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Nicht still halten, nicht schweigen

von Maya Subrahmanian

Frauenproteste in Indien

Die indische Frauenrechtsbewegung ruft dieses Jahr am internationalen Tag zur Beseitigung jeglicher Gewalt gegen Frauen zu einem Nachtmarsch auf. Es geht um das Recht auf Bewegungsfreiheit und Sicherheit für Frauen im öffentlichen Raum. Die diesjährige Kampagne gegen Gewalt gegen Frauen steht insbesondere im Zeichen der landesweiten Proteste des letzten Jahres nach einer tödlich endenden Vergewaltigung in einem Bus in Delhi.

Maya Subrahmanian, Soziologin aus Kerala, hebt die Rolle der Religion für das kulturelle Verständnis des indischen Frauenbildes als Grund für die Gewalt hervor. Vibhurti Patel, Präsidentin der Organisation Women Power Connect, beurteilt in einem Interview die steigenden Gewaltraten in Indien auch als Folge ökonomischer und politischer Rahmenbedingungen.

Die indische Kultur, so das dominante Verständnis der indischen Gesellschaft, respektiert die Frau als Mutter, Ehefrau, Tochter oder Schwester. Dieses Frauenbild wird regelmäßig mit Zitaten aus heiligen Schriften belegt. Um zu untermauern, dass Frauen von ihren Männern Schutz erhalten, zitieren indische Kulturvertreter gerne die berühmte Maxime na stree swatantryamarhati (Frauen bedürfen keiner Freiheit) aus dem Sanskrit. Sie führen entsprechende Passagen aus den hinduistischen Textlehren Manusmrti an, dem »Gesetzesbuch des Manu«, das ‚angemessenes Verhalten’ regelt und rechtfertigende Texte zu dem inzwischen gesetzlich verbotenen Kastenwesen beinhaltet. Die Verse erklären, dass die Frau in ihrer Kindheit Schutz vom Vater genießt, in der Jugendzeit vom Ehemann und in den reifen Jahren vom Sohn. Daraus wird geschlussfolgert, dass eine Frau keinerlei Freiheit benötige und nicht eigenständig handeln oder entscheiden muss.

Diese entwürdigende frauenfeindliche Haltung wird in Indien im Kontext von Religion, individuellen Freiheitsrechten und Kultur kontrovers diskutiert. Ähnlich kontrovers waren dann auch die Debatten über das Recht der Frau auf Bewegungsfreiheit nach dem tödlich endenden Vergewaltigungsfall im Dezember letzten Jahres in Delhi. Denn schließlich belegen jährlich über 24.000 offiziell angezeigte Fälle von Vergewaltigungen, dass die Realität der Frauen eine andere ist, als der Glaube es nahelegt. Laut UNFPRA haben zwei Drittel aller Männer im Alter zwischen 15 und 49 Jahren der Partnerin oder Ehefrau mindestens einmal Gewalt angetan. Nach der Internationalen Kommission für Genderfragen und Gleichberechtigung hat einer von fünf Männern eine Frau zu sexuellen Handlungen gezwungen.

Nachdem am späten Abend des 16. Dezember 2012 in Delhi eine 23-jährige Studentin im Beisein ihres Partners in einem Bus von einer sechsköpfigen Gang mehrfach vergewaltigt wurde und an den Folgen starb, folgten landesweite Proteste. Auch religiöse Überzeugungen konnten den Protest dieses Mal nicht unter dem Teppich halten. Noch 2009 waren Studentinnen von bewaffneten Hindufundamentalisten in Mangalore in einer Kneipe attackiert worden, mit der Begründung, Frauen, die sich mit Freunden öffentlich zeigten und trinken, würden die Kultur verderben. Trotz kritischer TV-Berichterstattung gab es kaum öffentliche Proteste, von wenigen Frauenrechtlerinnen in Mangalore abgesehen. Damit war erneut klar: Die Religion sieht keine individuellen Freiheitsrechte für die Frau vor, und daran hält sich die Mehrheit.

Frauen antworteten mit der Pink Chaddi Campaign, einer Briefaktion gegen diese frauenfeindlichen Statements: Am Valentinstag schickten über 500 Inderinnen pinkfarbene gebrauchte Slips in das Büro von Muthalik, dem Chef der hinduistischen Rashtriya Hindu Sena. Auch dem Fall in Delhi folgten gehässige fundamentalistische Kommentare, die ermordete Studentin selbst wurde aufgrund nichtkonformen Verhaltens und Kleidens für schuldig erklärt. Dennoch kam es zu den wohl größten landesweiten Protesten von Frauen und Männern aller sozialen Schichten.

Es gibt jedoch unzählige vergleichbar brutale Fälle in der Vergangenheit, ohne dass ein öffentlicher Aufschrei folgte, weil die Gewalttaten nicht im modernen Delhi in einem Zusammenhang verbrochen wurden, mit dem sich viele StädterInnen identifizieren können, sondern im ländlichen Milieu der Armen. Außerhalb der Städte gab es bisher kaum Proteste in Form einer breiten Bewegung – von einigen Aktionen progressiver und feministischer Gruppen einmal abgesehen.

Dabei findet Gewalt gegen Frauen überall statt: innerhalb wie außerhalb der Familien und in allen sozialen Schichten. Bis vor einem Jahrzehnt wurde häusliche Gewalt noch nicht einmal als solche anerkannt. Inzwischen werden stapelweise Anzeigen erstattet. Dennoch sind Schuldsprüche selten und das Strafmaß meist gering, nicht zuletzt, weil einflussreiche Akteure das Rechtssystem untergraben. Oft werden die Fälle über Jahre hingezogen und den Opfern keinerlei Entschädigung gewährt.

Feministische Kreise dekonstruieren seit rund drei Jahrzehnten das homogene Konzept der ‚indischen Frau’, indem soziale und ethnische Kategorien mit bedacht, Geschlechterrollen kritisiert sowie sexuelle Identitätskonzepte debattiert werden. Doch das traditionelle religiöse und kulturelle Verständnis der Frauenrolle ist in der indischen Gesellschaft sehr wirkungsmächtig, verankert mit nachhaltigen patriarchalen Strukturen und starken religiösen Leitfiguren. Auch reagieren die politischen Parteien auf frauenpolitische Belange extrem patriarchal. Die eigene Agenda wird gewahrt und die ‚maskuline Würde’ bewahrt. Zwar garantiert die moderne Verfassung gleiche Rechte für Frauen und Männer, dennoch steigt die Gewalt gegen Frauen.

Die heftige Reaktion der Öffentlichkeit letztes Jahr wäre sicher anders ausgefallen, hätte sich die Vergewaltigung nicht in der Großstadt Delhi ereignet. Die schnelle Verurteilung sowie das Todesurteil gegen einen Täter ist eine Folge der Proteste. Dem schnell gefällten Urteil stehen jedoch tausende anhängige Prozesse gegenüber und abertausende von Fällen, in denen es nie zu einer Verurteilung kam.

Historisch gesehen ist die kulturelle Prägung von Frauen, still zu halten und zu schweigen. Ihre Bitterkeit laut aussprechen, ist für sie nach wie vor eine riskante Angelegenheit. Die Einforderung einer umgehenden und konsequenten Rechtsprechung bei den angeklagten Fällen im institutionellen Rahmen ist somit die derzeit einzige Möglichkeit, gegen die in Indien starken patriarchalen und religiösen Systeme anzukommen.

 

Maya Subrahmanian veröffentlichte in Kerala drei Bücher mit Gedichten und Artikeln zu feministischen Konzepten und Frauenrechtsfragen. Sie forschte zuletzt mit dem Stipendiat Erasmus Mundus an der Universität Freiburg. Übersetzung: Martina Backes

 

Hier kommen Sie zum Podcast des Interviews mit Dr. Vibhurti Patel.

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