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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 340 | Eigentor Brasilien Anne Tittor: Gesundheitspolitik in Lateinamerika

Anne Tittor: Gesundheitspolitik in Lateinamerika

Konflikte um Privatisierungen in Argentinien und El Salvador. Nomos, Baden-Baden 2012. 375 Seiten, 59.- Euro

Wie Gesundheit zur Ware wird

In den letzten Jahren kam es in Lateinamerika zur erhöhten Beteiligung des Privatsektors an Gesundheitsleistungen. Der Zugang zum Gesundheitssystem zeichnet sich trotz unterschiedlicher Reformvorhaben nach wie vor durch große soziale Ungleichheiten aus. Auf Grundlage ihrer Dissertation untersucht Anne Tittor anhand der Länderbeispiele Argentinien und El Salvador Gemeinsamkeiten in den Triebkräften der Kommodifizierung bei der Gesundheitspolitik in Lateinamerika. Unter Kommodifizierung versteht die Autorin die »zunehmende Abhängigkeit des Einzelnen von seiner Kaufkraft beim Zugang zu Behandlungen und Vorsorgeuntersuchungen«. Der Schwerpunkt ihrer Arbeit liegt auf der Analyse der Rolle internationaler Organisationen und nationaler Akteure sowie von historischen Ursachen.

Tittor knüpft an den neogramscianischen Autor Robert W. Cox an, um in einem ersten Schritt die hegemonialen Projekte im Gesundheitsbereich in historischer Betrachtungsweise zu identifizieren und die Triebkräfte der Kommodifizierung auf Akteurs- und Strukturebene zu untersuchen. Die Autorin geht von der Annahme aus, dass die Kommodifizierung im Gesundheitsbereich auch in sehr unterschiedlichen Länderkontexten ähnliche Ursachen hat und mit Hilfe derselben Mechanismen durchgesetzt wird. So erfolgten die Gesundheitsreformen in Argentinien und El Salvador in Zusammenhang mit Strukturanpassungsprogrammen.

Die Reformen in Argentinien wurden bereits Anfang der 1990er Jahre eingeleitet und aufgrund der dezentralen Struktur des argentinischen Gesundheitssystems schrittweise eingeführt. Der Reformprozess in El Salvador begann erst Ende der 1990er Jahre und führte zu umfangreichen Privatisierungsmaßnahmen. In der Folge kam es in El Salvador zu einer breiten Protestbewegung, die weitere Privatisierungen im Gesundheitsbereich verhinderte. Auch in Argentinien kam es durch den Zusammenbruch des Finanzsystems 2001/02 und der wirtschaftlichen, politischen und sozialen Krise bei den Gesundheitsreformen zu einem Stillstand. Die Autorin spricht von »critical junctures«, die in beiden Ländern dazu führten, dass sich die Zahl der BefürworterInnen von Kommodifizierung deutlich verringert hat. Die Reformen in Argentinien waren insgesamt weniger gesellschaftlich umkämpft und erstreckten sich über einen längeren Zeitraum als in El Salvador. Folglich ist laut Tittor die Kommodifizierung des Gesundheitswesens in Argentinien deutlich weiter fortgeschritten.

Die Arbeit bietet einen guten Überblick über Gesundheitsreformen und historische Kontexte der untersuchten Länder. Indem Tittor die Bedeutung der gesellschaftlichen Kräfteverhältnisse berücksichtigt, erfasst sie einen Aspekt, der in anderen Studien zum Thema bislang vernachlässigt wird. Sie überträgt den neogramscianischen Ansatz auf Länder Lateinamerikas und zeigt somit die dynamischen Wechselwirkungen zwischen Struktur- und Akteursebene im nationalen und transnationalen Kontext auf.

 

Sarah Schmelzer-Roldán

340 | Eigentor Brasilien
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