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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 342 | Protestbewegung in der Türkei Peer Zickgraf: Völkerschau und Totentanz

Peer Zickgraf: Völkerschau und Totentanz

Deutsches (Körper-)Weltentheater zwischen 1905 und heute. Jonas Verlag, Marburg 2012. 160 Seiten, 20 Euro.

Deutsche Totenreiche

»Erst treffen wir Dracula, dann Frankenstein«. Mit diesem Satz stimmt uns Peer Zickgraf auf eine Reise in die deutsche Unterwelt ein, in der es von Untoten, Zombies und Gespenstern nur so wimmelt. Es ist eine unheimliche Welt, die oft vergnügt daher kommt – mit Zoobesuchen der ganzen Familie, nicht nur um den von Rilke in einem Gedicht beschriebenen schwarzen Panther hinter Gittern zu bewundern, sondern auch ‚wilde Menschen’ in ihrem exotischen Sein.

Zickgraf analysiert in seinem Buch Völkerschau und Totentanz. Deutsches (Körper-)Weltentheater zwischen 1905 und heute die objektivierende Zurschaustellung des menschlichen Körpers in seinen verschiedensten Formen und ihre Zusammenhänge: Die beliebten ‚Völkerschauen’ von Carl Hagenbeck im 19. Jahrhundert gingen einher mit Kolonialismus und Rassismus; der ‚schwarze Mann’ lehrte Kinder das Fürchten und bestätigte den weißen gottgleichen ‚Herrenmenschen‘.

Der erste Völkermord des 20. Jahrhunderts war die fast völlige Auslöschung der Herero in Deutsch-Südwestafrika. Von den schätzungsweise 85.000 getöteten Menschen wurden mindestens 3.000 Schädel in deutsche Museen und Universitäten verbracht. Dort wurden an ihnen die so genannten ‚Rassenunterschiede’ studiert und der Allgemeinheit demonstriert, noch bevor die Nationalsozialisten dies in ihren Humanlaboren radikalisierten.

Die von Zickgraf recherchierten historischen Fakten und das ungewöhnliche Fotomaterial lassen vor den Augen der LeserInnen eine unheimliche Welt entstehen, die oft so vertraut erscheint, weil sie aus Kinder- und Abenteuerbüchern bekannte Bilder des ‚Wilden’ und ‚Fremden’ aufscheinen lässt. Auf Postkarten des Hagenbeckschen Tier- und Menschenparks entdecken wir Elefanten mit ihren indischen Pflegern und ‚niedliche’ Pygmäen in den Armen eines tropenbehelmten Weißen. Massai auf Knien blicken hoch zum weißen Missionar, und eine mit Arm- und Halsreifen geschmückte Afrikanerin ziert das Titelbild der deutschen kolonialen Bilderzeitung »Kolonie und Heimat«. Diese schöne fremde Welt verdeckt die unheimlichen Welten des Rassismus, des Völkermordes und der grausamen medizinischen Experimente.

Und heute? Zickgraf verweist auf die Ausstellung »Körperwelten«, die seit Jahren mit großem Erfolg durch Deutschland tourt. Die Plastinate der Körper von verstorbenen Menschen sollen – so ihr Schöpfer Dr. Gunther von Hagen – Eltern und Kindern ein authentisches Studium des menschlichen Körpers ermöglichen. Nebenher verkaufen sie sich auch gut als Kulisse von Modenschauen. Waren nicht bereits die Völkerschauen eine Einübung ins entmenschlichte Schauen – gegen Zahlung von Barem?

Farah Lenser

342 | Protestbewegung in der Türkei
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