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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 341 | Asyl & Politik Eberhard Rothfuß: Exklusion im Zentrum

Eberhard Rothfuß: Exklusion im Zentrum

Die brasilianische Favela zwischen Stigmatisierung und Widerständigkeit. Transcript Urban Studies, Bielefeld 2012. 290 Seiten, 33,80 Euro.

Die eigene Würde bewahren

Warum gab es in Brasilien nie eine soziale Revolution? Diese Frage stellt der in Passau lehrende Humangeograph Eberhard Rothfuß. In Anbetracht der seit Jahrhunderten fortgeschriebenen Ungerechtigkeit und Ungleichheit ist die Abwesenheit von sozialen Kämpfen, die bedeutende Teile der Gesellschaft erfassen, durchaus auffällig. Die Protestwelle des Sommers 2013 könnte einen wichtigen Bruch innerhalb Brasiliens herbeiführen, wobei sich erst noch erweisen muss, dass die Mittelschicht hier nicht nur für Partikularinteressen kämpft.

Rothfuß richtet seine Untersuchung auf die FavelabewohnerInnen als marginalisierteste BewohnerInnen der brasilianischen Städte, mit ihrer starken räumlichen Nähe von sozialen Disparitäten. Wenn es schon zu keinem offenen Protest kommt, welche anderen Formen von Widerständigkeit, welche Taktiken und Subversitäten stehen den Favelabewohnern zur Verfügung? Die Untersuchungsbasis stellen Interviews mit BewohnerInnen der Favela Calabar und einem angrenzenden Mittelschichtsviertel in Salvador da Bahia dar. Rothfuß legt eine vielschichtige und ausführliche Studie vor, der ihr Charakter als Habilitationsschrift in Form von akademischer Langatmigkeit jedoch anzumerken ist.

Rothfuß zieht die Anerkennungstheorie des Kritischen Theoretikers Alex Honneth zurate, um nachzuweisen, dass die FavelabewohnerInnen keine der drei Anerkennungsformen emotionale Zuwendung, kognitive Achtung und soziale Wertschätzung durch die brasilianische Gesellschaft erfahren. Vielmehr seien sie von einer bewussten Missachtungs- und Stigmatisierungspraxis betroffen, was zu einer kollektiven Verinnerlichung einer negativen Selbstbeziehung aufgrund mangelnder Anerkennung führe. Die Favela stelle für ihre BewohnerInnen einen Rückzugsraum dar, in der jenseits ihrer beschämenden Seite die persönliche Integrität bewahrt werden könne.

Die radikal negative Gesellschaftsanalyse Honneths in der Tradition der Kritischen Theorie sieht laut Rothfuß keinen emanzipatorischen Ausweg. Daher greift Rothfuß für seine theoretischen Ausführungen auch auf die französischen Soziologen Henri Lefebvre, Michel de Certeau und Michel Maffesoli zurück. Die Vermengung von Kritischer Theorie und vornehmlich poststrukturalistisch geprägten Theorien ist jedoch fragwürdig und dient allein dem Ziel, der Ausweglosigkeit Honneths etwas entgegenzustellen.

Dabei zeigen sich auch die von Rothfuß herausgearbeiteten Widerständigkeiten eben nicht als emanzipatorische Überwindung, sondern eher als Bewältigungsstrategien der täglichen Stigmatisierung und Marginalisierung. So wie die Gesellschaft die Favelas ausblende, so ignorieren auch deren BewohnerInnen die Welt der Bessergestellten. Man sei sich aber auch kleiner Vorteile der eigenen sozialen Unsichtbarkeit bewusst, etwa der freien Bewegung im urbanen Raum, der für die Mittelschicht schon lange zum Angstraum, zur Phobopolis geworden ist. Die Leistungsideologie sei aber in der Unterschicht ebenso fest verankert, und auch wenn die Favela ein Schutzraum vor der Arbeitswelt und der Diskriminierung sei, so fänden sich auch innerhalb dieser Abgrenzungsbemühungen gegenüber noch ärmeren BewohnerInnen. Der Rückzugsraum sei zudem in einem hohen Maße von anästhetischen (betäubenden) Praktiken wie zum Beispiel Straßenfesten statt kollektivem Aufbegehren geprägt.

Der Pessimismus der Kritischen Theorie scheint also durchaus zutreffend zu sein. Aber wer möchte den FavelabewohnerInnen daraus einen Vorwurf machen?

von Simon Brüggemann

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