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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 342 | Protestbewegung in der Türkei Marc Epprecht: Sexuality and social justice in Africa

Marc Epprecht: Sexuality and social justice in Africa

Rethinking homophobia and forging resistance. Zed Books, London 2013. 222 Seiten, 16,61 Euro (als TB).

Mission Homophobie

Am 24. Februar 2014 unterzeichnete der ugandische Präsident Yoweri Museveni das Anti-Homosexuellen-Gesetz. Nun drohen Homosexuellen lebenslange Haftstrafen. Sie müssen um ihr Leben fürchten, denn Medien und fundamentalistische Pfingstkirchen beschuldigen sie, HIV zu verbreiten, Kinder zu verführen und Uganda großen Schaden zuzufügen.

Seitdem ist strittig, ob die von den Geberländern angekündigte Kürzung der Budgethilfe der richtige Weg ist, um den Homo-, Bi-, Trans- und Inter-Menschen (im Englischen als LGBTI bezeichnet) in Uganda zu helfen. Schließlich drohen internationale Geber seit über zwei Jahren, den Geldhahn abzudrehen; so lange wird schon über den Gesetzesentwurf gestritten. Die LGBTI-Organisationen mahnten zwischenzeitlich diskretere diplomatische Gespräche an, da sie längst für Kürzungen in der allgemeinen Entwicklungsförderung angefeindet werden.

In diese Debatte ist das lesenswerte Buch von Marc Epprecht einzuordnen. Der Afrikahistoriker, der viele Jahre in Simbabwe unterrichtet hat und auch andere Länder in der Region gut kennt, vermittelt detaillierte Einblicke in die Geschichte der Homophobie. In seiner sinnvoll strukturierten Erklärung der historischen Entwicklung von Hassgewalt im östlichen und südlichen Afrika kann er auf zahlreiche Interviews und Quellenauswertungen zurückgreifen.

In Uganda verstärkte die Kolonialverwaltung bestehende Ungleichheiten deutlich; wie im südlichen Afrika waren Siedlerkolonien mitsamt der Wanderarbeit von Männern ein bedeutendes ökonomisches Strukturprinzip. Britische Kolonialverwalter und christliche Missionare bildeten unheilvolle Interessenallianzen, als
es um die Formulierung und Verabschiedung drakonischer Gesetze ging, die gleichgeschlechtliche Beziehungen in den Gold- und Kohleminen verboten. Epprecht erklärt: Gerade im südlichen Afrika praktizierten Minenarbeiter unterschiedlichen Alters und Status’ so genannte »mine marriages«. Fern ihrer eigenen Ehefrauen mieden sie Kontakte mit weiblichen Prostituierten, denen nachgesagt wurde, Syphilis zu verbreiten. Während die Minenbetreiber die Beziehungen zwischen Männern duldeten, da sie dem Erhalt der Arbeitskraft dienten, eiferten britische Missionare dagegen.

Heute sind es vor allem Missionare aus den Südstaaten der USA, die den afrikanischen Regierenden die Gesetzestexte diktieren. Auch die zerstörerischen Auswirkungen der wirtschaftlichen Strukturanpassungsprogramme des Internationalen Währungsfonds trugen in den 1990er Jahren dazu bei, dass postkoloniale Regierungen die Homophobie anfachten. Wegen der drastischen Sparzwänge eskalierten Proteste und so suchten die Machthaber nach Schuldigen für die wirtschaftliche Misere. Epprecht weist eindrücklich nach, wie Homosexuelle 1995 in Simbabwe ins Visier der Regierenden gerieten, als die dramatischen Ausmaße der Strukturanpassung offensichtlich wurden.

Kenntnisreich erläutert der Autor auch die Arbeit von LGBTI-Organisationen. In zeitlichen Rückblenden unterscheidet er Phasen relativer Duldung durch die Regierenden und Zeiten, in denen die Organisationen angefeindet wurden. Epprecht verortet die Kämpfe für sexuelle Toleranz in Bewegungen für soziale Gerechtigkeit und unterstreicht, wie wichtig die Anerkennung der LGBTI-Ziele ist.

Rita Schäfer

342 | Protestbewegung in der Türkei
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