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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 341 | Asyl & Politik Susan Arndt: Die 101 wichtigsten Fragen: Rassismus

Susan Arndt: Die 101 wichtigsten Fragen: Rassismus

C.H. Beck, München 2012. 159 Seiten, 10,95 Euro. In der Märzausgabe 2014 erschien eine Besprechung zu Susan Arndts Buch »Die 101 wichtigsten Fragen: Rassismus« (iz3w 341, S.47) in einer vom Autor nicht autorisierten Fassung unter der redaktionellen Überschrift »Können nur Weiße erröten?«. Neben dieser Betitelung enthielt diese Fassung auch weitere editorische Änderungen, die nach Ansicht des Autors Kien Nghi Ha die Aussagen und Intentionen in ihr Gegenteil verkehren. Wir bedauern jegliche Änderung an der ursprünglichen Rezension, die nicht abgesprochen war. Im folgenden präsentieren wir die Originalversion des Autors. iz3w-Redaktion

In einer Zeit, in der selbst in der anti-rassistischen Linken oftmals ohne die notwendige Differenzierung und den historischen Weitblick über Critical Whiteness und Identitätspolitik gestritten wird, kommt diese Einführung in die Geschichte und Struktur des Rassismus wie gerufen, um der Kontroverse mehr Tiefgang und Klarheit zu verleihen. Susan Arndt, die an der Universität Bayreuth postkoloniale Anglistik lehrt, hat sich bereits durch eine Reihe wichtiger Publikationen wie „AfrikaBilder: Studien zu Rassismus in Deutschland“ (2001),Mythen, Masken und Subjekte. Kritische Weißseinsforschung in Deutschland“ (2005) und „Wie Rassismus aus Wörtern spricht: (K)erben des Kolonialismus im Wissensarchiv deutsche Sprache“ (2011) hervorgetan.

Diese profunde Arbeitserfahrung kommt auch ihrem neuen Buch zu Gute, das Rassismus als grundlegendes globales Herrschaftsverhältnis in der kolonialen Moderne auffasst. Sie definiert Rassismus demzufolge als ein „paneuropäisches Projekt, das seine Anfänge nahm, als Europa Millionen Menschen auf der ganzen Welt enteignete, versklavte und ermordete“. Durch die Erfindung von Weißsein wurde eine „vermeintlich naturgegebene Norm(alität)… [konstituiert], um eigene Ansprüche auf Herrschaft, Macht und Privilegien zu legitimieren“ (S. 15). Dabei erwies sich das eurozentristische Zivilisierungsmodell als historisch besonders folgenreich, da es interessengeleitete Dominanzpolitik als moralisches Imperativ ausgibt und die koloniale Dialektik der Aufklärung universalisiert.

Das Werk enthält die Diskussion von 101 Fragen, die thematisch in acht Kapiteln unterteilt sind und mit wenigen Ausnahmen gut aufeinander aufbauen. Das Themenspektrum ist sehr vielfältig und reicht von alltäglichen Phänomenen („Kann Essen rassistisch sein?“) über definitorische Erklärungen („Was ist Kolonialismus?“) bis hin zu historischen Analysen („Begingen die Deutschen in Namibia einen Völkermord?“). Als Einführung in die komplexe Materie kann das Buch angesichts seines weiten Themenspektrums sicherlich nicht auf alle inhaltlich relevanten Aspekte in der größtmöglichen Detailschärfe eingehen. Ausgehend von begrifflichen Klärungen behandeln die ersten Abschnitte vormoderne und moderne Formen des Rassismus. Dabei geht die Autorin spannende („Warum begrüßte Karl Marx den britischen Imperialismus?“), aber auch ungewöhnlichen Fragestellungen („Können nur Weiße erröten?“) nach, die für viele LeserInnen mit überraschenden Erkenntnisgewinnen verbunden sein dürfte. Danach werden kolonialrassistische Denkweisen und diskriminatorische Bedeutungsebenen in der deutschen Sprache und der westlichen Kultur analysiert. Auf der anderen Seite legt das Buch Wert darauf, etwa anhand der Begriffe „Maafa“ und „Porajmos“, die Perspektiven und Wissensressourcen rassistisch markierter Communities zu diskutieren und an anti-koloniale Widerstände zu erinnern. In den Schlusskapiteln folgt ein Ausblick auf aktuelle Diskussionen, die mit Migration und Diaspora zusammenhängen.

Das Buch ist keine wissenschaftliche Publikation, die sich ausschließlich an das Fachpublikum wendet. Diese Ausrichtung hat den Vorteil, dass die leicht verständliche Sprache wie die klare Frage-Antwort-Struktur sich deutlich von den Genrekonventionen abhebt. Auf diese Weise versucht Susan Arndt eine breite Leserschaft an machtsensiblen Argumentationen und dekonstruktiven Perspektiven heranzuführen. Darin liegt auch eine große Stärke des Bandes, das den Wunsch weckt sich näher mit rassismuskritischen und dekolonialen Perspektiven auseinanderzusetzen.

von Kien Nghi Ha

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