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Ghana I: »Halb arm, halb reich«

von Maria Tekülve

Ghana: Erfolgreich, aber die Armut besteht fort

Das westafrikanische Ghana steht politisch, wirtschaftlich und auch hinsichtlich der Armutsbekämpfung relativ gut da. Seit wenigen Jahren erfüllt es den Status eines »Landes mit mittlerem Einkommen im unteren Bereich«. Die Einkommensspreizung ist geringer als in den USA. Gleichzeitig leben viele Menschen unter äußerst prekären Bedingungen.

Die letzten ghanaischen Parlamentswahlen 2012 wurden international als frei und fair eingestuft. Im Ibrahim Index 2013 zu Regierungsführung in Afrika belegt das Land den guten siebten Rang von 52 Staaten. Die zuletzt zweistelligen Wachstumsraten werden für die kommenden Jahre mit etwa sieben Prozent prognostiziert. »No Longer Poor«, titelt eine Studie des Center for Global Development bereits. Tatsächlich stieg das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen nach Angaben der Weltbank von knapp 400 US-Dollar in den 1980er Jahren auf heute knapp 2.000 Dollar. Die Lebenserwartung liegt nun bei 65 Jahren. Lebte 1992 noch die Hälfte der Bevölkerung unter der Armutsgrenze, so waren es 2006 »nur« noch 28 Prozent, die weniger als 1,25 Dollar pro Tag zur Verfügung hatten. Ghana und die internationale Gemeinschaft gehen insgesamt von einem weiteren Rückgang der Armut aus, wobei Disparitäten zwischen Nord und Süd, Land und Stadt sowie innerstädtischen Differenzierungen bestehen bleiben bzw. sich vergrößern werden.

Auch die Mittelschicht wächst. Je nach Definition umfasst sie laut Afrikanischer Entwicklungsbank 20 bis 47 Prozent der Bevölkerung. Im Alltag ist dies erkennbar am zunehmenden Auto- und Motorradverkehr, dem allgegenwärtigen Bauboom oder der wachsenden Verbreitung von Telefonen, Kühlschränken und Fernsehern. Die Geschäftigkeit in den Metropolen, insbesondere im reicheren Süden mit Greater Accra und der boomenden Zwillingsstadt Sekondi-Takoradi, ist nicht zu übersehen. Aber auch Städte im ärmeren Norden, darunter Wa und Tamale, strotzen vor Lebendigkeit.

 

Wo bleibt die Entwicklung?

Dennoch fragen sich viele GhanaerInnen: »Wo bleibt die Entwicklung?« Denn, so der Autor einer Zeitungskolumne im Daily Graphic: Trotz Wachstum – egal, wohin im Land er schaue, er sehe Armut und Unterentwicklung. Selbstkritisch konstatierte Präsident John Dramani Mahama 2013 in der Parlamentsrede zum aktuellen Haushaltsjahr: »Wir können als Nation nicht Erfolg haben, wenn wir halb arm und halb reich sind.« Ghana steht mit diesem Phänomen, der Gleichzeitigkeit von Wachstum und persistenter Armut, nicht alleine da. Das Land belegt nach UN-Angaben heute auf der Rangliste der »menschlichen Entwicklung« nur Rang 135 von 186.

Um sich von der weiter verbreiteten Armut in Ghana zu überzeugen, reicht bereits ein Gang durch die dicht besiedelten Viertel Accras mit stinkenden Abwasserkanälen; oder durch die unzähligen maroden Fischerdörfer an verunreinigten Stränden; oder ein Blick auf die vernachlässigten Dörfer an kaum passierbaren Sandwegen. An Accras Kreuzungen drängen sich BettlerInnen und StraßenverkäuferInnen, darunter Frauen mit Babys auf den Rücken und schweren Lasten auf dem Kopf, die den Tag über in brütender Hitze bei beißenden Abgasen schuften. Kinder und Jugendliche schlachten in den Randvierteln, in Rauchschwaden verbrennenden Plastiks gehüllt, den Elektroschrott der reichen Länder aus (vgl. den folgenden Artikel). In einem als »Sodom und Gomorra« bezeichneten Slumviertel leben Menschen, oft Zugewanderte, buchstäblich auf Kloaken.

Die Wirtschaftsstruktur bleibt notorisch fehlentwickelt. Der Landwirtschaftssektor dümpelt mit alten Methoden und vernachlässigter Infrastruktur vor sich hin. Die Abhängigkeit von den Weltrohstoffmärkten und ihren schwankenden Preisen für die Hauptexportprodukte Gold und Kakao ist unvermindert groß. Zwar ist der Anteil der Industrie am Bruttosozialprodukt seit 1987 von 16 Prozent um ein gutes Drittel auf 27 Prozent gestiegen. Aber der Anteil der verarbeitenden Industrie sank von zehn auf heute sieben Prozent. Im gleichen Zeitraum nahm die Landwirtschaft von 51 auf 23 Prozent ab, während Dienstleistungen von 33 auf 50 Prozent stiegen. Produkte wie Kakao oder Obst werden unverarbeitet in die Welt verschifft, die Wertschöpfung erfolgt in Übersee. Importe aus aller Welt dominieren selbst in kleinen Läden. Tomatenmark, das jeder Haushalt täglich verzehrt, kommt aus Italien und China, obwohl Tomaten überall in Ghana wachsen. Hähnchen aus Europa sind billiger und ansehnlicher verpackt als das lokale Geflügel. Saft von Orangen und Mangos stammt aus Südafrika und Österreich, obwohl sie lokal im Überfluss vorhanden sind.

Auch die Korruption wirft Schatten auf Ghanas Wirtschaft und Gesellschaft. Laut Transparency International liegt Ghana im Korruptionswahrnehmungsindex auf Rang 61 von 178 Ländern (zum Vergleich: Italien 69). Es spricht für die Regierung, die Rechnungshöfe und die Pressefreiheit, dass Fälle der so genannten »großen Korruption« (etwa der »Wyome-Case« 2012) Gegenstand heftiger öffentlicher und parlamentarischer Debatten sind. Für die Bevölkerung präsenter ist indes die »kleine Korruption«. Ohne die so genannten »fees« für öffentliche Dienste läuft nichts. Geschichten, wo eine Frau erst nach Zahlung von »tips« Hilfe bei der Entbindung bekommt, oder Polizisten am Straßenrand ein kleines »gift« als Weihnachtsbeitrag fordern, sind alltäglich.

 

Am unteren Ende

Statistisch bewegt sich die sozioökonomische Ungleichverteilung in Ghana laut dem World Fact Book mit einem Gini-Koeffizienten  von rund 40 im globalen Mittelfeld. Die Gesellschaft ist somit egalitärer als etwa in Südafrika oder den USA. Im Alltag zeigen die GhanaerInnen – unabhängig von der Schichtzugehörigkeit – eine ausgeprägte nationale Identität mit gegenseitiger Toleranz der verschiedenen Ethnien und Religionen.

Zugleich ist die Gesellschaft aber deutlich nach sozialen Schichten stratifiziert. Die Oberschicht, darunter Geschäftsleute, hohe Beamte und einige höhere traditionelle Chiefs, residiert in ausladenden Villen in den rasant zunehmenden »gated communities«. Ihre Kinder studieren in den USA oder Großbritannien. Die Mittelschicht lebt in Häusern am günstigeren Stadtrand. Die Unterschicht ist in sich noch einmal deutlich stratifiziert: Von Menschen, die als selbstständige Bäuerinnen und Bauern, Handwerker, Kioskbesitzer oder als angestellte FriseurInnen und Torwächter ein bescheidenes Leben knapp über dem Existenzminimum führen, bis zu den unzähligen StraßenverkäuferInnen in maroden Behausungen. Ihre Kinder besuchen weitgehend kostenfreie öffentliche Schulen – wo sie aber kaum das Einmaleins erlernen. Am untersten Ende der Skala stehen die Schrottsammler, Träger, Prostituierten und TagelöhnerInnen, einige von ihnen MigrantInnen aus Togo und der Elfenbeinküste, die der Willkür ihrer jeweiligen Herrschaften ausgeliefert sind.

Angesichts dieser Bedingungen sind dem Lohndumping kaum Grenzen gesetzt. Die Regierung hat 2012 die untere Lohngrenze auf umgerechnet 2,30 Euro pro Tag festgesetzt. Sie wird jedoch häufig unterschritten. So warb die internationale Firma Sunset Beach Resort im »Ghana Business & Finance« unverblümt mit der Schlagzeile »Investieren Sie in einen Badeort – mit Tageslöhnen von nur einem Dollar« um InvestorInnen.

Die Arbeitslosigkeit in der rasch wachsenden jungen Bevölkerung ist hoch und der weitaus größte Teil der arbeitsfähigen Bevölkerung ist im informellen Sektor beschäftigt. Entsprechend ist nur ein Bruchteil durch das holprig – aber immerhin – im Aufbau befindliche staatliche Rentensystem SSNIT versichert. Die Mehrheit muss sich auf sich selbst und die Familie verlassen – die auch in Ghana nicht perfekt funktioniert. Krankheit führt schnell zu Beschäftigungs- und Einkommensverlust. Übliche Mietvorauszahlungen von einem Jahr führen zu Verschuldung mit hohen Zinsen. Alleinerziehende Mütter warten vergeblich auf Alimente der Väter. Die prekären Verhältnisse stellen sich in vielen Schattierungen dar.

 

Übertriebene Erwartungen

Nachdem der Status »Lower Middle Income Country« statistisch erreicht ist, strebt die Regierung in der kommenden Dekade den Status eines »Full Middle Income Country« an. Damit einher geht das explizite Ziel, die derzeit absolut noch beachtliche Entwicklungshilfe zu reduzieren. Dank zunehmender Eigeneinnahmen durch Exporte und Steuern sank deren relativer Anteil am Gesamthaushalt in den letzten Jahren auf unter fünf Prozent. Kommerzielle Kredite und zinsgünstige Darlehen gewinnen im Vergleich zu Zuschüssen an Bedeutung.

Zudem erweitert Ghana seine bereits guten Beziehungen zu den »neuen« globalen Mächten, allen voran China, das Kredite in Milliardenhöhe bereithält, aber auch zu Südkorea, Indien, Brasilien oder der Türkei, mit denen rege Handelsbeziehungen bestehen. Das Verhältnis zu Deutschland ist ebenfalls aktiv. Regelmäßig finden gegenseitige Besuche auf hoher politischer Ebene statt, jährlich werden Handelsmessen in Accra abgehalten und das Niveau an Entwicklungszusammenarbeit ist mit über 50 Millionen Euro pro Jahr an zinsvergünstigten Darlehen und Zuschüssen hoch.

Ghanas Wachstumsprognosen sind insgesamt positiv, die Armutsraten sinken. Aber die Hochglanzstatistiken führen im Inland und Ausland zu übertriebenen, kontraproduktiven Erwartungen. Ghana ist, wie der Entwicklungsökonom Robert Kappel dies für eine Reihe afrikanischer Länder beobachtete, »weder hoffnungsloser Fall noch Aufstiegswunder«. Strukturell bleiben eine Reihe von Unwägbarkeiten und Herausforderungen. Der Weg zum »Full Middle Income Country« ist kein Selbstläufer, ebenso wenig eine breite Armutsreduzierung. Ein differenzierter, armutsorientierter Ansatz wird erforderlich sein, um prioritär die Armut und unsicheren Lebensverhältnisse zu reduzieren.

 

Literatur

African Development Bank Group (2011): The Middle of the Pyramid: Dynamics of the Middle Class in Africa. AfDB Market Brief, www.afdb.org

Robert Kappel (2013): Afrika: weder hoffnungsloser Fall noch Aufstiegswunder. Giga-Fokus Nr.9. www.giga-hamburg.de/giga-focus

Carola Lentz/ Godwin Kornes (2011): Staatsinszenierung, Erinnerungsmarathon und Volksfest: Afrika feiert 50 Jahre Unabhängigkeit. Frankfurt

Henning Melber (2013): Nicht Neues aus Afrika. Der Zusammenhang von Rohstoffreichtum und Armut. In: iz3w 336, S. D12-D13

Todd Moss/ Stephanie Majerowicz (2012): No longer Poor: Ghana’s New Income Status and Implications of Graduation from IDA. Center for Global Development. ww.cgdev.org

Ministry of Finance and Economic Development: www.mofep.gov.gh

World Bank (2011): Republic of Ghana. Tackling Poverty in Northern Ghana

 

Maria Tekülve ist Mitarbeiterin des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Sie lebte in Sambia, Südafrika und zuletzt in Ghana. Der Artikel gibt ihre persönliche Meinung wieder.

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