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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 340 | Eigentor Brasilien Shereen el Feki: Sex und die Zitadelle

Shereen el Feki: Sex und die Zitadelle

Liebesleben in der sich wandelnden arabischen Welt. Aus dem Englischen von Thorsten Schmidt. Hanser, Berlin 2013, 415 Seiten, 24,90 Euro.

Sex auf arabisch

Fünf Jahre hat Shereen El Feki, bis Ende 2012 stellvertretende Vorsitzende der UN Global Commission on HIV, Menschen in der arabischen Welt über Sex ausgefragt. El Feki betrachtet Gesellschaften, ihre Historie, Gegenwart und Zukunft: Wenn man eine Gesellschaft wirklich verstehen wolle, dann müsse man einen Blick in die Schlafzimmer der Menschen werfen.

Auf über 400 Seiten hat die Autorin die Ergebnisse zusammengefasst. Die Themenvielfalt und Fülle der Informationen machen ihr Buch Sex in der Zitadelle zu einem Kaleidoskop an Einblicken aus der MENA-Region (Middle East & North Africa). Ihr Blickwinkel ist der einer Person, die die Region besser verstehen will. Sex sei das Gegenteil von Sport: Jeder spreche über Fußball, aber keiner spiele ihn, beim Sex sei das genau andersrum – so umschreibt El Feki die Rolle der Sexualität in der heutigen arabischen Welt. Die Ehe sei der alleinige akzeptierte Rahmen. Doch nicht alle wollen oder können dem Ehemodell folgen.

Sexuelle Rechte als unveräußerliche Menschenrechte sind in der MENA-Region ein Minenfeld, weil viele dahinter eine westliche Agenda vermuten, die sich Homosexualität, freie Liebe, Prostitution oder Pornographie auf die Fahnen geschrieben habe. Im 19. Jahrhundert oder zur Blütezeit der arabischen Hochkultur hat sich der Autorin zufolge die Situation völlig anders dargestellt: Der sexuellen Ungezwungenheit des Orients stand die Verklemmtheit des Westens gegenüber. Heute ist es umgekehrt, was, so die Autorin, mit dem Niedergang und der Demütigung durch die Kolonialmächte gegen Ende des 19. Jahrhunderts zusammenhängt.

Im Mittelpunkt des Buches steht Ägypten – und hier vor allem Kairo. Zurzeit bestehe am Nil die einmalige Chance, nicht nur die Gesellschaft, sondern auch eine antiquierte Sexualkultur umzugestalten. Tatsächlich will die Autorin mit ihrem Buch wie auch mit der gleichnamigen Website www.sexandthecitadel.com einen Beitrag dazu leisten.

So geht sie der Sprachlosigkeit bei sexuellen Problemen von Ehepaaren nach und stellt dabei en passant fest, dass langweiliger Sex unislamisch sei, wenn man sich die überlieferten Aussprüche Mohammeds zur sexuellen Lust anschaue, die im Mittelalter von der christlichen Welt als Abwerbeversuche gedeutet und verurteilt wurden. Dies gelte auch für mittelalterliche Bücher wie die »Enzyklopädie der Lust« von Ali ibn Nasr, einem Autor aus dem Bagdad des 11. Jahrhunderts, der alle Facetten der menschlichen Sexualität beleuchtete, Sex als Geschenk Gottes an die Menschen darstellte und vorurteilsfrei über Homosexualität schrieb.

Die Autorin legt plausibel dar, wie die Geschichte der Homosexualität in der arabischen Welt in den letzten hundert Jahren umgeschrieben wurde. Viele Autoren, die sich über Jahrhunderte mit dem Thema der gleichgeschlechtlichen Liebe beschäftigt hatten, etwa al-Tifashi oder Abu Nuwas, gerieten so in Vergessenheit.

Diesen Pioniergeist gelte es wiederzuentdecken. Die Fernsehsendung der Sextherapeutin Heba Kotb aus Kairo über Paarbeziehungen, Ehe und Sexprobleme sieht El Faki als Schritt in diese Richtung, denn Kotb sagt: »Ich liebe den Islam… im radikalen Christentum ist Sex nichts Gutes… das ist nicht logisch. Menschen begehren nun einmal, und da fühlen sie sich in dieser Religion nicht aufgehoben und kehren ihr den Rücken. Im Islam ist es das genaue Gegenteil… Sex wird einem geradezu aufgedrängt… dadurch werden die Menschen religiöser.«

Als Lackmustest für den Freiheitsgrad einer Gesellschaft gilt El Feki, wie sie mit Homosexuellen umgeht. Die ägyptische schwule Community ist – wie auch die ägyptische Gesellschaft – nach sozialen Schichten getrennt, zwischen reich und arm gibt es praktisch keinen Austausch. Zwar ist die Oberschicht vor Polizeirazzien relativ sicher, doch ein öffentliches Outing gilt als Schreckgespenst, es zerstört die bürgerliche Existenz. El Feki bezeichnet Razzien und Festnahmen in Treffpunkten schwuler Männer als Willkürmaßnahmen und koordinierte Kampagnen von oben.

Aktuell hochbrisant ist indes die Frage, wie die arabischen Umbruchgesellschaften mit der Frage der rechtlichen Anerkennung homosexueller Paare umgehen, weil das Thema Europa und Amerika einerseits und die arabische Welt andererseits spaltet. In Ägypten werde Homosexualität vor allem als Folge sexuellen Missbrauchs und eines Kindheitstraumas gesehen. Sehr beliebt sind – nicht anders als bei fundamentalistisch christlichen Kreisen in Europa – Therapieangebote für Homosexuelle, die ihr Begehren als Krankheit behandeln, die geheilt werden müsse.

Doch El Feki berichtet auch von kritischen Stimmen in der arabischen Welt, die die angebliche Unvereinbarkeit von islamischem Glauben oder Rechtsgelehrtheit und Homosexualität in Frage stellen und islamische Rechtsgelehrte kritisieren, die ihre Anschauungen und Auslegungen als unumstößliche Wahrheiten hinstellen.

Die Autorin stellt auch die Arbeit von Meem vor, der einzigen lesbischen Organisation im Nahen Osten und ersten Homosexuellenorganisation in der MENA-Region. Allein im Libanon ist es trotz eines homophoben Strafrechts möglich, Homosexuellenorganisationen behördlich zu registrieren. Der Libanon verfügt im Gegensatz zu anderen Staaten der arabischen Welt über die notwendigen demokratischen Strukturen. Dennoch sind für die Mehrheit der Menschen im weltlichen Beirut lesbische Beziehungen nach wie vor unsichtbar und unvorstellbar.

Seit 2010 treffen sich homo- und transsexuelle AktivistInnen aus der Region regelmäßig an geheim gehaltenen Orten. AktivistInnen aus dem Maghreb sind demnach gut vernetzt, die noch vor Jahren vorherrschende Isolation ist überwunden. Vor allem in Tunesien kämpft die Community für die Entkriminalisierung von Homosexualität. Doch solle man, so rät die Autorin, nicht nur auf den Westen blicken, der die vermeintlich besten Lösungen habe. Der globale Süden und seine Erfahrungen und Errungenschaften in Bezug auf Gleichstellung und Diskriminierungsschutz von Homosexuellen (etwa in Argentinien, Indien und Südafrika) böten sich als Vorbild nicht minder an.

Lesben, Schwulen und Transsexuellen in der arabischen Welt geht es um Respekt, weniger um ein Coming-out oder Gay Pride Paraden, sondern um die Freiheit in den eigenen vier Wänden: Das zu tun, was ihnen beliebt. Es geht um den Schutz der Privatsphäre und dessen verfassungsrechtliche Verankerung, um Schutz vor Verfolgung und Diskriminierung, um die Anerkennung der universellen und unteilbaren Menschenrechte, die für alle gelten, auch für sexuelle Minderheiten in der arabischen Welt.

 

Klaus Jetz

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