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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 342 | Protestbewegung in der Türkei Stuart Hall: Populismus, Hegemonie, Globalisierung

Stuart Hall: Populismus, Hegemonie, Globalisierung

Ausgewählte Schriften 5. Argument, Hamburg 2014. 264 Seiten, 19 Euro.

Kein Theorie-Guru

Der soeben erschienene Band Populismus, Hegemonie, Globalisierung mit Schriften von Stuart Hall versammelt zahlreiche Texte des Autors, die sich vor allem mit der Verschiebung der Hegemonieverhältnisse in Großbritannien beschäftigen (siehe dazu den Nachruf auf S. 44). Neben zwei langen Texten zur Geschichte des britischen Staates, die hier erstmals auf Deutsch vorliegen, sind dies größtenteils theoretisch-strategische Interventionen zum Thatcherismus und dessen sozialdemokratischen Erben in Gestalt von New Labour. Der nun publizierte fünfte Band schließt die Hall-Ausgabe ab, deren erster Band unter dem Titel »Ausgewählte Schriften. Ideologie, Kultur, Medien, Neue Rechte, Rassismus« bereits 1989 erschienen ist.

Den Herausgebern ist für ihre mühsame Arbeit zu danken. Nachdenklich stimmt allerdings ihr unkritisches Verhältnis zu Hall. Das Vorwort lobt dessen »gramscianische Perspektive«, die sich durch sein ganzes Werk ziehe und von ungebrochener herrschaftskritischer Aktualität sei. Dies mag zwar für den Hegemoniebegriff einleuchten, mit dem Gramsci allgemein das Problem »der konsensuellen Wiederherstellung der politischen Führung« und der Anziehungskraft, die von einer sozialen Gruppe bzw. einem politischen Projekt ausgehen kann, fasst. Aber das Lob der Herausgeber täuscht darüber hinweg, dass Halls Anwendung von Gramscis Begriffen nicht unproblematisch ist.

Vor allem die Texte »Popular-demokratischer oder autoritärer Populismus« und »Die Bedeutung des autoritären Populismus für den Thatcherismus« nehmen diese Begriffe als Kategorien toutes faites und unterstellen deren unmittelbare Anwendbarkeit und Erklärungskraft. Dabei hätte die analytische Kraft von ,Transformismus’, ,organischer Krise’, ,Cäsarismus’ etc. im zeitgenössischen britischen Kontext zumindest weiterer Ausführungen bedurft. Hier findet sich die gerade in Publikationen des Argument-Verlags weit verbreitete Tendenz, Gramsci zu unkritisch zu rezipieren und sein forschungspraktisches Potenzial zu überschätzen.

Der Band schließt mit Texten zur global-multikulturellen Stadt, zur neoliberalen Globalisierung und zur Finanzkrise seit 2008 ab. Diese Analysen bieten nicht nur wenig Neues, sondern bleiben auch Halls gewohnten Positionen zur Bedeutung von Kultur und Ideologie treu. Sie hätten angesichts der aktuellen Konfigurationen durchaus materialreicher belegt werden können – und vielleicht nicht unbedingt übersetzt werden müssen. So drängt sich die Befürchtung auf, dass der vorliegende Band dazu beitragen könnte, Hall den Status eines Theorie-Gurus zu verpassen. Dieser ist bereits Gramsci nicht gut bekommen und es gibt keinen Grund anzunehmen, dass es mit Hall anders käme. Das aber wäre verheerend.

Kolja Lindner

342 | Protestbewegung in der Türkei
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