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Peter Alexander, Thapelo Lekgowa, Botsang Mmope, Luke Sindwell, Bongani Xezwi: Das Massaker von Marikana

Widerstand und Unterdrückung von Arbeiter_innen in Südafrika. mandelbaum kritik & utopie, Wien 2013. 258 Seiten, 19,90 Euro.

Massaker in Marikana

 

Als zigtausende SüdafrikanerInnen bei den Trauerfeierlichkeiten für Nelson Mandela nicht in erster Linie wehklagten, sondern teils ausgelassen sein großes und wegweisendes Leben feierten, war dies nachvollziehbar. Denn Anlass zur Traurigkeit bot eher der Blick auf die gesellschaftliche und politische Wirklichkeit Südafrikas nahezu zwei Jahrzehnte nach dem Erreichen der Mehrheitsherrschaft. Sinnbildlich hierfür standen die Buh-Rufe, denen sich Präsident Jacob Zuma bei den Trauerfeierlichkeiten ausgesetzt sah. Es fällt schwer, diese nachdrücklichen Missfallensbekundungen nicht als Ausdruck einer massiven Vertrauenskrise zwischen der ANC-Regierung und ihren WählerInnen, aber auch einer Gesellschaftskrise zu verstehen.

 

Wohl kaum etwas steht so sehr für diese Krise der südafrikanischen Gesellschaft wie das Massaker von Marikana, das im August 2012 die Weltöffentlichkeit aufschreckte. Die schwierige und kontroverse Aufarbeitung des Geschehens zieht schon angesichts der Langwierigkeit dieses Prozesses wenig mediale Aufmerksamkeit auf sich. Umso wichtiger bleibt die kritische Begleitung durch diejenigen, die sich mit Südafrikas Befreiungskampf solidarisierten und denen diese Perspektive nach wie vor am Herzen liegt.

 

Die ganze Bedeutung des Massakers von Marikana entfaltet nun eine gleichnamige Publikation, die kurz vor dem Tod Mandelas erschienen ist. Es handelt sich um die deutschsprachige Ausgabe von „Marikana: A View from the Mountain and a Case to Answer“ (2012), ergänzt durch weitere Beiträge von Peter Alexander, die helfen, das Buch für ein deutschsprachiges Publikum leichter zugänglich zu machen. Das Buch ist Ergebnis einer bewundernswerten und mit diesem Ansatz leider viel zu seltenen Forschungsarbeit. Die Forschergruppe, die neben WissenschaftlerInnen von der Universität Johannesburg auch einen  „traditionellen Heiler“ und einen „unabhängigen Feldforscher“ umfasste, war frühzeitig am Ort des Geschehens anwesend und blieb dort auch, als sich die Medien aus der Gefahrenzone zurückzogen.

 

Die Interviews der Gruppe mit Streikenden bilden das Herzstück des Buches. Die Berichte umfassen nicht nur detaillierte und weitgehend übereinstimmende Darstellungen der Abläufe während des inoffiziellen Streiks der Bergleute im Platinbergwerk des Lonmin-Konzerns nordwestlich von Pretoria in der Nordwest-Provinz, die in dem Massaker vom 16. August gipfelten. Sie geben auch Einblicke in den Alltag im Bergwerk und in den Wohnsiedlungen. Einige Interviewte berichten, wie sie ins Bergwerk gelangt sind, und gerade hierbei wird deutlich, wie wenig das medial kommunizierte Klischee von ‚gewalttätigen, aber unbedarften Hinterwäldlern’ zutrifft. Die Arbeitsbedingungen werden durchweg als unmenschlich gekennzeichnet, sowohl was die Schwere der Arbeit gerade unter Tage angeht, als auch die Lohnhöhe und das Lohnsystem, das Arbeitstage von bis zu 16 Stunden erzwingt. Hinzu kommt die mangelhafte Vertretung der Arbeitenden durch die etablierte Gewerkschaft NUM (National Union of Mineworkers).

 

Wie die Interviews zeigen, verständigten sich die Belegschaften in den Wochen und Monaten vor der Zuspitzung des Konfliktes auf die Forderung nach einem Lohn von 10.500 Rand im Monat. Es handelte sich also keineswegs um eine willkürliche Forderung, sondern um das Ergebnis langfristiger Diskussionsprozesse. Sie erfolgten freilich an den NUM-Vertretern vorbei, die offenkundig wenig Interesse zeigten, die Verhältnisse in der Mine zu verbessern oder für eine effektive Vertretung der Belegschaft zu sorgen. Wie Peter Alexander in seinem ergänzenden Text deutlich macht, hat die Verkoppelung der NUM mit den bestehenden Machtstrukturen zu einem massiven Vertrauensverlust geführt. War die NUM in den 1980er Jahren eine der entscheidenden Organisationen für den Widerstand gegen das Apartheidregime und geradezu der Anker des Dachverbandes COSATU, so haben die knapp zwei Jahrzehnte als Teil der regierenden Triple Alliance – neben ANC und Kommunistischer Partei – dieses Profil gründlich verändert.

 

Als grausames Symbol dafür steht die in den Interviews immer wieder berichtete Szene vom 11. August 2012, als die Streikenden zum Gewerkschaftsbüro ziehen, um zu bitten, die NUM möge sie gegenüber dem Unternehmen vertreten, nachdem dieses direkte Verhandlungen verweigert hatte. Die Menge wurde von den Gewerkschaftsfunktionären mit Gewehrschüssen empfangen und floh. Als den Arbeitern der Zutritt zu dem Stadion, das sie zuvor als Versammlungsort genutzt hatten, von Sicherheitskräften verweigert wurde, zogen sie sich auf den Wonderkop Kopje zurück, der als „Berg“ eine zentrale Rolle bei den folgenden Ereignissen spielen sollte. Die Stimmung wurde aufgeheizt durch die Nachricht, zwei der Streikenden seien erschossen worden. Auch wenn die beiden zunächst für tot Gehaltenen am Ende „nur“ schwere Verletzungen davon trugen, hat dieser Vorfall die Stimmung der Streikenden nachhaltig geprägt.

 

In den folgenden Tagen spielte sich nach Aussage der Interviewten eine Art absurdes Theater mit tödlichem Ausgang ab: Wiederholte und letztlich vergebliche Versuche der Streikenden, endlich Gehör für ihre Anliegen zu finden; Gewerkschaftsführer, die nur bereit waren, über Megaphon zu kommunizieren, während sie unsichtbar in einem gepanzerten Polizeiwagen saßen; Polizisten, die wiederholt mit dem Ansinnen auftraten, „Beziehungen“ zu den Streikenden aufzubauen, ohne im Mindesten zu sagen, worin diese „Beziehungen“ bestehen und wen genau sie verbinden sollten.

 

Während dieser Zeit blieben die Streikenden in der Art einer Dauerversammlung auf dem Wonderkop. Sie organisierten ihr Alltagsleben und stärkten ihre Solidarität etwa durch gemeinsames Kochen und Singen. Es entsteht das Bild einer Militanz, die entgegen landläufiger Konnotationen keineswegs in erster Linie gewalttätig, wohl aber entschlossen und geschlossen auftritt. Demgegenüber lautete ein durch Minengesellschaft und Behörden erhobener Vorwurf, die Streikenden von Marikana hätten „traditionelle Waffen“, insbesondere die im Südlichen Afrika als „knobkerries“ bezeichneten Stöcke sowie Pangas (Macheten) dabei gehabt. Dem halten die Interviewten zum einen entgegen, dass knobkerries im Alltag als Stock, aber auch zur Abwehr von Schlangen benutzt werden, und dass in den entscheidenden Situationen die Streikenden diese „Waffen“ überhaupt erst geholt hätten, als sie sich bedroht fühlten. Die Asymmetrie gegenüber Feuerwaffen, insbesondere automatischen Schusswaffen, wie sie am 16. August eingesetzt wurden, ist offensichtlich.

 

Die Interviews mit Augenzeugen und Betroffenen des Massakers belegen nachdrücklich: Die offizielle Version, es handele sich um „tragische“, im Wesentlichen durch das Verhalten der Opfer zustande gekommene Vorgänge, ist unhaltbar. Allein schon diese Feststellung muss zutiefst verstören. Staatliche Routinen, von der Taktik von Polizei und Militär bis hin zur Verschleierung und zum Hinunterspielen des Geschehens, erinnern allzu sehr an jene Erfahrungen, von denen wohl die meisten gehofft hatten, Südafrika habe sie nach 1994 endgültig hinter sich gelassen. Mandela als erster Präsident unter der Mehrheitsherrschaft erschien eben dafür als personifizierte Garantie.

 

Das analytische Schlusskapitel von Peter Alexander zeigt weitere Gründe auf, die Anlass zur Verstörung sein müssen. Nicht nur werden die frappierenden Kontinuitäten deutlich, die zwischen dem Arbeitsrecht unter der Apartheid und den daraus resultierenden betrieblichen Macht- und Vertretungsstrukturen bestehen und die zweifellos zum Legitimitätsverlust der Gewerkschaften wie der NUM beigetragen haben. Die Gewerkschaft identifiziert Alexander denn auch neben Polizei und Regierung sowie Lonmin als eine der Schuldigen, hauptsächlich aufgrund ihrer Verstrickung in ein Dreieck der Gewalt, das sie alle verbindet.

 

Darüber hinaus legt Alexander eine detaillierte Analyse von Dokumenten vor, die es als zumindest sehr wahrscheinlich erscheinen lassen, dass höchste Regierungsstellen bei der Planung des Massakers, die strategische Entscheidungen einschloss, beteiligt waren. Eine zentrale Rolle spielte dieser Analyse zufolge Cyril Ramaphosa. Der ehemalige Vorsitzende der NUM und spätere Verhandlungsführer des ANC im Rahmen des Übergangsprozesses, der inzwischen ebenso erfolgreicher wie einflussreicher Geschäftsmann und Teilhaber bei Lonmin ist, war offenkundig intensiv in die entsprechenden Kommunikationsprozesse eingebunden. Alexander verweist zugleich auf die Arrangements mit der Chamber of Mines, mit der sich die NUM Ende der 1980er Jahre die Anerkennung als Verhandlungspartnerin erkaufte und wodurch die nunmehr bestehenden industriellen Beziehungen begründet wurden. Ramaphosa, inzwischen Vizepräsident des ANC und damit auch für die gleiche Position im Staat designiert, leitete die Trauerfeierlichkeiten im Stadion von Soweto.

 

Das von Alexander im September 2013 verfasste aktuelle Nachwort zeigt die Verzögerungstaktik der von der Regierung eingesetzten Farlam-Kommission bei der Aufklärung des Massakers auf. Alexander verweist aber zugleich auf den Erfolg der Streikenden in Marikana bei der Durchsetzung ihrer Forderungen und auf den anschließenden Aufschwung der Streikbewegung im ganzen Land. Dies bestärkt zwei Annahmen: ArbeiterInnen in Südafrika suchen sich nicht nur andere Gewerkschaften (was etwa im Mitgliederzuwachs der AMCU zum Ausdruck kommt). Sondern sie nehmen wie in Marikana auch mehr als je zuvor ihr Schicksal in die eigenen Hände.

 

Reinhart Kößler

342 | Protestbewegung in der Türkei
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