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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 342 | Protestbewegung in der Türkei Pankaj Mishra: Aus den Ruinen des Empires

Pankaj Mishra: Aus den Ruinen des Empires

Die Revolte gegen den Westen und der Wiederaufstieg Asiens. S. Fischer, Frankfurt am Main. 448 Seiten, 26,99 Euro.

Asiens Entzauberung des Westens

»Die heutige Welt nahm erstmals Gestalt an während zweier Tage im Mai 1905, und zwar in den engen Gewässern der Koreastraße.« Die Seeschlacht bei Tsushima, bei der Japan seinem Gegner Russland im Kampf um die Vorherrschaft in Korea und der Mandschurei eine vernichtende Niederlage zufügte, ist im westlichen Geschichtsbewusstsein nicht als bedeutendes Ereignis präsent. Die offensichtliche Widerlegung europäischer Unbesiegbarkeit löste im vom Imperialismus unterworfenen Asien jedoch enormen Wiederhall und große Hoffnungen aus.

Für den indischen Schriftsteller und Historiker Pankaj Mishra bildet die Schlacht von Tsushima den Anfang vom Ende der westlichen Hegemonie und den Ausgangspunkt seiner multiperspektivischen Schilderung der Geschichte der modernen Welt. In seinem Buch Aus den Ruinen des Empires. Die Revolte gegen den Westen und der Wiederaufstieg Asiens zeichnet er die von der Erfahrung mit Kolonialgewalt geprägten Lebens- und Ideengeschichten dreier bedeutender und weit gereister Intelektueller Asiens nach. Dabei ordnet der Autor auch Teile der arabischen Welt Asien als geopolitischer Einheit zu.

Mit dem persischen islamischen Theoretiker Jamal al-Din al-Afghani (1838 –1897), dem chinesischen Gelehrten und Reformer Liang Qichao (1873 –1929) sowie dem bengalischen Universalgelehrten und ersten asiatischen Literatur-Nobelpreisträger Rabindranath Tagore (1861 – 1941) hat der Autor Figuren ausgewählt, deren Werk »zu bedeutsamen Triebkräften des Wandels« in der Region wurde. Für »das Erwachen Asiens und dessen Auferstehung aus den Ruinen asiatischer wie auch europäischer Reiche« waren sie von großer Bedeutung. Ihre Ideen beeinflussten folgende Generationen nachhaltig und lassen sich noch in aktuellen Wandlungsprozessen nachverfolgen. Umso erschreckender war es für Mishra selbst, im Vorfeld seine eigene Unwissenheit über zentrale Ereignisse der asiatischen Geschichte erkennen zu müssen.

Die Form seines Buches – »teils historischer Essay, teils intellektuelle Biographie« – beruht auf der Überzeugung des Autors, dass »die geschichtlichen Linien im Leben einzelner Personen zusammenfließen.« Detailreich illustriert der Autor die Versuche der Unterworfenen, sich durch Retraditionalisierungs- oder Modernisierungsbemühungen gegen westliche Übergriffe zu verteidigen. Aus den Anstrengungen um eine eigenständige soziale und politische ‚Leitkultur’ sind etwa neue Strömungen des Islam oder Nationalstaaten hervorgegangen.

Dem eurozentrischen Weltbild, das mit der imperialen Machtausdehnung der europäischen Länder und den USA erst entstand, setzt der Autor jedoch kein einseitiges asiatisches Pendant entgegen. Indem er die Erfahrungen eines großen Teils der Weltbevölkerung und deren Bedeutung in der Weltgeschichte aufdeckt, macht er die gegenseitige globale Bedingtheit geschichtlicher Entwicklungen und die Unbeständigkeit von Machtpositionen deutlich. Dieser Tatsache mussten sich das vor Selbstbewusstsein strotzende Osmanische Reich und das chinesische »Reich der Mitte« nur allzu schmerzhaft bewusst werden, und sie gilt ebenso für heutige Mächte.

Mishra zeigt, dass die Kritik am westlichen Imperialismus in Asien bereits seit über einem Jahrhundert andauert und immer präsenter wird. Damit eröffnet er nicht nur Möglichkeiten zum Verständnis der gemeinsamen Vergangenheit, sondern auch der Gegenwart und Zukunft Asiens. »Die vielbeschworene Verlagerung der wirtschaftlichen Macht vom Westen in den Osten« mag laut Mishra »eintreten oder nicht«. Unbestreitbar bleibt eines: »Der Westen ist längst entzaubert«, so der Soziologe Detlev Claussen in seinem Nachwort.

Joana Hofstetter

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