch schwankendem Boden, nicht nur hinsichtlich der Unterscheidung von materieller und immaterieller Wertschöpfung. Es hat den Anschein, als könnten Preisanteile und Profite entlang der Ketten hin- und her geschoben werden. Deutlich wird jedoch, dass die Preisbildung an den farm gates der 25 Millionen überwiegend kleinen KaffeeproduzentInnen wesentlich eine Frage der Marktmacht ist, Kostpreise (plus Profite) durchzusetzen. Diese tendiert für den einzelnen Kleinbetrieb jedoch angesichts struktureller Überproduktion und der fehlenden Einkommensalternativen für die häuslichen Arbeitskräfte zeitweise gegen Null.

 

Überwiegend handelt es sich bei den „fair“ gehandelten Agrarprodukten zunächst um standardisierte Massenwaren für Massenmärkte. So lange die vielen Millionen ProduzentInnen von Kaffee für einen für sie anonymen Markt produzieren, der durch die Aufkäufer vor Ort repräsentiert wird und sich dann in der Ferne verliert, können sie sich nur als Mengenanpasser verhalten. Um zu überleben, erhöhen sie bei fallenden Preisen die angebotenen Mengen, solange es keine höhere Regulation und Koordination gibt. Die großen Importeure aus „dem Norden“ verstärken die Massenhaftigkeit des Produkts, indem sie Standards setzen, die von Beginn an Voraussetzung für den Handel an Terminbörsen waren, die bestimmend für die Weltmarktpreise wurden. Die oligopolistischen Großröstereien erfinden Mischungen und standardisierten Geschmack, den sie mit Markennahmen (brands) versehen, in denen Unterschiede zwischen den Produkten einzelner Produzenten und Produzentenregionen untergehen. Zugleich besitzen sie das von ihnen selbst erzeugte Wissen, das „Geheimnis“ des „guten Kaffees“, mit dem sie ihre Marktanteile vergrößern oder verteidigen können und die Lieferanten der „Rohstoffe“ systematisch vom Konsumenten trennen.

 

Seit Beginn der Kaffeekrise Anfang der 1990er-Jahre sind die Weltmarktpreise äußerst volatil geworden. An Stelle langfristiger Schwankungen, deren Tiefpunkt die Krise um 1930 war, in der die brasilianische Eisenbahn mit Kaffee geheizt wurde, treten kurzfristige Schwankungen der Preise, die sich über kurze Zeit verdoppeln und verdreifachen auftürmen können, um dann wieder in die Tiefe zurückzusinken. Anzeichen von schlechten Ernten, etwa in Brasilien, werden durch den spekulativen Handel mit futures an den Warenbörsen verstärkt, auf denen keine Produkte sondern Kontrakte gehandelt werden, die im Volumen ein Zehnfaches und mehr der realen Verkäufe betragen und diesen vorauseilen. Auch wurde die Lagerhaltung, die seit der Krise weitgehend in den Händen des internationalen Handels liegt, stark eingeschränkt. In den Zeiten, in denen der Weltmarktpreis weit über dem von Fairtrade garantierten Mindestpreisen liegt, bestehen für die einzelnen ProduzentInnen starke Anreize, sich von ihren Kooperativen und Fairtrade abzuwenden und direkt an internationale Aufkäufer zu liefern, die zunehmend in den Handel vor Ort eindringen. Doch auch in diesen Jahren finden sich neue Kooperativen, die sich von Fairtrade zertifizieren lassen und die zeigen, dass Fairer Handel mehr zu bieten hat als garantierte Mindestpreise und Prämien.

 

Was bringt Fairtrade den (klein)bäuerlichen ProduzentInnen?

Wichtiger als mögliche Einkommenseffekte bei den individuellen kleinbäuerlichen Haushalten wird oft die Bildung von Kooperativen angesehen, die, bei Wahrung der Selbständigkeit der ProduzentInnenhaushalte, eine Voraussetzung der Zertifizierung durch FLO darstellen. Die Kooperativen sind für die Vermarktung der von ihren Mitgliedern an sie abgelieferten Produkte zuständig und Vertragspartner der zertifizierten Handelsunternehmen. Sie sind für die Vermittlung und Einhaltung sozialer und ökologischer Standards in der Produktion, sowie für die demokratische Verwaltung der Sozialprämien zuständig.

 

Insgesamt werden durch Fairtrade Wissen und Kompetenzen der Produzenten und ihrer Kooperativen im ökologischen Landbau, im Umgang mit internationalen Organisationen und in der Verwaltung kommunaler Angelegenheiten gefördert. Zudem wird ein Selbstbewusstsein erzeugt, das die ProduzentInnenorganisationen nun ihren Platz in den internationalen Strukturen von FLO einfordern lässt.[13] Nach den vorliegenden Studien haben die Forderungen nach demokratischen Strukturen jedoch bisher kaum dazu beigetragen die Stellung der Frauen in der Produktion und der Vermarktung zu stärken.

 

Eine Reihe von Untersuchungen und Evaluationsstudien berichten über deutliche positive Einkommenseffekte in den Kooperativen bzw. bäuerlichen Betrieben. In anderen sind die Einkommenseffekte weniger sichtbar und konsistent. Was für die Kooperative gilt, gilt nicht unbedingt für die zugehörigen Betriebe, und die Betriebe sind wieder von den Haushalten zu unterscheiden. Die kleinen selbständigen KaffeeproduzentInnen in Mexiko oder Mittelamerika produzieren größtenteils auch für den Eigenkonsum und lokale Märkte für landwirtschaftliche Produkte. Weiter ergänzen sie ihre Einkommen aus lokaler Lohnarbeit und Arbeitsmigration. Wie die Untersuchungen von Laura Trujillo und Carlos Guadarrama-Zugasti (vgl. Bacon et al. 2008) im mexikanischen Bundesstaat Veracruz zeigen, setzen sich die kleinbäuerlichen Haushalte aus einer Vielfalt von Typen zusammen.[14] Die verschiedenen Typen (selbständiger Bauer, Lohnarbeiter, wandernder Händler) sind häufig in einer Person vereint. Es ist daher nicht verwunderlich, dass die im Rahmen von Fairtrade gezahlten Preise einerseits nicht immer deutliche Effekte auch auf das Haushalts- oder Pro-Kopf-Einkommen haben und andererseits für sich allein die kleinbäuerliche Existenz nur begrenzt sichern können (Méndez et. Al 2006).

 

Grundsätzlich kann der faire Handel mit Kaffeebohnen die Überproduktion nicht einschränken. Diese setzt sich auch in den Reihen der zertifizierten Produzenten fort. Nach Murray et al. (2003) übersteigt die Exportkapazität der zertifizierten Kaffeekooperativen um ein Vielfaches den Verkauf an Fairtrade-zertifizierte Aufkäufer. Nach der Darstellung von FLO konnten die zertifizierten Kooperativen im Jahr 2010/2011 36 Prozent ihres erzeugten Kaffees an Fairtrade-Händler verkaufen. In einer großen Zahl von Fällen müssen zertifizierte Kaffeekooperativen bedeutende Teile ihrer für den Export bestimmten Qualitäts-Produktion (bis zu 80 Prozent) an konventionelle Interessenten abgeben (Murray/Raynolds/Taylor 2006; Jaffee 2007, S. 90).[15] In größeren Kooperativen, in denen die einzelnen Betriebe Kaffee unterschiedlicher Qualität erzeugen, können die höheren Preise aus dem Fairtrade zur Quer-Subventionierung von niedrigen Preisen für Massenware dienen (Bacon et al 2008). Die Importeure von Fairtrade Kaffee besitzen in dieser Situation eine große Auswahl und können die Qualität des angekauften Kaffees entsprechend hoch halten. Diese Selektivität hat die Tendenz, marginale Betriebe auch innerhalb des zertifizierten Sektors weiter zu marginalisieren (Daviron/Ponte 2005, S.189).

 

Die Bildung von Marktnischen für spezielle Kaffeesorten ist nicht nur eine Strategie der Produktdifferenzierung, die von den großen Unternehmen, die die großen Kaffeemarkennamen besitzen, angesichts einer weitgehend konstanten Nachfrage oder Marktsättigung betrieben wird. Auch die Zertifizierung durch Fairtrade und (verwandte) Öko-Labels bildet Nischen für ProduzentInnen aus, die nach dem Fall der Quotenregulierung durch das Internationale Kaffeeabkommen einen gewissen Schutz der kleinen ProduzentInnen vor ruinöser Konkurrenz darstellen, sofern sie hinter dem Schutzwall stehen. Zertifizierungen fungieren als Eintrittsbarrieren, umso mehr, wenn neben den organisatorischen, agrarökologischen und ökonomischen Vorleistungen die Kosten der Zertifizierung selbst den ProduzentInnen und ihren Kooperativen auferlegt werden. Die Zugangsbedingungen zur Zertifizierung bilden unvermeidlich Markteintrittsbarrieren, hinter denen ein kleiner Teil der ProduzentInnen und ihre Kooperativen Schutz findet.[16]

 

Über die Wertschöpfungsketten ist der Produzent von zertifiziertem Kaffee unauflöslich mit den kommerziellen Anforderungen an die materiellen und imaginierten Qualitäten seiner Kaffeebohnen verbunden. Der Faire Handel hebt daher die über die Qualitätsanforderungen vermittelte Konkurrenz unter den ProduzentInnen nicht auf. Nach Goodman ist es daher ein zweischneidiges Schwert, ausgewählte Gruppen zu schützen, den großen Rest jedoch der Gnade der coyotes (Zwischenhändler) und den Wechselfällen der Märkte für die Massenware zu überlassen (Goodman 2008, 10). Soziale und ökonomische Differenzierung unter restriktiven Randbedingungen kann nur in der Selbstausbeutung eines Teils der ProduzentInnen enden, die verbissen ihren Status als „Selbständige“ verteidigen wollen. Eine von der französischen Fair Trade Plattform (PFCE) in Auftrag gegebene Studie aus dem Jahre 2010 zeigt sich daher beunruhigt über eine beobachtbare Vertiefung der sozialen und ökonomischen Ungleichheiten im Umkreis und in Folge der bestimmten Produzenten gewährten fairen Bedingungen (Vagneron/Roquigny 2011; für den Bananensektor auch Shreck 2002).

 

Was bringt Zertifizierung auf Plantagen?

Nach der Logik des Fairen Handels sollen die drastischen Ungleichheiten der Marktchancen auf den Weltmärkten durch marktkonforme Mittel („in the market against the market“ (Brown) behoben werden. Die Zertifizierung von Bananen, Tee, Rooibos-Tee oder auch Blumen von normalerweise kapitalistisch geführten Plantagen folgt zugleich den Gesetzen der Ausweitung von Marktanteilen und der damit verbundenen Produktstandardisierung. So wird argumentiert, dass eine Kontinuität in der Lieferung größerer Mengen von Früchten (z.B. Bananen) einer bestimmten Qualität nur durch größere Produktionseinheiten, eben Plantagen, erreicht werden kann. So werden diese von den großen Importeuren mit Vorliebe unter Vertrag genommen.[17] Die Ausweitung der Zertifizierung auf Plantagen entfacht jedoch Konkurrenz zwischen kleinbäuerlichen Kooperativen und Großproduzenten, die zu einer Senkung der garantierten Mindestpreise führt, wie Studien etwa zur Produktion von Rooibos-Tee in Südafrika zeigen (Tech 2012).

 

Durch die Einbeziehung von Plantagen in den Fairen Handel sollen auch entlohnte Arbeiter und Arbeiterinnen in den Genuss einer faireren Verteilung der Erträge ihrer Arbeit kommen. Diese fallen jedoch den sie beschäftigenden Unternehmen zu. Die für die kleinbäuerlichen Sektoren maßgebende Vorstellung einer durch den Austausch von Ware (als stofflicher Gegenstand) gegen Geld vermittelten Beziehung von (unmittelbaren) ProduzentInnen und KonsumentInnen kann hier nicht mehr greifen.

 

Das zeigt sich etwa im Sektor für Schwarztee, in dem die lokale Teefabrik in der Warenkette eine zentrale Rolle sowohl gegenüber den Plantagen, die sich in ihrem Besitz befinden können, wie gegenüber kleinbäuerlichen Vertragsproduzenten oder Kooperativen einnehmen, die ihrerseits als Eigentümer oder Miteigentümer der Fabriken auftreten können.[18] Was schließlich als Fairtrade-Tee, für den an die Plantagen oder Kooperativen eine Prämie zu zahlen ist, auf den europäischen Markt kommt, entscheidet sich für kenianischen Tee erst, nachdem aller Tee unterschiedslos die Auktionen in Nairobi durchlaufen hat. Nur 50 Prozent einer Teemischung mit Fairtrade-Label muss aus zertifizierter Produktion entstammen. Im Prozess einer retrocertification[19] erfährt die zertifizierte Teefabrik erst aus den Überweisungen der Prämien auf ihrem Konto, welche Menge ihres auktionierten Tees letztendlich als Fairtrade deklariert wurde (Dolan 2010).

 

Zertifizierte Plantagen, die den garantierten Mindestpreis und die Prämien als Unternehmen erhalten, verpflichten sich, bestimmte Arbeitsnormen und die geltenden Arbeitsrechte einzuhalten. So müssen sie auf Kinderarbeit verzichten, gewerkschaftliche Organisierung akzeptieren und den Lohnabhängigen den regional üblichen, zumindest den gesetzlichen Mindestlohn bezahlen. Eine Anhebung der Löhne auf ein Niveau einer angemessenen Lebenshaltung (living wages) ist intendiert, aber bisher allenfalls in Ansätzen sichtbar. Zur Verwaltung der Prämien soll ein joint body aus gewählten VertreterInnen der Beschäftigten und Mitgliedern des Managements eingerichtet werden (für den Bananen-Sektor vgl. Fairtrade Foundation 2009).

 

Nach vorliegenden Studien ist die Zusammensetzung dieser Gremien in vielen Fällen undurchsichtig. Die unaufgehobenen Abhängigkeitsverhältnisse - z.B. die Ansiedlung der Arbeiterhaushalte auf dem Land und in Siedlungen der Plantagen oder „Vererbung“ der Arbeitsstellen über mehrer Generationen – dürften in den Gremien eine Dominanz des Managements zur Folge haben (Moore 2010; Makita 2012). Ähnlich wie in den kleinbäuerlichen Kooperativen sollen die Prämien für Gemeinschaftsprojekte verwendet werden, etwa zum Bau von Schulen oder zur Sicherstellung der Wasserversorgung in den Ansiedlungen der zur Plantage gehörigen Haushalte. Studien berichten in vielen Fällen über infrastrukturelle Verbesserungen, die den hier residierenden Arbeiterinnen und Arbeitern, jedoch weniger der großen Zahl marginalisierter Wander- und SaisonarbeiterInnen zugute kommen (Smith 2010). Auch in Plantagen scheint die Zertifizierung für Fairtrade kaum zur Stärkung der weiblichen Arbeitskräfte beizutragen.

 

Fairness oder Gerechtigkeit?

Der Garantie- oder Solidarpreis - der idealtypisch von einem Konsumenten entlang der Warenkette zu einem (Erst-)Produzenten weitergereicht wird - ist, der herrschenden Betriebsrechnung folgend, als „Kostpreis“ konzipiert. Er soll die monetären Kosten eines nachhaltigen Produktionsprozesses decken und zugleich dem Produzentenhaushalt ein an den örtlichen Lebenshaltungskosten orientiertes „Auskommen“ sichern. Hierin liegt, auch wenn es sich von einem gesetzlichen Mindestlohn kaum unterscheidet, ein „moralisches Element“, wie Marx es in Bezug auf das Niveau der industriellen Löhne bzw. den Wert der Ware Arbeitskraft sagt. Fairtrade bzw. die von ihm bedienten Konsumenten wollen dies den Kleinbauern/Plantagenarbeitskräften und ihren Familien über den Preis zubilligen. Ob und in welchen Umfang der Garantiepreis (plus Prämie) auf der Ebene der ProduzentInnenhaushalte zu einem living wage beiträgt, hängt jedoch entscheidend davon ab, welchen Teil ihres Kaffees sie als Fairtrade-Kaffee verkaufen können und welchen Teil der Kaffee zum Haushaltseinkommen beiträgt.[20]

 

Statt eines Tausches von „Äquivalenten“ nach den vom Kapital gesetzten ungleichen Bedingungen wird durch Fairen Handel ein Stück Verteilungsgerechtigkeit inszeniert. Nimmt man das Aristotelische Konzept der „Gerechtigkeit“, nach der jede(r) das erhält, was ihm oder ihr zukommt, dann hat die Tauschgleichung nicht zwei sondern vier Terme. Auf Seiten der selbständigen bäuerlichen ProduzentInnen soll ein „gerechter Lohn“ für eine „gerechte Arbeit“ gezahlt werden.[21] Auf der Gegenseite spendiert sich der Konsument für einen Aufpreis mit einer Tasse zertifizierten Kaffees bei Starbucks[22] ein gutes Gefühl oder er bzw. sie trägt für sein Geld mit der zertifizierten Banane oder Tafel Schokolade ein Stück gehobener, weil moralischer Lebensqualität nach Hause.[23] Allerdings muss es für ihn oder sie verborgen bleiben, welcher Anteil am Preis des aromareichen Kaffees nun der Fairness gegenüber den ProduzentInnen auf der anderen Seite der Warenkette geschuldet ist.

 

Indem beide Seiten das erhalten, was für sie als angemessen gilt oder ihnen auf Grund ihrer „Würde“ (Aristoteles) zusteht, bestätigen sie sich, wenn auch auf Distanz, gegenseitig in ihrem Status. Dass diese „Ökonomie der Anerkennung“ in einer großen Zahl von Fällen Familien oder Haushalte im täglichen Kampf gegen den ständig drohenden Verlust der Existenzgrundlagen unterstützen kann, steht außer Frage. Ob sie die wechselseitige Borniertheit der Verhältnisse aufzulösen vermag, ist jedoch eine andere Sache. Statt diese zu revolutionieren, muss sie sich bei systemischer Marktkonkurrenz und struktureller Überproduktion damit begnügen, diese zu differenzieren. Damit läuft sie Gefahr, bestehende Ungleichheiten zu vertiefen.

 

Äußere und innere Schranken von Fairtrade

Im Jahre 2010 umfasste die Zertifizierung durch FLO-CERT 13 Produkte  ausschließlich von KleinproduzentInnen - von Kaffeebauern bis zu Goldschürfern - und daneben sechs Produktsorten von Tee bis zu Sportbällen, die von Plantagen und Betrieben auf der Grundlage von Lohnarbeit hergestellt werden. Fairtrade handelt damit mit Produkten von zirka 935.000 selbständigen Kleinbetrieben und etwa 110.000 Lohnarbeitskräften.[24] In 50 Ländern betreuten 2010 etwa 100 Zertifizierer und Kontrolleure zirka 900 zertifizierte Produzentenorganisationen und Plantagen (alle Zahlen nach FLO bei Elliott 2012). Das Netzwerk an nationalen und internationalen Siegel-Organisationen und Händlern ist beeindruckend und die Menge an Standards und Regularien überwältigend.

 

Der Zugang zum Fairtrade ist trotz Überproduktion für Produzenten prinzipiell offen, sofern sie ihn sich verdienen und die Anforderungen an Organisation, demokratische Verfahren und materielle Qualitätsstandards erfüllen. Die Nischen zertifizierter Produktion werden geschützt durch die als Eintrittsbarrieren wirkenden sozialen und materiellen Standards. Diese erreichen jedoch nicht den Grad der Exklusivität wie die Qualitäts- und Markenprodukte in den Verbrauchermärkten, von denen sie sich ableiten. Die Aufteilung der Verbrauchermärkte in Massenprodukte und Qualitätsprodukte begrenzt bei insgesamt stagnierender Nachfrage den Raum, in den hinein Fairtrade sich ausbreiten kann. Alle Kräfte der Preiskonkurrenz und der Druck der Verarbeiter und Abnehmer wie Nestlé, Starbucks oder Carrefour arbeiten dabei an der Senkung der Standards und der Schleifung der Nischen (Jaffee 2012).

 

Fairtrade setzt auf die stoffliche Identität der Produkte entlang der Waren- oder Wertschöpfungsketten. Das Konzept kann sich scheinbar dort bewähren, wo die Ketten wie beim Kaffee oder bei den Bananen vergleichsweise kurz sind. Bei der Zertifizierung von Baumwolle erreicht der Kontrollaufwand schon fast seine Grenzen und betrifft zum Schluss nur den Anteil an zertifizierter Baumwolle in einem Kleidungsstück (Elliott 2012). Fairtrade scheint dem klassischen Bild von John Locke zu folgen, für den sich Eigentum bildet, indem sich Arbeit und Stoffe (Erde) mischen. Doch Arbeit mischt sich nicht mit Erde oder Stoffen, sondern mit Arbeit. Entlang der Kaffee- oder Teekette mischen sich die Arbeiten der Feldarbeiter mit denen der Weiterverarbeiter, der Lastwagenfahrer mit denen der Kantinenköchinnen, die der Designerin, Verpackerin mit der der Kassiererin bei Rewe oder anderswo. Sie alle erwarten Fairness und kämpfen um sie.

 

Die ursprüngliche Begrenzung von Fairtrade auf kleinbäuerliche Kooperativen scheint den „Marktkräften“ nicht standzuhalten und kaum rechtfertigbar zu sein. Der Versuch der Herstellung fairer, solidarischer Beziehungen vermittels von Waren-Geld-Beziehungen endet an den Zahlungsfähigkeiten. Wie es nach Marx ein Pech ist Arbeiter zu sein, ist es auch ein Pech Kleinbauer zu sein. Statt sich einzurichten gilt es daher, die Verhältnisse umzuwälzen.

 

Literatur

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governance of standards, access, and prics. Journal of Peasant Studies, 37 (1), 2010, S. 111-147

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Bacon, Christopher et al. (Hg.), Confronting the Coffee Crisis. Fair Trade, Sustainable

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Clarke, Nick, Clive Barnett, Paul Core, Alice Malpass, The Political Rationalities of Fair

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Dolan, Catherin S., Virtual moralities: The mainstraeming of Fairtrade in Kenyan tea fields,

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Elliott, Kimberley, Is My Fair Trade Coffee Really Fair? Trands and Challenges in Fair Trade

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Freidberg, Susanne, The Contradictions of Clean. Supermarket Ethical Trade and African

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Goodman, David, The International Coffee Crisis: A Review of Issues, in: Christopher M.

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Hanns Wienold ist Mitglied der Redaktion der Zeitschrift Peripherie und Professor (i.R.) für Soziologie an der Universität Münster.

 



[1] Wenn dieser Beitrag sich im Folgenden kritisch mit den ökonomischen Verhältnissen der Produktion, Vermarktung und dem Konsum von Fairtrade-Waren beschäftigt, sollen politische Wirkungen von Fair Trade-Kampagnen und die Rolle der AktivistInnen in der Verbreitung der Idee eines fairen Handels nicht unterschlagen werden (vgl. Clarke et al. 2007).

[2] Fairtrade (FT) steht im Folgenden für die Siegelinitiativen, während Fair Trade die Gesamtheit der Bewegung meint.

[3] Fairer Handel innerhalb der Länder des globalen Südens, wie etwa der comercio justo in Mexiko, stehen noch in den Anfängen, sind aber geeignet, einige der Paradoxien des Fairtrade aufzulösen.

[4] FLO-CERT ist seinerseits als Zertifizierungsinstitution nach internationalen Standards zertifiziert. Gegenüber hauseigenen Zertifizierungen etwa bei Starbucks oder Zertifizierungen, die im Auftrag des zu zertfizierenden Unternehmens durchgeführt werden, wahrt FLO-Cert die Unabhängigkeit gegenüber den zu zertifizierenden Betrieben und Einrichtungen (third party certification). Die Kosten der Zertifizierung wie des regelmäßigen Auditings werden in der Regel von den zertifizierten Kooperativen oder Unternehmen getragen.

[5] Mit Susanne Freidberg (2003) könnte man von einer „doppelten Fetischisierung“ der Waren im Fairtrade sprechen.

[6] FLO fordert von Kooperativen, dass sich ihre Mitglieder überwiegend aus Kleinbetrieben zusammensetzen. Was ein Kleinbetrieb (small producer) ist, hängt von den angebauten Produkten und der Region ab. Im Kaffeesektor in Lateinamerika sind das nach den Kriterien von FLO Betriebe, die bis zu 3,5 Hektar mit Kaffee bepflanzen. Kleinbäuerliche Betriebe produzieren überwiegend mit Hilfe von Arbeitskräften, die dem Haushalt angehören. Sie können aber auch LohnarbeiterInnen und, etwa zu Erntezeiten, Saisonkräfte beschäftigen. Damit ist ein breites Spektrum bäuerlicher Familienbetriebe erfasst und nicht nur Kleinbauern, die über wenig Land und geringes Betriebskapital verfügen. In einer von Valkila und Nygren (2009) in Nicaragua untersuchten Kooperative, die von FLO zertifiziert war, bewirtschafteten die 250 Mitglieder im Durchschnitt 11,8 Hektar Land, von dem im Durchschnitt gut 13 Prozent mit Kaffee bepflanzt war. Viele dieser Betriebe können also nur unter dem Aspekt der Kaffeeproduktion als kleinbäuerlich bezeichnet werden. In einigen Kooperativen fanden sich auch Betriebe mit bis zu 45 Hektar Kaffeeland, deren Eigentümer in den Städten residieren.

[7] Diese müssen für die Führung des Fairtrade-Labels eine Lizenzgebühr in Abhängigkeit von den umgesetzten Waren zahlen. Diese Lizenzgebühren und Gebühren für Vergabe und Aufrechterhaltung von Zertifikaten bilden die eigene ökonomische Basis von FLO.

[8] Der Fairtrade-Preis für nicht organisch produzierten Kaffee lag lange Zeit bei 1,26 US-Dollar je englischem Pound (und 1,51 Dollar/lb für organischen Kaffee). Im Vergleich dazu lag der Weltmarktpreis für „grünen“ Kaffee bei seinem Tiefpunkt im Jahr 2001 bei 0,41 Dollar/lb. Ab 2007 hob FLO die Kaffeepreise und Prämien zwischen 7 und 12 Prozent an, wodurch jedoch die seit 1990 eingetretenen Geldwertverluste nicht ausgeglichen wurden.

[9] Die Anteile des nationalen Zwischenhandels am Endpreis werden auf zirka fünf Prozent geschätzt. An ihrer Stelle sind von den Kooperativen u.U. Kosten für Lagerung, Transport zu den Verladehäfen etc. zu tragen.

[10] Vgl. Nessel (2012) zu UCIRI, einer der ältesten und bedeutendsten Kooperativen in Mexiko. Vgl. auch den Bericht von Christopher M. Bacon (2013) zur Erfolgsgeschichte der autonomen Kooperative CAFENICA, die eine starke und wegweisende Stellung in der Kaffeeindustrie Nicaraguas erlangt hat.

[11] Als „unfair“ gelten in der Marktwirtschaft Preise unterhalb der Entstehungskosten. Dabei zählt der kapitalistische Betrieb die durchschnittliche Verzinsung seines Kapitals zu seinen Kosten.

[12] So fällt der Anteil eines landwirtschaftlichen Produzenten an der Tasse fair gehandelten Kaffees im Straßencafé auf unter ein Prozent.

[13] Seit 2007 sind 4 der 14 Mitglieder des Direktoriums (Board) von FLO VertreterInnen von ProduzentInnenorganisationen. Seit 2011 wird die Generalversammlung zur Hälfte von RepräsentantInnen aus der Produktion und zur Hälfte von VertreterInnen der nationalen Siegel-Initiativen gebildet.

[14] Auch darf für den Kaffeesektor, aber auch für andere Anbausysteme (Bananen, Tee) nicht vergessen werden, dass die kleinbäuerliche Produktion in bestimmten Regionen im Schatten und in einer Art Symbiose mit den großen Kaffeefincas entstanden sind, denen sie als Arbeitskräftereservoir für die Erntesaison dienten und dienen.

[15] Im Durchschnitt konnten die zertifizierten Kaffeekooperativen im Zeitraum 2010/11 45 Prozent ihrer Produktion als Fairtrade-Kaffee verkaufen. Für Bananen lag der Wert bei ca. 72 Prozent, für Tee bei nur bei 7 Prozent (FLO, Fairtrade - Reichweite und Wirkungen. Zahlen, Fakten, Studien, Monitoring-Bericht 2012, vierte Ausgabe) (vgl. auch Elliott 2012, S. 15).

[16] Dieser kritische Befund wird vor allem von Mutersbaugh (2002) und Guthman (2007) vorgetragen, vgl. auch Vakila/Nygren 2009; Dolan 2010, S. 39.

[17] So bekam Dole im Jahr 2009 von TransFair USA das Siegel für seine Bananen und Ananas aus Ecuador. Jaffee (2012) führt dies u.A. auf die Nachfrage großer Ketten wie Whole Foods oder Carrefour zurück.

[18] Auch in anderen Sektoren wie dem Zuckerrohr oder der Versaftung von Orangen ist die Warenkette in einer Fabrik verankert, die über eigene Plantagen oder Kleinbetriebe als Vertragsproduzenten regiert. Auch hier greift das FLO-Prinzip von einer stofflichen Kontinuität (traceability) nicht und wird durch andere Regeln, z.B. des Massenausgleichs (mass balance), ersetzt.

[19] FLO-Cert, Execptions and Derogations. Explanatory Document. Valid from 16.03.2012

[20] Auch hatte der für Kaffee 1988 festgesetzte nominale Mindestpreis bis zu seiner Anhebung 2007 gut 40 Prozent seines ursprünglichen Wertes eingebüßt (Bacon 2010). Inwieweit die Mindestpreise in den einzelnen Sparten für Kleinstbauern/bäuerinnen, die hierauf ihre Existenz gründen wollten, tatsächlich jeweils living wages bilden, dürfte eine offene Frage sein.

[21] Den Lohnarbeitskräften auf den Plantagen bleibt zunächst nur der (gesetzliche) Mindestlohn und die Hoffnung auf Besserung. Dann gibt es noch die Vielzahl der Saisonarbeiter und Saisonarbeiterinnen, deren sich wie die Plantagen auch die bäuerlichen (Klein-)Betriebe bedienen (Holt-Giménez et al 2007). Nach Vakila und Nygren (2009) erhielten die festen Lohnkräfte wie die Saisonkräfte auch in den Mitgliedsbetrieben zertifizierter Kooperativen in Nicaragua nicht mehr als die gewöhnliche Vergütung. Das Gleiche galt auch für die prekären Arbeitsbedingungen. Auch die Hunderte von Zeitkräften, die in Betrieben der Weiterverarbeitung von Kaffee im Besitz großer zertifizierter Kooperativen Säcke schleppten oder Kaffeebohnen sortierten, erreichte anscheinend nicht mehr als der Mindestlohn.

[22] Nach einer Kampagne versprach Starbucks im Jahr 2001, eine Millionen Pfund (pounds) Kaffee von FLO zu beziehen. Dafür senkte FLO die Mindestabnahme von fünf Prozent des Gesamthandelsvolumens eines Käufers. Im Jahr 2010 war Starbucks dann mit 39 Millionen pounds der größte Einzelabnehmer von Fairtrade-Kaffee (Jaffee 2012).

[23] Die Prinzipien „ethischen Konsums“ reichen über die Ansprüche des fairen Handels hinaus.

[24] Allein im Kaffeesektor gibt es zirka 25 Millionen Betriebe (darunter 70 Prozent Kleinbetriebe mit weniger als 10 Hektar) und 14 Millionen Arbeitskräfte auf Plantagen.

338 | Fairer Handel
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