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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 339 | Faschismus hat viele Gesichter Griots auf der Leinwand

Griots auf der Leinwand

von Karl Rössel

Die orale Erzähltradition Afrikas wird auch im Kino bewahrt.

In vielen Regionen Afrikas werden Überlieferungen, Erfahrungen und Lebensweisheiten bis heute nicht schriftlich, sondern mündlich von einer Generation zur nächsten weitergegeben. Von den Marktplätzen im Norden des Kontinents bis zu den Townships Südafrikas, von der senegalesischen Atlantikküste bis zur tansanischen Küste am Indischen Ozean: Überall finden sich GeschichtenerzählerInnen. Die Oratur, die Kunst der mündlichen Dichtung, ist in den meisten Ländern Afrikas bis heute wesentlich bedeutsamer als geschriebene und in Büchern gedruckte Literatur.

 

Epen, Fabeln, Spottgesänge

Das liegt auch daran, dass jede/r dritte AfrikanerIn keine Chance hat, schreiben und lesen zu lernen. Zudem entspricht der Preis eines Buches oft einem Tages- oder gar einem Wochenlohn, und viele Bücher sind in den Sprachen der ehemaligen europäischen Kolonialherren verfasst, in Französisch, Englisch und Portugiesisch. Nur ein Drittel der gedruckten Literatur des Kontinents erscheint in afrikanischen Sprachen wie Suaheli, Yoruba oder Wolof. Die GeschichtenerzählerInnen dagegen, die »Meister des Wortes« und »Hüter der Geheimnisse«, tragen ihre Geschichten in den Sprachen vor, die ihre ZuhörerInnen auch verstehen. In vielen Ländern Afrikas gibt es Dutzende verschiedener Sprachen, auf dem Kontinent insgesamt etwa 750.

Die Übergänge von mündlicher Dichtung zu Musik, Tanz und Theater sind seit jeher fließend. Im Gegensatz zu schriftlich verbreiteter Literatur, die die LeserInnen in der Regel nur individualisiert erreicht, ist der Akt des Erzählens zudem ein soziales Ereignis. Die Zuhörenden werden aktiv in den Erzählprozess mit einbezogen und sind oftmals ausdrücklich aufgefordert, die vorgetragenen Geschichten durch eigene Anmerkungen und Erfahrungen zu kommentieren und auszuschmücken. Die engagierten Kommentare des Publikums in heutigen afrikanischen Kinos beruhen auf dieser Tradition.

Die Inhalte der mündlichen Dichtkunst sind ähnlich breit und anspruchsvoll wie die der geschriebenen Literatur. Die Erzählungen dienen keineswegs nur der Unterhaltung oder der Vermittlung von Alltagsweisheiten. Vielmehr sind sie die afrikanische Form der Überlieferung von Historie, Philosophie und Glaubenssätzen, von Mythen und Schöpfungsgeschichten, von Riten und Geboten sowie Traditionen und Sitten. Die ErzählerInnen sind jedoch nicht nur ChronistInnen von Vergangenem, sondern kritisieren auch aktuelle gesellschaftliche Missstände, weshalb sich manche bis heute staatlicher Repression in ihren Ländern ausgesetzt sehen. Die Formenvielfalt der oralen Dichtkunst reicht von kurzen Liedern bis zu ausgedehnten Epen, deren vollständiger Vortrag über mehrere Tage reichen kann. Erzählt werden Märchen und Fabeln, Kurzgeschichten und Gedichte, religiöse Texte und Sprichwörter, Spottgesänge und Preislieder.

In den Gesellschaften Westafrikas bilden die GeschichtenerzählerInnen sogar eine eigene Kaste. Sie sind unter dem französischen Namen «Griot« (Barde) bekannt geworden und begleiten ihre Vorträge oft auf der Kora, einer Art Harfe, deren Saiten über eine Kürbiskalebasse gespannt sind.

 

Geschichte(n) erzählen

Früher waren die Griots stets Herrschafts- und Königshäusern zugeordnet, deren Ahnen und historische Taten sie besangen und so vor dem Vergessen bewahrten. Eines der eindrucksvollsten und zugleich populärsten Beispiele für diese erzählte, beziehungsweise gesungene Dokumentation von Geschichte ist das Soundjata-Epos, das noch heute in unzähligen Variationen in Westafrika kursiert. Festgehalten ist darin die Geschichte von Soundiata Keïta, der im 13. Jahrhundert als König der Mandingo das Großreich Mali begründete, das weit über die Grenzen der heutigen Republik Mali hinausreichte.

In Europa galt Afrika lange als »kulturloser Kontinent«, weil sich dort – von den arabischen Ländern Nordafrikas abgesehen – kaum in Büchern festgehaltene Geschichtsschreibung finden ließ. Inzwischen mussten auch westliche WissenschaftlerInnen anerkennen, dass die in den Gesängen der Griots überlieferte Historie auf realen Fakten beruht. Soundjata hat in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts gelebt und 1235 bei Kirina eine entscheidende Schlacht gegen den Sosso-König Soumaoro Kanté gewonnen. Die von den Griots erzählte Geschichte Soundjatas liegt mittlerweile auch in schriftlichen Fassungen und in deutscher Übersetzung vor.

Die mündliche Erzähltradition des Kontinents findet im afrikanischen Kino und Theater ihre aktuelle Fortsetzung. Wanjiru Kinyanjui, Filmemacherin aus Kenia, erläutert dazu: »In den Zivilisationen Afrikas existiert eine Kunstform nicht für sich allein wie in der westlichen Kultur. Das Theater beispielsweise umfasst Tanz, Kunsthandwerk (Masken, Kostüme und Make-up) sowie natürlich Literatur und Musik. Musik ihrerseits wird in einem dramaturgischen Kontext präsentiert und besitzt eine soziale, historische oder politische Bedeutung. Der Film vereint Drama, Musik, Kunstgewerbe und Literatur und verkörpert dadurch ein Werk, das dem afrikanischen Kunstverständnis am nächsten kommt. (...) Er ist eine Weiterentwicklung der Griotkunst, die auf Zelluloid gebannt ist und mehr Menschen erreichen kann.«(Anm. 1)

In Westafrika ist die Erzählkunst über Jahrhunderte das Metier bestimmter Familien geblieben, etwa der Kanté, Keïta, Diabaté und Kouyaté. Einige ihrer Nachfahren setzen die Tradition ihrer Vorfahren bis heute in verschiedenen Formen fort: als Sänger wie der Pop-Star Mory Kanté aus Guinea, als Kora-Virtuosen wie der Malier Toumani Diabaté oder als Schauspieler, Filmemacher und Musiker wie Dani und Sotigui Kouyaté.

 

Erzählkunst auf Zelluloid

Dani Kouyaté, 1961 in Burkina Faso geboren, absolvierte eine Filmausbildung in Ouagadougou und Paris und drehte ab 1989 erste Kurzfilme. Ab 1990 tourte er mehrere Jahre als Geschichtenerzähler mit dem von seinem Vater Sotigui verfassten Stück »Le voix du griot« (Die Stimme des Griots) durch Europa und die USA. Auch sein erster, mehrfach ausgezeichneter Spielfilm «Keïta! l’heritage du griot« (Das Erbe des Griots) von 1995 ist eine Würdigung der Erzählkunst Westafrikas. Darin übernahm sein Vater Sotigui Kouyaté die Rolle, die ihm traditionell zustand: die eines Griots. Die Geschichte spielt in Ouagadougou, der Hauptstadt Burkina Fasos. Die Familie des Jungen Mabo Keïta führt hier ein Leben, das eher an den Gewohnheiten der ehemaligen Kolonialherren aus Europa als an denen des eigenen Landes orientiert ist. Bis eines Tages der Griot der Familie überraschend in die Stadt kommt, um dem Jungen die Geschichte seines Namens zu erzählen, die wiederum auf den vielbesungenen Sounjata Keïta aus dem 13. Jahrhundert zurückreicht.

Dani Kouyaté illustriert die Geschichte Sounjata Keïtas in märchenhaften Rückblenden. Und sein Vater erzählt dem Jungen im Film wundervolle Gleichnisse wie das Folgende: »Weißt du, warum in Märchen der Jäger immer den Löwen besiegt? Weil der Jäger die Märchen erzählt. Wenn der Löwe erzählt, siegt er ab und zu. Das gleiche gilt für dich. Denk darüber nach, und vertraue auf die Zukunft! Erinnere dich immer daran, dass die Welt alt ist, und dass die Zukunft aus der Vergangenheit stammt!«

Mit seiner humorvollen Fernseh-Serie »A nous la vie« (1999) über Jugendliche in einem westafrikanischen Internat und seinem Fantasy-Spielfilm »Ouaga Saga« (2000) über Kids aus Ouagadougou bewies Dani Kouyaté, dass er auch zeitgenössische Stoffe mit großem Erfolg filmisch umzusetzen versteht. Trotzdem blieb die Auseinandersetzung mit den Geschichten und der Geschichte Westafrikas im Mittelpunkt seiner Arbeit. So basiert auch sein zweiter Spielfilm »Sia – Le rève du python« (2001) auf einer Legende über ein afrikanisches Königreich, die der mauretanische Schriftsteller und Ko-Autor des Drehbuchs, Moussa Diagana, zuvor zu einem Theaterstück verarbeitet hatte. 2004 folgte ein Dokumentarfilm über Joseph Ki-Zerbo, der nach der Unabhängigkeit seines Landes Obervolta (ab 1984: Burkina Faso) als erster eine »Geschichte Schwarzafrikas« aus afrikanischer Sicht geschrieben hat.

 

Ein moderner Griot

Auch in seinem jüngsten Spielfilm »Soleils« (2013) schickt Dani Kouyaté seine ProtagonistInnen auf historische Spurensuche. Um ein Mädchen zu heilen, das unter Gedächtnisverlust leidet, führt ein alter Mann sie durch Zeit und Raum, um sie mit der Geschichte Afrikas bekannt zu machen.

Ko-Regisseur Olivier Kouyaté schrieb zur Entstehung des Films: »Diese Geschichte ist inspiriert durch einen Menschen, wie man ihn nur selten im Leben trifft und der das Vorbild für die Hauptperson des Films war. Er war ein bekannter Schauspieler (beim Theater über mehr als 20 Jahre mit Peter Brook und beim Film, wofür er 2009 bei der Berlinale mit einem Silbernen Bären als bester Darsteller ausgezeichnet wurde). Er fand Anerkennung und Bewunderer in allen Teilen der Welt von Japan bis Brasilien und von Griechenland bis in die USA: Sotigui Kouyaté. Ich hatte das Glück, ihn kennenlernen, sein Freund werden und Projekte mit ihm verwirklichen zu können. Eines Tages, als er bereits sehr krank war und ich ihn im Krankenhaus besuchte, nahm er mich bei der Hand und sagte: ‚ Ich glaube, es ist an der Zeit, dass Du einen Film machst.’ Zurück an meinem Schreibtisch, habe ich mir vorgestellt, wie Sotigui uns mitnehmen würde auf eine wundersame Reise, um uns klarzumachen, wie wichtig es ist, unseren Kindern unsere Geschichte und Werte zu vermitteln sowie die Weisheit Afrikas und die Art und Weise, mit der Europa mit diesem Kontinent umgegangen ist. Doch dann hat uns Sotigui verlassen und ich habe den Film zusammen mit seinem Sohn Dani Kouyaté realisiert.«

Sotigui Kouyaté starb im April 2010 im Alter von 74 Jahren. Er war aufgrund seiner Auftritte in internationalen Film- und Theaterproduktionen einer der prominentesten Schauspieler Afrikas. Im letzten Jahrzehnt vor seinem Tod arbeitete er eng mit dem algerischen Filmregisseur Rachid Bouchareb zusammen. Laut Dani Kouyaté verband die beiden eine außergewöhnliche künstlerische Wahlverwandtschaft.

Ein Beispiel dafür ist der Spielfilm »Little Senegal« von 2001. Darin spielt Sotigui Kouyaté den Hüter des Museums für die Geschichte der Sklaverei auf der senegalesischen Insel Gorée. Er macht sich nach seiner Pensionierung in den USA auf die Suche nach Spuren seiner Vorfahren, die Jahrhunderte zuvor aus Westafrika verschleppt wurden. Diese Rolle wirkt wie eine Zusammenfassung des Lebenswerks von Sotigui Kouyaté – eines Lebens als moderner Griot, der auf Theaterbühnen und Kinoleinwänden in aller Welt Geschichte(n) aus Afrika erzählt und damit vor dem Vergessen bewahrt.

 

Anmerkung

1 Wanjiru Kinyanjui: Friede den Dörfern. In: du – die Zeitschrift der Kultur, Arche Afrika. Dezember 1995/Januar 1996.

 

Karl Rössel ist Mitarbeiter von FilmInitiativ in Köln.

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