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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 343 | Fotografie und Macht Linda Ebbers: Darstellende Kunst und zivile Konfliktbearbeitung

Linda Ebbers: Darstellende Kunst und zivile Konfliktbearbeitung

Das Theater der Unterdrückten als kreative Methode der Konflikttransformation. Ibidem, Stuttgart 2014. 134 Seiten, 19,90 Euro.

Proben für die Revolution

Dialogisch, partizipativ, politisch! So versteht sich das Theater der Unterdrückten (TdU), das von Augusto Boal als Antwort auf die Repression während der brasilianischen Militärdiktatur (1969-85) entwickelt wurde. Als Teil des politischen Widerstands und der sozialen Basisbewegung möchte das TdU ungleiche Machtverhältnisse verändern und stellt sich dabei radikal auf die Seite derjenigen, die von Unterdrückung betroffenen sind. Ein wichtiges Zentrum für das TdU ist das Centro do Teatro do Oprimido (CTO) in Rio de Janeiro, das Boal 1989 mit einer Gruppe von Aktiven gründete. Noch heute ist das CTO ein Ort, an dem Theater als »Probe für die Revolution oder Transformation« (Boal) gemacht wird.

In ihrer empirischen Studie Darstellende Kunst und zivile Konfliktbearbeitung untersucht Linda Ebbers die konflikttransformative Wirksamkeit und das friedensfördernde Potential des TdU. Sie bezieht sich dabei auf die theoretischen Konzepte der Friedensforscher John Paul Lederach und Johan Galtung und stellt die Methode des Forumtheaters in den Mittelpunkt ihrer Analyse. Im Forumtheater funktioniert der ästhetische Raum wie ein Spiegel, in dem sich die Zu-Schauspieler – eine Wortschöpfung aus den Begriffen Zuschauer und Schauspieler – von außen sehen, aber auch hineintreten können, um das Spiegelbild zu verändern. Der Dialog zwischen Bühne und Zuschauerraum löst die Grenze zwischen diesen auf. Er soll Unterdrückung aufdecken und zu sozialem Wandel beitragen.

Linda Ebbers bietet eine sehr anschauliche Einführung in das TdU und dessen Auseinandersetzung mit Konflikten. Dabei lässt sie Akteure des CTO in Rio selbst zu Wort kommen und beschreibt die Theaterarbeit der »Marias do Brasil«, einer Gruppe brasilianischer Hausangestellter. Die Schlussfolgerung der Studie ist eindeutig: Wenn auch bislang wenig beachtet, so sind die Methoden des TdU doch eine große Chance für die zivile Konfliktbearbeitung.

Ausgangspunkt für die Arbeit an Konflikten ist sowohl für Lederach als auch für Boal der kreative schöpferische Mensch, von dem gesellschaftliche Veränderung ausgehen muss. Durch Transformationen auf intra- und interpersoneller Ebene wird politischer Wandel möglich. Den dialogischen und beziehungsfördernden Ansatz des TdU sieht Ebbers als Beitrag zur Vergangenheitsbearbeitung, der Versöhnungspotential birgt und kollektive Zukunftsvisionen ermöglicht. Parallelen zum Galtungschen Transformationsmodell identifiziert die Autorin vor allem in der Bewusstmachung als grundlegendem Prozess der Konflikttransformation. Im interaktiven und anti-autoritäten Raum des Theaters könnten Unterdrückungsmechanismen aufgedeckt und dadurch neue Handlungsspielräume für die Betroffenen generiert werden.

Die Studie ist ein inspirierendes Plädoyer für das Potential von Kreativität und Theater in der zivilen Konfliktbearbeitung. Wenn auch kein Methodenhandbuch für die Theater- oder Friedensarbeit, so trägt es doch die Überzeugung des »entmystifizierten Theaters« weiter: Jeder Mensch kann Theater spielen (Boal 1989) und damit WegbereiterIn des Friedens werden, so Ebbers.

Lydia Koblofsky

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