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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 342 | Protestbewegung in der Türkei Editorial zum Themenschwerpunkt

Editorial zum Themenschwerpunkt

Der Spirit von Gezi

»Der Gezi-Widerstand ist außerordentlich wichtig, er ist ein historisches Ereignis. Seine Auswirkungen werden nicht nur einige Jahre andauern, er ist eine Zäsur.« Diese Einschätzung des Journalisten und Filmemachers Metin Yegin vom März 2014 trifft eine Stimmung, die auch ein Dreivierteljahr nach der Räumung des Istanbuler Gezi-Parks weit verbreitet ist. Geteilt wird sie von fast allen AktivistInnen der Protestbewegung, die im Juni 2013 zu einer viel beachteten Akteurin der türkischen Politik avancierte.

Istanbul erlangte damals innerhalb weniger Tage weltweite Berühmtheit als »City of Resistance«. Es setzte ein regelrechter Protesttourismus ein, etwa durch globalisierungskritische AktivistInnen oder ‚teilnehmende JournalistInnen’, wie beispielsweise taz-Redakteur Deniz Yücel. Selbst die Feuilletons bürgerlicher Zeitungen schwärmten vom ganz besonderen revolutionären »Spirit« und von der solidarischen Aufbruchsstimmung, die in Gezi herrschten.

Die Fixierung der medialen Aufmerksamkeit auf Istanbul, den Gezi-Park und den Taksim-Platz führt freilich bis heute zur Ausblendung der Tatsache, dass die Protestbewegung auch andere Hochburgen hat, etwa die Hauptstadt Ankara oder die traditionell säkulare Hafenstadt Izmir. Gezi war die Initialzündung, doch die daraus hervorgegangene Bewegung war landesweit, und sie erfasste erhebliche Teile der jungen Generation.

Özgün Kizilay, ein studentischer Aktivist aus Ankara, sagt dazu: »Der Geist von Gezi wird meine Generation, vielleicht unser Leben lang, begleiten, und wie er sich auf die Gesellschaft auswirkt, werden wir erst in vielen Jahren sehen. Nur dieser besondere Moment von Gezi, der wird nicht wiederkommen.« (zit. nach Yücels Buch »Taksim ist überall«) Ein ebenfalls von Yücel porträtierter junger Gezi-Demonstrant resümiert: »Meine Generation hat ihre Lethargie abgelegt. Zuvor haben wir uns nur über Fußball oder Partys unterhalten, jetzt sprechen wir über Politik.« Die massenhaften Proteste nach dem Tod des 15-jährigen Demonstranten Berkin Elvan am 11. März bestätigen diese Einschätzung.

Der Gezi-Protest und die mit ihm entstandene Bewegung wurden vielfach mit dem Arabischen Frühling oder dem Aufbruch der 68er-Bewegung verglichen. Vieles an diesen Vergleichen hinkt, manches ist durchaus stimmig. Anders als in Tunesien und Ägypten erfolgte in der Türkei keine Revolution im engeren Sinne, keine Aneignung der Staatsmacht. Es handelt sich mehr um eine Bewusstseinsrevolution, bei der Wahlen, Parteien, Verfassungen und andere Ausdrucksformen institutionalisierter Politik keine allzu große Rolle spielen.

Der »antiautoritäre Impetus der Bewegung«, den Udo Wolter schon kurz nach den Gezi-Protesten konstatierte (in iz3w 338) und der bis heute besteht, richtet sich im Übrigen nicht nur gegen den Machtapparat von Ministerpräsident Erdogan und den im Namen des Islams verübten Tugendterror. Das Aufbegehren gegen verkrustete Strukturen gilt auch den kemalistischen NationalistInnen, den dogmatischen Mao- und Stalinfans der radikalen Linken und den säkularen Neoliberalen.

Ist die Gezi-Bewegung gescheitert? Auf der realpolitischen Ebene vorerst ja. Erdogan und die AKP sind weiter an der Regierung. Bei der Kommunalwahl Ende März konnte die AKP ihre Position in der Wählerschaft sogar festigen; darüber können auch die Wahlmanipulationen nicht hinwegtäuschen. Erdogan und seine Klientel verbreiten mittels ihrer Staatsgewalt weiterhin massiv Repression, Zensur und Propaganda. Doch die daraus resultierenden schmerzhaften Niederlagen der Bewegung sind nur ein Teil der Geschichte, die in der Türkei derzeit gemacht wird. Als Bewusstseinsrevolution ist der Gezi-Protest anhaltend erfolgreich – nicht von ungefähr lassen sich selbst internationalistische Zeitschriften aus Deutschland davon inspirieren und widmen ihr ganze Themenschwerpunkte…

 

Lassen wir zum Ausklang die 41-jährige Schriftstellerin Sema Kaygusuz zu Wort kommen, die den »Spirit von Gezi« im Sommer 2013 so beschrieb: »Ich fühlte mich immer in der Minderheit, als Alevitin, als Frau, als Feministin, als Umweltschützerin. Als Familie mussten wir unsere Identität als Aleviten verheimlichen, ich wurde im sunnitischen und kemalistischen System erzogen. Auch dass meine Mutter eine griechische Jüdin ist, musste immer geheim bleiben. Jetzt fühle ich mich erstmals mit anderen verbunden – mit der Gezi-Bewegung. Ich bin ein Teil davon.«

Und sie ergänzt: »Deshalb bin ich zum ersten Mal in meinem Leben optimistisch.«

die redaktion

342 | Protestbewegung in der Türkei
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