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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 341 | Asyl & Politik Oumar Diallo/Joachim Zeller (Hg.): Black Berlin

Oumar Diallo/Joachim Zeller (Hg.): Black Berlin

Die deutsche Metropole und ihre afrikanische Diaspora in Geschichte und Gegenwart. Metropol Verlag, Berlin 2013. 280 Seiten, 22 Euro.

Black in Berlin

Literatur über die afrodeutsche Minderheit, die nach Schätzungen 400-800.000 Menschen zählt, ist relativ überschaubar. Umso erfreulicher ist daher das Erscheinen des Sammelbandes Black Berlin. In vier Sektionen versammelt das Buch rund 30 Beiträge zur Geschichte Schwarzer Menschen in der bundesdeutschen Hauptstadt. Der zeitliche Rahmen reicht dabei von den ersten Spuren so genannter »Hofmohren« am preußischen Hof vor 300 Jahren bis zur heutigen afrodeutschen Community.

Zur Geschichte Schwarzer MigrantInnen in Deutschland und Berlin vor 1945 liegen bereits einige Veröffentlichungen vor, deren AutorInnen teilweise auch in diesem Band zu finden sind. Bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts kamen die meisten Schwarzen Menschen aus den deutschen Kolonien. Joachim Zeller geht für die Zeit zwischen 1884 und 1945 von rund 500 KolonialmigrantInnen aus, die für längere Zeit in Berlin lebten. Einige verbrachten einen großen Teil ihres Lebens in Deutschland, heirateten (deutsche) Frauen und gründeten Familien. Da ihnen die meisten Berufszweige versperrt blieben, waren viele auf eine Arbeit in der Unterhaltungsindustrie oder der Gastronomie angewiesen, wo sie als ‚Exoten‘ »ihre dunkle Haut für Werbezwecke zu Markte tragen mussten«.

Unter den präsentierten Biographien überraschen immer wieder die vereinzelten, aber durchaus vorhandenen Selbstzeugnisse von Schwarzen Menschen, die sich mit ihrer zumeist prekären Situation und der diskriminierenden Behandlung seitens der deutschen Behörden keinesfalls abfanden, sondern um Anerkennung und Selbstbehauptung kämpften. Einige engagierten sich politisch, erhoben ihre Stimme gegen den deutschen Kolonialismus und Kolonialrassismus und traten mit Interviews, als Redner und Autoren von Zeitungsartikeln selbstbewusst an die deutsche Öffentlichkeit.

Weniger Literatur gibt es zur Geschichte Schwarzer Menschen in Deutschland seit Ende des Zweiten Weltkrieges. Hierauf liegt daher der Schwerpunkt des Bandes, der somit einige Lücken schließt. Mehrere Texte befassen sich mit der Geschichte afrodeutscher Initiativen, Vereine und Institutionen, etwa der 1987 gegründeten Initiative Schwarzer Menschen in Deutschland (ISD). Zahlreiche Biographien und Interviews mit in Berlin lebenden Afrodeutschen geben Einblicke in wechselvolle Lebensgeschichten, die beispielsweise verflochten sind mit der Anwerbung von VertragsarbeiterInnen durch die DDR oder mit der politischen Unterstützung der DDR für antikoloniale und sozialistische Gruppen in Afrika. Eine Gemeinsamkeit unter den seit längerem in Berlin lebenden Schwarzen ist der Bruch, als den viele die Wiedervereinigung und die darauf folgenden rassistischen Pogrome in Ostdeutschland erfahren haben. Demgegenüber erfuhren die meisten ihren Alltag in der DDR als deutlich weniger von Rassismus und Diskriminierung geprägt.

Wie schon in den Biographien spiegeln auch die Texte in diesem Teil des Buches den Kampf um Anerkennung und Gleichberechtigung schwarzer Menschen in Deutschland seit den 1960er/70er Jahren wieder. Am Beispiel der vergangenheitspolitischen Auseinandersetzungen um das afrikanische Viertel in Berlin mit seinen kolonialen Straßennamen werden dabei auch die bis heute bestehenden, oft rassistisch konnotierten Widerstände seitens der weißen Mehrheitsgesellschaft gegen derartige Bemühungen deutlich.

Der Band gibt einen guten Überblick über die Geschichte einer weitgehend vernachlässigten Minderheit in Berlin und einen Eindruck von der Vielfalt Schwarzen Lebens in Deutschland. Allen, die sich für afrikanische Diaspora interessieren, sei der Band daher wärmstens empfohlen.

vonKorbinian Böck

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