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Hefteditorial

Oury Jalloh: Das war Mord!

Die folgende Geschichte ist ungeheuerlich und kaum zu glauben. Einige jüngst ans Tageslicht gekommene Indizien lassen mehr denn je befürchten, dass sie wahr ist.

Am Morgen des 7. Januar 2005 wird der stark betrunkene Oury Jalloh in Dessau festgenommen. Drei Frauen hatten sich von dem 36-jährigen Asylsuchenden aus Sierra Leone belästigt gefühlt. Auf dem Polizeirevier wird Jalloh, der heftig gegen seine Festnahme protestiert, in eine der Gewahrsamszellen im Keller gesteckt.

Der Dienststellenleiter ruft einen Arzt an. Es entspinnt sich folgender, auf Band aufgezeichneter Dialog: »Wir bräuchten dich mal.« Arzt: »Was haste denn?« Polizei: »Na, eine Blutabnahme.« Arzt: »Na, dann mach ich das.« Polizei: »Ja, pikste mal ’nen Schwarzafrikaner.« Arzt: »Ach du Scheiße.« Polizei: Lachen. Arzt: »Da finde ich immer keine Vene bei den Dunkelhäutigen.« Polizei: »Na, bring doch ’ne Spezialkanüle mit.« Arzt: »Mach ich.«

Die Blutprobe ergibt einen Wert von fast drei Promille. Bei einer Durchsuchung von Jalloh werden Münzen, ein Handy und Papiertaschentücher gefunden, jedoch kein Feuerzeug. Jalloh wird in Zelle fünf getragen und auf einen Betonsockel mit einer Sicherheitsmatratze gelegt. Sie hat einen schwer entflammbaren Kunstlederbezug. Die gesamte Zelle ist weiß gefliest. Jallohs Hände und Füße werden mit Handschellen an vier Metallgriffe gefesselt.

Was dann geschieht, ist noch nicht vor Gericht bewiesen. Aber aufgrund der vorliegenden Informationen aus Aussagen, Untersuchungen und Gutachten ist folgender Hergang sehr wahrscheinlich: Jalloh wird von bislang unbekannten Polizisten so schwer misshandelt, dass er einen Nasenbeinbruch und andere schwere knöcherne Verletzungen am Kopf aufweist. Er wird mit fünf Litern Brandbeschleuniger überschüttet und bei lebendigem Leibe angezündet. Jalloh muss unvorstellbare Schmerzen erleiden. In Lunge und Magen werden später Rußpartikel gefunden, außerdem so viel Adrenalin im Blut, wie es nur bei höchster Erregung in Todesangst auftritt. Jalloh stirbt laut Autopsie an einem »Hitzeschock«. Seine Leiche ist stark verkohlt.

Ab dem Moment, in dem Jalloh brennt, ist es die Strategie der Dessauer PolizistInnen, jegliche Hilfeleistung zu unterlassen und nach dem Tod die Tat zu vertuschen. Als der Brandmelder in der Zelle anschlägt, wird er ignoriert. Über die Gegensprechanlage zur Zelle sind die ganze Zeit laute Geräusche zu vernehmen; sie wird leise gedreht. Der zuständige Beamte sagt später, er habe nur einen »Wasserrohrbruch« gehört. Es dauert elf Minuten nach dem ersten Alarm, bis die Zellentür geöffnet wird. Da ist es für Löschversuche viel zu spät.

Drei Tage später taucht plötzlich ein Feuerzeug auf, mit dem Jalloh sich angeblich selbst angezündet haben soll. Die Staatsanwaltschaft lässt von der Leiche eine Röntgenuntersuchung machen, bei der die Kopfverletzungen angeblich nicht auffallen. Erst bei einer späteren MRT-Untersuchung, die von Jallohs Hinterbliebenen auf eigene Kosten beauftragt wird, werden die Verletzungen festgestellt. Überwachungskamera-Videos von der Tatzeit weisen keine Bildspur mehr auf. Ein von der Staatsanwaltschaft beauftragter Gutachter soll herausfinden, ob es sein könnte, dass Jalloh sich selbst angezündet hat. Der Gutachter kommt zu dem von ihm erwarteten Ergebnis. Später wird er sein Gutachten selbst relativieren: Ob Jalloh eventuell angezündet worden sei, habe er aufgrund der Vorgaben der Staatsanwaltschaft gar nicht herausfinden können.

Im ersten von zwei langen Prozessen werden der Dienstgruppenleiter und ein weiterer Polizist wegen Mangels an Beweisen freigesprochen. Der Richter beklagt, er habe nicht anders entscheiden können, trotz »offensichtlicher Falschaussagen« mehrerer Polizisten. Gegen den Korpsgeist der Dessauer Polizei und die irreführenden ‚Ermittlungen’ der Staatsanwaltschaft kommt er nicht an – oder er will es nicht. Erst nach Revision wird der Dienstgruppenleiter wegen »fahrlässiger Tötung« zu einer Geldstrafe von 10.800 Euro verurteilt, weil er nichts unternommen habe, um Jalloh zu retten.

Von Beginn an vermuten Angehörige und Freunde, dass Jalloh nicht durch Suizid ums Leben gekommen ist. Ihre Initiative »Break the Silence« versucht, die Wahrheit herauszufinden und die Täter verurteilen zu lassen. Bei mehreren Demonstrationen werden die AktivistInnen von der Dessauer Polizei geschlagen. Wegen Parolen wie »Oury Jalloh – das war Mord!« werden sie mit Verfahren überzogen. Trotz ihres beharrlichen Kampfes droht Gras über die Sache zu wachsen.

Im November 2013 veröffentlicht »Break the Silence« das Gutachten eines unabhängigen irischen Experten, das die AktivistInnen nach Spendensammlungen selbst in Auftrag gegeben haben. Nach Versuchen an Schweinekadavern, die menschlichen Körpern vergleichbar seien, kommt der Sachverständige zu dem Ergebnis, dass die enorme Schwere der Brandverletzungen nur durch den Einsatz von fünf Litern Brandbeschleuniger zu erklären ist. Die Schutzbehauptung, Jalloh habe sich selbst angezündet, ist widerlegt.

Die von den AktivistInnen daraufhin angerufene Generalbundesanwaltschaft in Karlsruhe weigert sich, ein Verfahren einzuleiten. Aus den bisherigen Erkenntnissen ergäben sich nicht genügend Anhaltspunkte für ein vorsätzliches Tötungsdelikt. Die Dessauer Staatsanwaltschaft kündigt im April 2014 an, die Ermittlungen wieder aufzunehmen. Es ist dieselbe Staatsanwaltschaft, die bislang jede Aufklärung verhindert hat.

Der Fall Oury Jalloh ist neben den NSU-Morden der größte Polizei- und Justizskandal, den es seit Jahrzehnten in Deutschland gibt. Viele Medien berichten zwar über ihn, doch statt die grausame Tötung Jallohs angemessen zu skandalisieren, sprechen sie von »ungeklärten Fragen«. Derweil werden die Leute von »Break the Silence« weiter vom Staat verfolgt – als ob sie die Kriminellen seien und nicht die feigen Mörder von Dessau.

Das Mindeste, was in dieser Situation zu tun ist, sind angemessene Spenden für »Break the Silence«, findet

die redaktion

Break the silence. Initiative in Gedenken an Oury Jalloh e.V., Bank für Sozialwirtschaft, Konto 1233 600, BLZ 100 205 00

http://initiativeouryjalloh.wordpress.com

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