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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 339 | Faschismus hat viele Gesichter Marianne Bechhaus-Gerst / Anne-Kathrin Horstmann (Hg.): Köln und der Deutsche Kolonialismus

Marianne Bechhaus-Gerst / Anne-Kathrin Horstmann (Hg.): Köln und der Deutsche Kolonialismus

Eine Spurensuche. Böhlau Verlag, Köln/ Weimar/ Wien 2013. 286 Seiten, 34,90 Euro.

Es gehört zu den Verdiensten der Postcolonial Studies, dass Kolonialismus nicht mehr ausschließlich als etwas verstanden wird, das weit weg von den kolonialen Metropolen in »Übersee« geschah. Stattdessen wird Kolonialismus heute als Prozess untersucht, der nicht nur Auswirkungen auf die Kolonisierten hat(te), sondern auch auf die kolonisierende Gesellschaft. Daher wurden von der deutschen Kolonialgeschichtsforschung seit den 2000er Jahren zunehmend die Rückwirkungen des kolonialen Projekts auf die Metropole in den Blick gerückt.

Eine wichtige Rolle spielen hierbei lokale Initiativen, die sich um die Aufarbeitung der Kolonialgeschichte vor Ort bemühen. Neben Vorstößen für die Umbenennung einschlägiger Straßennamen oder die Umwidmung fragwürdiger Denkmäler gehören hierzu insbesondere lokalhistorische Projekte. Sie widmen sich den vielfältigen Formen, in denen der Kolonialismus vor Ort greif- und sichtbar wurde und fragen danach, welche Spuren noch heute von der nur scheinbar unbedeutenden Episode des deutschen Kolonialismus zu finden sind. Entsprechende Forschungen finden nicht nur in den »Kolonialmetropolen« Berlin und Hamburg statt. Überraschende Ergebnisse liefern gerade auch Initiativen abseits der Großstädte, wie das Beispiel freiburg-postkolonial.de zeigt.

In die größer werdende Reihe solcher Projekte gehört das 2008 ins Leben gerufene »Köln postkolonial – Ein lokalhistorisches Projekt der Erinnerungsarbeit«. Im vorliegenden Band sind 40 Beiträge aus dem Umfeld des Projekts versammelt. Sie präsentieren ein facettenreiches Bild Kölns als »Kolonialmetropole des Westens«. Eingeleitet wird der Band mit einem Abriss der deutschen Kolonialgeschichte. Es folgen Kapitel zu kolonialer Wirtschaft, Wissenschaft, Mission und der Inszenierung des Kolonialen im öffentlichen Raum. Hierzu gehören die berüchtigten Völkerschauen ebenso wie die inszenierte Fauna des Kölner Zoos und entsprechende Aufführungen im Kölner Karneval. Im Kapitel »(koloniale) Begegnungen« werden Biographien von Kölner BürgerInnen präsentiert, die in den Kolonien tätig waren, sowie die Geschichten von Menschen aus den afrikanischen Kolonien des Reiches, die auf verschiedensten Wegen nach Köln kamen und dort teilweise auch für längere Zeit lebten.

Besonders überzeugend sind die Artikel zum deutschen »Kolonialismus ohne Kolonien« nach dem Verlust der überseeischen Besitzungen im Vertrag von Versailles 1919. Als herausragender Akteur spielte hierbei der frühere Bonner Oberbürgermeister Konrad Adenauer eine wichtige Rolle. Dessen kolonialrevisionistisches Engagement während der Weimarer Republik wird heute von seiner Rolle als erster Kanzler der Bundesrepublik überstrahlt. Den Abschluss des Bandes bilden Beiträge zur Gegenwart des Kolonialen in Köln, die anhand von Denkmälern und Straßennamen manifest wird.

Dieser gelungene und reich bebilderte Beitrag nimmt die LeserInnen mit auf eine Spurensuche zu einem Kapitel der Kölner Stadtgeschichte, das kaum bekannt sein dürfte.

Korbinian Böck

339 | Faschismus hat viele Gesichter
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