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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 341 | Asyl & Politik Weil es sagbar ist

Weil es sagbar ist

eine Filmrezension von Martina Backes

Der Film „Something Necessary“ klagt das Schweigen in Kenia an. 2007/2008 kam es in Kenia im Zuge der Präsidentschaftswahlen zu Massakern. Die Regisseurin Judy Kibinge thematisiert im Film »Something Necessary« die Folgen dieser traumatischen Erfahrungen. Durch die aktuelle Anklage gegen den kenianischen Präsidenten und seinen Vize am Internationalen Strafgerichtshof hat der Film eine besondere Brisanz.

Annes Verhalten ist für alle eine Herausforderung: für das Krankenhauspersonal, weil sie stundenlang bei ihrem im Koma liegenden Sohn verweilt. Weil sie nicht ruht und sich trotz schwerer Verletzungen aus ihrem Rollstuhl erhebt. Ihrem Schwager missfällt sie, weil sie auf die ausgebrannte Farm zurück geht und wieder dort leben will, wo eine Gruppe marodierender Männer sie überfallen, vergewaltigt und ihren Mann getötet hat. Ihre Familie übergeht sie, weil sie das Haus wieder so herrichten lässt, wie es vorher aussah. Den Rat ihrer Freundin und Kollegin in der Klinik ignoriert sie, weil sie zuerst nicht darüber reden will, was sie erlebt hat. Weil sie ausschließlich nach vorne blickt und mit aller Kraft Normalität wieder herstellen will, gegen alle Erschütterungen, die ihre Seele erlebt hat.

Die Protagonistin Anne in Something Necessary wird gespielt von Susan Wanjiru. Anne lebt als (zugezogene) Kikuyu im Rift Valley Kenias und ist mit einem (ansässigen) Kalenjin verheiratet. Es ist eine der Gegenden, in denen bei gewaltsamen Ausschreitungen nach den Wahlen 2007/2008 in dem ostafrikanischen Land Hunderte von Menschen getötet wurden und rund 300.000 als intern Vertriebene flohen. Als Spielfilm mit wenigen Dialogen, die dem Schweigen über die erfahrene Gewalt entsprechen und zugleich die Gewalt des Schweigens aufzeigen, kam Something Necessary letztes Jahr heraus. Aus dem Drehbuch von Mungai Kironga machte die kenianische Regisseurin Judy Kibinge einen Film, der danach fragt, was Gewalt mit den Menschen macht, den Opfern und den Tätern, und der die Barrieren der Versöhnung beim Namen nennt.

Anne fällt in tiefe Depressionen, als ihr Sohn, aus dem Koma erwacht, nicht essen, nicht spielen und nicht mehr in dem Haus leben will, für dessen Wiederaufbau sie sich hoch verschuldet hat. Das Kind macht bei der Wiederherstellung des Normalen nicht mit. Anne verlässt die Güte, sie wird aggressiv. Nachts nagen die Ängste, die Traumata an ihr. Tags setzt sie sich mit harschen Worten und eigensinnigen Taten für ihre Rechte als Witwe und Frau ein. Indem sie dem Schwager, der nach traditionellem Recht Anspruch auf das Land des verstorbenen Bruders erhebt, und sie wegschicken will, die Leviten liest. Als sie, überwältigt von der Nachricht schwanger zu sein, im Alleingang mit gestohlenen Medikamenten eine Abtreibung in einem billigen Hotel vornimmt.

Immer wieder stößt Anne an gesellschaftliche Tabus, an Grenzen der Menschlichkeit: Der Schwangerschaftsabbruch passiert geheim, denn er ist illegal, auch nach einer Vergewaltigung. Für den Abbruch drohen bis zu sieben Jahre Gefängnis. Ein Unrecht, das tausende Frauen in Kenia erfahren. Der Bruch mit der angeheirateten Familie folgt, als Susan sich der patriarchalen Macht des Schwagers nicht unterordnet. Ihr ambivalentes Verhalten ist wie ein fleckiger, zerbrochener Spiegel dessen, was Tausende erlebt haben und noch heute erleben: Blinde Flecken in der Erinnerung quälen den Geist. Die Scherben ihres Schicksals sind mit dem Schicksal anderer verknüpft, der Opfer wie der Täter.

 

Symbolische Wiedergutmachung

Joseph war Mitglied der marodierenden Gang, die den Überfall verübte. Er sucht den Ausstieg aus der Komplizenschaft mit der tribalisierten Gewalt und gerät als Tagelöhner zufällig auf die Farm von Anne, für deren Schicksal er mitverantwortlich ist. Auch er findet keine Worte für das von ihm verübte Unrecht, für die von ihm verübte brutale Gewalt. Auch er sucht, ohne zu sprechen, Entlastung in einem recht eigensinnigen Tun. So pflöckt er, alleine und in der Dunkelheit der Nacht, mit einer gestohlenen Rolle Stacheldraht einen dünnen Zaun rund um Annes Haus. Auch die Schaukel des Jungen hängt er wieder an den Baum. Mit symbolischen Taten versuchen die ProtagonistInnen im Kleinen eine Wiedergutmachung, weil über das Große nicht gesprochen werden kann.

Schließlich bricht Anne mit der schlechten Tradition und holt den hinter verschlossenen Zimmertüren geführten Kampf mit den Erinnerungen ans Licht. Sie erzählt einer Wahrheitskommission, die im Ort verweilt, was sie erlebt hat. Das Unsagbare wird sagbar. Nicht vollständig, doch sie beginnt, die Scherben aufzulesen. Anstatt sich in den längst den Alltag bestimmenden Traumata und Depressionen zu vergraben, teilt sie ihre Erfahrungen mit.

Der Kontext, in dem der Film heute steht, macht das Werk der jungen Regisseurin zu einer Provokation: Während in Kenia tausende Opfer, die Ähnliches erlebten wie Anne, auf Gerechtigkeit und Anerkennung ihrer Leidensgeschichte warten, entziehen sich diejenigen, die beschuldigt werden, die Gewalt angefacht und finanziert zu haben, einem gerechten Verfahren: Uhuru Kenyatta, inzwischen Präsident des Landes, und sein damaliger Widersacher und heutiger Vize, William Ruto, sowie zwei weitere Kenianer wurden vor den Internationalen Strafgerichtshof (IStGH) geladen, angeklagt wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Allerdings stehen die Zeugen der Anklage unter Druck. Zwei zogen im Dezember ihre Aussagen zurück und der Prozessauftakt wird weiter verschoben.

Kenyatta unterstützte bei den Wahlen 2007/2008 den Präsidentschaftskandidaten Mwai Kibaki, der im Dezember 2007 als Gewinner der Wahl ausgerufen wurde. Gegenkandidat Raila Odinga focht das Ergebnis an. Schließlich riefen beide Seiten zu Angriffen auf die jeweils andere, nun ethnisch bestimmte Gruppe auf. Kenyatta, der wie Kibaki der Herkunft nach zu der Ethnie der Kikuyu gehört, soll mit Unterstützung der Munjiki Miliz gegen Luo und Kalenjin gehetzt haben. Zudem wird Kenyatta vorgeworfen, für Zwangsvertreibungen, sexualisierte Gewalt und Vergewaltigungen verantwortlich zu sein. Sein damaliger Gegner Ruto, der den Kalenjin angehört, soll seinerseits zu Gewalt gegen Kikuyu angestiftet haben. Ihm wird Beihilfe zum Mord, Verfolgung und Vertreibung vorgeworfen. Hinter dem ethnisierten Konflikt stehen tiefe Spannungen, die von sozialen Disparitäten und einer seit Jahrzehnten ungelösten Frage der Landverteilung herrühren.

 

Aufklärung oder Schweigen

Als der IStGH im Januar 2012 die Anklage des Chefanklägers Luis Moreno Ocampo gegen Kenyatta und Ruto annahm, erlebte Kenia eine Aufbruchsstimmung: Nach fünf Jahrzehnten politischer Willkür und Straflosigkeit für politische Würdenträger versprach sich vor allem die jüngere Generation von der Annahme der Anklage eine echte Wende, einen demokratischen Aufbruch, den selbst die Einführung des Mehrparteiensystems 1991 – nach 27 Jahren Einparteienstaat – nicht hatte aufkommen lassen. Umso überraschender war, dass die Angeklagten im März 2013 die Wahlen gewinnen konnten. Kenyatta und Ruto, die ehemaligen Rivalen, kandidierten in der Jubilee-Koalition und teilten sich die Macht, als Kenyatta mit 50,07 Prozent die Präsidentschaftswahlen gewann.

Gut einen Monat vor der Wahl hatte Something Necessary seine Premiere in Nairobi. Um den Film einem größtmöglichen Publikum zugänglich zu machen, stellten die FilmemacherInnen einen kostenlosen Internet-Stream zur Verfügung. Der Film solle, so Judy Kibinge, so viele Menschen wie möglich daran erinnern, wie wichtig es sei, dass die Wahlen 2013 friedlich abliefen. Auch kenianische Zeitungen nahmen den Film als Anlass, zu einem friedlichen Verlauf der Wahlen aufzurufen. Hauptdarstellerin Susan Wanjiru erlebte die Reaktionen auf den Film als sehr emotional: »Die Menschen wollten sofort darüber sprechen.«

Das Wahlergebnis ist ambivalent. Der überwiegend friedliche Verlauf und die Übernahme der Regierungsgeschäfte durch eine jüngere Generation mit Ruto und Kenyatta ist Ausdruck des Willens der Gesellschaft nach Aussöhnung und dafür, nach vorne zu blicken. Andererseits befördert die Koalition der ehemaligen Rivalen bei vielen offensichtlich eher das Schweigen über begangenes Unrecht. UN Generalsekretär Ban Ki Moon gratulierte den kenianischen BürgerInnnen für die friedliche Wahl, nicht jedoch den Gewählten.

Die Verleihung der Immunität erhoffen sich die beiden vor dem IStGH angeklagten Staatsmänner nun von einem anderen politischen Parkett. Auf dem Gipfeltreffen der Afrikanischen Union (AU) im Mai 2013, wo auf 50 Jahre Unabhängigkeit des afrikanischen Kontinentes angestoßen wurde, plädierte der äthiopische Ministerpräsident Hailemariam Desalegen dafür, den IStGH nicht länger als Gerichtsbarkeit anzuerkennen. Die Tatsache, dass dieser nahezu ausschließlich Fälle afrikanischer Regierenden verhandle, deutete Hailemariam als einseitige Anklage gegen Afrika. Kenia sei selbst in der Lage, den Fall vor der eigenen Gerichtsbarkeit abzuhandeln. Mit der neuen kenianischen Verfassung von 2010 gäbe es keinen Grund, kenianische Angelegenheiten nicht im eigenen Land zu lösen. Der südafrikanische Friedensnobelpreisträger Desmond Tutu verurteilt diese Tendenz dagegen als Freibrief für Gewaltpolitiker, »damit sie ohne jegliche Konsequenz morden, vergewaltigen und Hass verbreiten können«. Gleichzeitig wächst unter Regierenden afrikanischer Länder die Anhängerschaft gegen den IStGH. Dabei hatten im Jahr 2000 von weltweit 122 UnterzeichnerInnen 34 afrikanische Staaten das Rom-Statut zur Gründung des Internationalen Strafgerichtshofs unterzeichnet.

Auf dem Onlineportal Pambazuka wird gemutmaßt, dass nach dem tödlichen Anschlag der al Kaida nahen somalischen Al Shabaab Milizen auf das Einkaufszentrum in Nairobi im September 2013 ein internationaler Wind weht, der Kenyatta lieber als Verbündeten im Kampf gegen den Terror sehen will, als auf der Anklagebank in den Haag. Damit fühlt sich die Anklage sowie die vertagte Vorladung Kenyattas vor den IStGH für viele Menschen in Kenia fast schon wie eine geschlossene Akte der Geschichte an. Nicht alle sind darüber glücklich. Einmal mehr blieben politisch motivierte Massaker ungesühnt. Es besteht die Gefahr, dass bei künftigen Wahlen oder Landstreitigkeiten alte Wunden wieder aufbrechen. Das Schweigen, so führt es Something Necessary vor, kann diese nicht heilen.

 

Die DVD erscheint in Deutschland am 28.03.2014 bei »Neue Visionen«.

 

 

Martina Backes ist Mitarbeiterin im iz3w.

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