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Chimamanda Ngozi Adichie: Americanah

S.Fischer, Frankfurt am Main 2014. 608 Seiten, 24,99 Euro.

Wo ist das gute Leben?

In »Americanah« schreibt Chimamanda Ngozi Adichie über MigrantInnen und ihre Träume

Ifemelu hat Heimweh nach Nigeria. Bereits seit 13 Jahren lebt sie in den USA, doch sie beschließt, nach Lagos zurückzukehren. Dort wuchs sie auf, dort ist sie nicht »schwarz«, weil ihre Hautfarbe keine Rolle spielt, und dort lebt – das gesteht sie sich selbst kaum ein – Obinze, den sie seit der Schule kennt und mit dem sie einmal zusammen war. Doch das war, bevor sie in die USA ging und sich damit den Traum erfüllte, den so viele NigerianerInnen teilen.

Während sie sich auf ihre Rückkehr vorbereitet, lässt sie ihre Gedanken schweifen. Nach Nigeria, in ihre Kindheit, zu ihren Eltern und Obinze. Viel ist passiert, seit sie in das Land der Träume kam und sich herausstellte, dass es keines ist, und seit sie daran scheiterte, Arbeit zu finden und den Kontakt zu Obinze abbrach. Zugegeben, es ging ihr nicht nur schlecht in Amerika. Sie studierte, hatte feste Beziehungen, schrieb einen erfolgreichen Blog über Rassismus im Alltag und verdiente genug Geld, um ein gutes Leben zu führen. Ein Leben, das sie gerne führte. Aber das doch nicht ihres war.

Ifemelu lernt viel dazu in den USA. Unter anderem, was Rassismus ist und vor allem, dass er in den USA ein aktuelles Problem ist. Sie erfährt, dass Menschen nur allzu gern einfache Meinungen akzeptieren, weil Nachdenken schwieriger ist und vielleicht dazu führt, dass man Denk- und Verhaltensweisen ändern muss. Das bringt sie dazu, den Blog zu schreiben, um die Menschen aufzurütteln. Allzu vielen Menschen begegnet sie, die meinen, Rassismus existiere nicht mehr, Hautfarbe sei irrelevant. Ihnen will sie einen Spiegel vorhalten. Und ihrer wird sie müde.

Es gibt viele, die Nigeria verlassen möchten, um Chancen auf eine Karriere und ein besseres Leben zu haben. So kommt der größte Anteil afrikanischer Eingewanderter in den USA aus Nigeria. Auch Obinze erfährt in Nigeria Probleme, die dort viele Studierende erleben: Aufgrund massiver infrastruktureller Unterversorgung durch staatliches Fehlverhalten streiken die Lehrenden seiner Universität mehrere Monate lang. Eine gute Bildung und Karrieremöglichkeiten scheinen zunehmend unmöglich, deshalb will auch er migrieren. Doch er erhält kein Visum für die USA, wählt England und scheitert auch dort, als er als Illegaler abgeschoben wird. Zurück in Nigeria bekommt er durch Klientelismus eine Chance und fasst Fuß im boomenden Immobiliengeschäft, das den wirtschaftlichen Aufschwung Nigerias widerspiegelt. So wird er beruflich erfolgreich – und heiratet. Aber auch er hat Ifemelu nie vergessen. Der Konflikt ist also vorprogrammiert.

Chimamanda Ngozi Adichies Roman Americanah ist voller kleiner Geschichten und genauer Beobachtungen menschlicher Eigenarten, die Adichie treffend karikiert. Man fragt sich, wie viele der Situationen die Autorin, die mit 19 Jahren in die USA ging, um dort zu studieren, selbst erfahren hat. Da sind zum Beispiel Oberflächlichkeiten, die in den USA an Ifemelu herangetragen werden, etwa »Glätte dir die Haare vor einem Bewerbungsgespräch, sonst wirst du nicht eingestellt«. Die Eingewanderten versuchen krampfhaft, sich anzupassen, ihren Akzent abzulegen, sich konform zu kleiden. Oder die Arroganz der Zurückgekehrten in Lagos, die sich als etwas Besseres sehen und sich permanent über die Verhältnisse in der Stadt und im ganzen Land beschweren: »In dieser Stadt gibt es keinen Smoothie! Was dieses Land braucht, ist eine aktive Zivilgesellschaft.«

Adichies dritter Roman, der bei seiner Veröffentlichung von der Presse sehr gelobt wurde, entspricht der Botschaft ihrer im Internet verbreiteten Vorträge, die sie im Rahmen von Konferenzen der Organisation TED hielt: »Americanah« ist ein Plädoyer dafür, nicht kurzsichtig zu sein und nicht nur einer einzigen Geschichte über Menschen, Länder oder Begebenheiten zu glauben. Denn diese kann der Realität nie gerecht werden und führt zwangsläufig dazu, dass man sich ein einseitiges Bild macht. Ifemelu und Obinze treffen viele Menschen, die nur eine einzige Geschichte über ‚Afrika‘ kennen. Über jenes Afrika, das von Katastrophen heimgesucht und von armen Menschen übervölkert ist.

Die LeserInnen, die die Geschichten der Protagonistin und des Protagonisten kennen lernen, verstehen, wie oberflächlich diese Meinungen sind und wie wenig sie Individuen gerecht werden können. So regt der Roman dazu an, nachzufragen und zu erfahren, welche Geschichte hinter jeder Person steckt, welche Herkunft und welche Ziele, welche Träume jede Person hat und vor allem, welche Gründe sie hatte, ihr Land zu verlassen. All dies vermittelt Adichie auf gut 600 Seiten aus wechselnden Erzählperspektiven und Rückblenden. Der Roman ist dank des humorvollen Erzählstils sehr kurzweilig. Nur die Schilderungen kurz vor Ifemelus Rückkehr während des Wahlkampfs vor Obamas erster Amtszeit verlieren etwas an Fahrt. Man wartet – ebenso wie die von Heimweh gepackte Protagonistin – förmlich darauf, dass sie diesen Lebensabschnitt beendet und endlich wieder nach Lagos zurückkehrt.

Der Autorin gelingt es, die aktuellen Thematiken Rassismus und Migration in eine persönliche Geschichte zu verpacken. Sie schildert diese aus der individuellen Perspektive der Romanfiguren und spricht auch politische Probleme wie Korruption oder Vernachlässigung des Bildungssektors an. Sie schafft ein anschauliches Gesellschaftsbild sowohl der US-amerikanischen als auch der nigerianischen Gesellschaft und thematisiert Erfahrungen von MigrantInnen aus Afrika. Adichie konterkariert mit ihrem Roman die vor allem durch Gewaltereignisse geprägte Medienberichterstattung über Nigeria, indem sie ein Bild zeichnet, das von alltäglichen Belangen ganz ‚normaler‘ Menschen zeugt, die ein gutes und selbstbestimmtes Leben führen wollen.

Katharina Forster

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