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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 342 | Protestbewegung in der Türkei Nina Degele: Fußball verbindet – durch Ausgrenzung

Nina Degele: Fußball verbindet – durch Ausgrenzung

Springer VS, Wiesbaden 2013. 217 Seiten, 39,99 Euro.

Postmoderne Fußballwelt

Eine kritische Bestandsaufnahme der Fußballwelt kurz vor der Weltmeisterschaft, unterfüttert mit einer fundierten empirischen Untersuchung und Bezug nehmend auf die jüngere soziologische Forschung: Nina Degeles Abhandlung Fußball verbindet – durch Ausgrenzung verspricht Erkenntnisgewinne zur rechten Zeit.

Doch die bleiben in dem Band leider bruchstückhaft. Denn obgleich die Autorin viele neuere Entwicklungen im Fußballsport beschreibt und analysiert, ähnelt ihre Kernthese weitgehend jenen Ansätzen, die bereits in den 1990er Jahren und teils sogar weit früher entwickelt wurden. Zentral ist ihr Bezug auf die Identität. »Fußball verbindet – aber immer auch durch Ausgrenzung«, schreibt Degele zusammenfassend in der Einleitung. »Denn das Gefühl von Zusammengehörigkeit und Gemeinschaft entsteht durch Abgrenzung von Anderen: Wir wissen, wer wir sind, wenn wir wissen, von wem wir uns zu unterscheiden haben.«

Nun hat diese Aussage, die in der postmodernen Identitätskritik für fast alle Kategorien (Foucault über Macht, Judith Butler über sexuelle Identitäten oder Stuart Hall über Rassismen und Identitäten) durchdekliniert wurde, zweifellos weiter Bestand. Nur könnte die zitierte Aussage angesichts der Entstehung ständig neuer Identitäten im Kontext Fußball auch ganz anders lauten. Beispielsweise: Wir wissen nicht mehr, wer wir sind, wenn wir nicht wissen, wie wir uns von anderen unterscheiden.

Wenn immer mehr Frauen Fußball spielen und schauen, wie ändert sich dann der Charakter dieses Spiels? Was wird aus dem »Männersport« Fußball? Welche Folgen hat die Kommerzialisierung des Sports, welche seine Ästhetisierung? Wie wirkt es sich auf die Identität eines deutschen Fußball-Fans aus, wenn in der Nationalmannschaft Mesut Özil und Ilkay Gündogan (Söhne türkischer Gastarbeiter), Sidney Sam und Dennis Aogo (Söhne nigerianischer Väter), Jérôme Boateng (Sohn eines ghanaischen Migranten), Sami Khedira (Sohn eines tunesischen Migranten), Mario Gómez (Sohn eines spanischen Einwanderers) sowie Miroslav Klose und Lukas Podolski (Migranten aus Polen) kicken?

Solcherlei Fragen werden allenfalls indirekt im empirischen Teil des Buches gestellt, der damit auch zum interessanteren wird. Die Autorin hat mit Hilfe ihres studentischen Assistenzteams insgesamt 24 Gruppen mit insgesamt 177 DiskutantInnen zum Thema Fußball befragt und Debatten in Gang gesetzt. Studentische Freizeitkicker, schwul-lesbische Fußballteams, Altherren-Mannschaften, Schülerinnen mit Migrationshintergrund, Akademiker und Handwerker – die Diskussionsrunden könnten unterschiedlicher kaum sein.

Als Einstieg zur Diskussion dient ein Plakat, das mehrere Fotos zum Thema Fußball zeigt: Weinende Fans auf der Tribüne, übereinanderliegende Fußballer beim Torjubel, eine Spielerin im BH, die sich jubelnd das Trikot ausgezogen hat, ein Zweikampf zwischen einem weißen und einem dunkelhäutigen Fußballspieler. Die »Gruppendiskussionen eröffnen damit einen direkten Zugang zu kollektiv geteilten Sinngehalten. Die Gruppenmeinung ist deshalb auch keine Summe von Einzelmeinungen, sondern das Produkt kollektiver Interaktionen«.

Die qualitative und quantitative Auswertung der Gespräche erfordert ein gehöriges Maß an nahezu psychoanalytischer Empathie. Denn sexistische, homophobe oder rassistische Einstellungen kommen in den seltensten Fällen ungefiltert zum Ausdruck, sondern zwischen den Zeilen. Und dieses »Dazwischen« ist das eigentlich Interessante an der Untersuchung. Wenn der als »metrosexuell« beschriebene britische (Ex-)Fußballstar David Beckham durch sein Auftreten als Model für einen Fußball-Boom beim weiblichen Publikum sorgt und gleichzeitig von männlichen Fans als Ausdruck der »Verweiblichung« und »Kommerzialisierung« des Fußballs abgelehnt wird, dann spiegelt dies die Vielschichtigkeit gesellschaftlicher Entwicklungen wider. Oder wenn schwarze deutsche Nationalspieler für ihre Tore bejubelt werden, während sie als Teil des gegnerischen Teams in der Liga bisweilen rassistisch beleidigt werden, dann sollte gerade diese Ambivalenz Anreiz für weitere Fragen und Analysen sein; weil Rassismus und Nationalismus hier plötzlich über Kreuz liegen.

Ärgerlich, dass diese in dem vielschichtigen Band durchaus angesprochenen Entwicklungen an den wesentlichen Stellen ausgeblendet und durch einfache Aussagen ersetzt werden – sowohl im Titel (»Fußball verbindet – durch Ausgrenzung«) als auch im Klappentext (für den freilich der Verlag verantwortlich ist), nach dem »Schwule, Frauen und Nicht-Weiße« in der »heterosexuellen, weißen und männlichen Fußballmehrheit« nicht »wirklich willkommen« seien. Das mag nicht falsch sein, weil die alte Fußballwelt (noch) nicht untergegangen ist. Es ist aber auch nicht richtig, weil die inzwischen sehr vielschichtige Welt des Fußballs in dieser Zusammenfassung nicht vorkommt.

Die Vereinfachungen der Untersuchung liegen letztlich in ihrer Methodik begründet: »Um trotz der damit (mit den Kongruenzen und Divergenzen, S.G.) verbundenen Schwierigkeiten und Paradoxien das Feld der einschließenden Ausgrenzung empirisch zugänglich zu halten, fasse ich den Ertrag methodologisch zusammen: Ein- und Ausgrenzungen sind als soziale Positionierungen miteinander verbunden.« Will heißen: Jedes »Wir« eines Teams oder eines Vereins erfordert immer auch ein »Ihr«, also einen Gegner, von dem es sich abzugrenzen gilt.

Wenn aber die Methode einer Untersuchung immer wieder auf diese einfache Wahrheit rekurriert, dann bleibt nur, das Prinzip des Spiels selbst in Frage zu stellen. Denn Fußball ist ein Spiel, bei dem zwei Teams versuchen, dem Gegner einen Ball ins Tor zu schießen.

Stephan Günther

342 | Protestbewegung in der Türkei
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