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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 341 | Asyl & Politik Gabriel Kuhn (Hg.): Bankraub für Befreiungsbewegungen

Gabriel Kuhn (Hg.): Bankraub für Befreiungsbewegungen

Die Geschichte der Blekingegade-Gruppe. Unrast Verlag, Münster 2013. 232 Seiten, 14 Euro.

Befreiung durch Bankraub?

Es ist ein verlockender Gedanke: Das Geld dort nehmen, wo es in Massen vorhanden ist, um es dann dorthin zu schaffen, wo es wirklich gebraucht wird. Eine der spannendsten dänischen Kriminalgeschichten, der Fall der Blekingegade-Bande, könnte fast als modernes Robin-Hood-Märchen durchgehen. Aber eben nur fast. Eine unscheinbare marxistisch-leninistische Gruppe führt in Dänemark über Jahrzehnte hinweg Raubüberfälle und Betrügereien durch. Mit den erbeuteten Millionenbeträgen unterstützt sie Befreiungsbewegungen im globalen Süden. Auf die Frage, wie internationale Solidarität aussieht, hat die Gruppe eine klare Antwort: Neben moralischer braucht es auch materielle Unterstützung.

Ihren Anfang nimmt die Gruppe 1963. Der Literaturhistoriker Gotfred Appel gründet nach seinem Ausschluss aus der Kommunistischen Partei Dänemarks den KAK, den Kommunistischen Arbeiterkreis. Die von Appel formulierte »Schmarotzerstaatentheorie« ist Ausgangspunkt für dessen politische Ausrichtung. Die reichen Länder des globalen Nordens beuten demnach die Länder des Südens systematisch aus. Der sich vermehrende Reichtum in der westlichen Welt komme nicht zuletzt der Arbeiterklasse in Form von höheren Löhnen zu Gute. Die westliche Arbeiterklasse werde von der Bourgeoisie bestochen, habe mehr zu verlieren als nur »ihre Ketten« und arrangiere sich mit dem herrschenden System. Kapitalisten und Arbeiter teilen laut KAK ein gemeinsames Interesse: die Ausbeutung der Dritten Welt. Die sozialistische Weltrevolution habe sich damit im metropolitanen Norden erledigt, sie müsse in der Dritten Welt beginnen. Dort entstanden in den 1960er und 70er Jahren Massenbewegungen und Organisationen, die nach Auffassung des KAK den Sturz der Herrschenden und ein Ende der Ausbeutung zum Ziel hatten.

Für dieses Ziel unterstützte die Gruppe verschiedene Organisationen, beispielsweise die Volksfront zur Befreiung von Palästina (PFLP) oder die Nationale Front für die Befreiung Südvietnams (FNL). Die Gruppe folgte dabei dem klassischen antiimperialistischen Dogma der 1970er Jahre. Die illegale Praxis bestand vor allem in Raubüberfällen auf Postämter und Geldtransporter. Der Versuch, die PFLP direkt mit Waffen zu versorgen, scheiterte. Zwar erbeutete die Gruppe bei einem Überfall auf ein Waffendepot der dänischen Armee Panzerabwehrraketen und anderes schweres Geschütz, dieses außer Lande zu schaffen erwies sich allerdings als unmöglich.

Der KAK löste sich Ende der 1970er Jahre auf Grund von inneren Zerwürfnissen auf. Ehemalige Mitglieder gründeten den M-KA, der die illegale Praxis fortführte. Als die Polizei im Mai 1989 durch einen Zufall auf eine Wohnung in der Straße Blekingegade, die die Gruppe als Ausgangspunkt ihrer Aktivitäten nutzte, aufmerksam wird, sitzt der engste Kreis des M-KA schon als Verdächtige in einem der spektakulärsten Raubüberfälle der dänischen Geschichte fest. Die Gruppe hatte bei einem Überfall auf ein Kopenhagener Postamt 13 Millionen Kronen erbeutet. Der Fall hielt das ganze Land ein halbes Jahr in Atem, vor allem da die Gruppe auf der Flucht einen Warnschuss mit einer abgesägten Schrotflinte feuerte, der einen jungen Polizeibeamten tötete.

Der Sammelband Bankraub für Befreiungsbewegungen ist ein Beitrag zur linken Bewegungsgeschichte und der Auseinandersetzung mit den Grundfragen politischer Aktivität. Das Buch ist ein Sammelsurium an Dokumenten und Texten, die vor allem die Mitglieder der Gruppe selbst zu Wort kommen lassen. Der Beitrag »Es geht immer um Politik« von Jorgensen, Lauesen und Weinmann, den Hauptvertretern der Blekingegade-Gruppe, beleuchtet deren Beweggründe. Herausgeber Gabriel Kühn stellt in einem Interview mit Lauesen und Weinmann die Frage nach der Aktualität antiimperialistischer Bewegungen.

Durch die dokumentarische Darstellung bleibt den Lesenden ein Urteil selbst überlassen. Identifizieren kann man sich mit den Überzeugungen und den Zweck-Mittel-Relationen der Gruppe heute wohl kaum. Und doch hat die Geschichte der Blekingegade-Gruppe nicht nur historischen Wert. Es geht, wie die Mitglieder der Gruppe es formulieren, um die Gretchen-Frage politischer Aktivität: Was tun? Der Zeitgeist ist heute ein anderer als in den 1970ern und Gewalt als Mittel zur revolutionären Befreiung ist aus guten Gründen alles andere als populär. Aber die Notwendigkeit zur politischen Aktion ist ebenso dringlich. Die Frage, wie diese aussehen kann, muss nach wie vor gestellt werden.

von Ronja Morgenthaler

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