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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 343 | Fotografie und Macht Editorial zum Themenschwerpunkt

Editorial zum Themenschwerpunkt

Am Auslöser

Eine Zeitschrift verbreitet Inhalte – in Wort und Bild. Zum Beispiel die iz3w. Viel Aufmerksamkeit erfordern dabei die Texte. Wörter, Begriffe, Grammatik, die Sprachwahl, die Dramaturgie; sie erzeugen Gehalt und Aussage des Textes. Wissen und Inhalt werden im Geschriebenen in einer gewissen Linearität vermittelt. Dagegen hat ein Foto eine schicksalhafte Unmittelbarkeit: Oft langweilt oder berührt es auf den ersten Blick. Es entzieht sich dem Linearen.

Wenngleich nichts dagegen spricht, ein Bild lange zu betrachten, Nuancen zu entdecken, Ästhetik zu entziffern, Hinter- und Vordergründiges zu trennen und einen ersten Eindruck vielleicht auch zu revidieren, so kann kaum bezweifelt werden: Einem Foto ist das Potenzial inne, unmittelbar Wirkung zu erzielen, und damit entfaltet es Macht.

Wir fragen – als nord-süd-politische Zeitschrift – wie Macht und Fotografie zusammenhängen. Wie gestaltet sich die Beziehung der Akteure vor und hinter der Linse? Wie verändert die Rahmung einer Fotografie seine Wirkung? Wann wird mit Fotografie Macht ausgeübt, wann können Fotos sie in Frage stellen oder gar brechen?

Die Geschichte der Fotografie ist eng mit der Geschichte des Kolonialismus verbunden – und somit auch mit dem Schaffen von Wissen (über uns und die anderen). Insbesondere auch deshalb, weil sie zur Zeit ihrer Entstehung als Dokument der Wirklichkeit und Abbild des Realen ernstgenommen wurde.

Doch schon Möglichkeiten der Retusche und digitalen Bildbearbeitung legen nahe, dass ein Foto nie die eine Wirklichkeit dokumentiert. Es zeigt die Perspektive der FotografIn. Das Objektiv garantiert keine Objektivität. Je nach Winkel, Zoom oder Fokus und der Lage der (Un-)Schärfe wird Vorhandenes ins Licht gestellt und damit anderes ausgeblendet. Die Wahl dessen, was abgelichtet und als fotografische Reproduktion in Umlauf gebracht wird, ist immer auch ein Verwerfen anderer Momente oder Ausschnitte, die es stattdessen hätten sein können.

Der Moment des Auslösens entrückt eine Person oder den Gegenstand dem Prozess der Veränderung. Er friert etwas ein, das es ohne das Vorher und Nachher nicht gibt, und doch gewinnt die Momentaufnahme an Präsenz und Bedeutung gegenüber diesem Vorher und Nachher. Oder, wie Helmut Lethen schreibt: »Die Fotografie reißt in ihrem Schweigen den Gegenstand aus dem dröhnenden Kontext der realen Welt.«

Während vor über hundert Jahren die »Abgelichteten« vor der Kamera still sitzen mussten, während damals Produktion und Verbreitung der Fotografien eine vergleichsweise langsame Angelegenheit war und damit vielleicht eine eher wählerische, ist die Welt der digitalen Abbildung eine eher flüchtige geworden: Fast gleichzeitig mit dem Auslösen steht der Abzug bereit, zunehmend verliert sich die Kontrolle über die Vervielfältigung der Momentaufnahmen, über den Rahmen der Wiedergabe (S.22).

Im Kontext einer nord-süd-politisch relevanten Information interessiert besonders die Frage der Repräsentation, der Klischeebildung, der Ermächtigung. Ein Foto kann empathisch aufmerksam machen oder zur Schau stellen, aber auch Nähe erzeugen, berühren. Nicht immer folgt auf eine gute Absicht eine gute Praxis. Entwürdigende Fotografie ist, wenn Menschen stilisiert oder als Platzhalter eingesetzt werden. Das kommt in der Fair-Trade-Werbung vor (S.25). Oder wenn sie – wie häufig in der Spendenwerbefotografie von Hilfswerken – viktimisiert werden.

Das Foto einer Person kann etwas sehr Privates weltweit und öffentlich kundtun. So zum Beispiel das Foto eines Mädchens ohne Kleider, das – mit Entsetzen im Gesicht – vor dem Napalmangriff südvietnamesischer Flieger weg- und einem Pressefotografen entgegenläuft. Und damit den Augen von Millionen BetrachterInnen in der westlichen Welt, nachdem das Bild mit der Vergabe des World Press Photo Awards 1972 schließlich zum Symbol für die Grausamkeit des Vietnamkrieges wurde.

Ein Foto kann Gewalt sichtbar machen. So vermag ein Bild von Gefangenen die Willkür ihrer Peiniger ausdrücken. Der Blick in eine Fabrikhalle mit einem Nähmaschinenpark kann den vernichtenden Charakter eines Systems darstellen. Ein Foto kann vom unmenschlichen Grauen erzählen. Oder es kann Verstoßene rehabilitieren; etwa wenn Personen ihre Versehrungen zeigen (S.17) und dabei Momente des Vertrauens und des Glücks zum Ausdruck bringen.

Ein Foto kann Zuversicht schaffen. Der abgelichtete Moment eines Handschlages – wie zwischen Nelson Mandela und F.W. De Klerk – hat ein Zeitalter der Hoffnung auf das Ende der Apartheid eingeläutet. Ein Foto kann ermächtigen. Die Porträts von Trans-Personen der Aktivistin Zanele Muholi sind wie eine Ausstellung der Existenz des Schönen, der Liebe und des Menschseins gegen eine homophobe Stimmung (S.30). Die Kraft eines Fotos im emanzipatorischen Sinn – liegt oft in der Irritation. Ein kleiner Zweifel, ein kurzer Knacks im herrschenden Diskurs. Fotografie kann – das klingt schlicht – Sichtbarkeit schaffen. Die Fotos der Gruppe Lampedusa in Hamburg Professions (S.31), erinnern daran, dass hierzulande viele Menschen eine Vorliebe dafür hegen, sich über ihren Beruf in Wert zu setzten, anderen diese Repräsentation aber gerne aberkennen.

Fotografie verhandelt gesellschaftliche Ideen, das zeigt die fotografische Praxis des 2014 verstorbenen nigerianischen Fotografen Okhai Ojeikere (S.36). Die Bedeutung eines Fotos ist allerdings nicht im Foto selbst festgelegt. Denn der Inhalt eines Fotos ist kaum ohne Diskurs lesbar. Das Betrachten und Deuten bleibt ein eigensinniger Akt der LeserInnen (S.38), oft jenseits der Absicht der FotografIn (was übrigens für das geschriebene Wort ebenso gilt wie für das Bild).

die redaktion

 

PS:

Ergänzend zum Thema Fotografie zeigen wir auf iz3w.org kleine Fotogalerien und danken dafür dem Büro MAGENTA. Für den Farbdruck danken wir der Druckerei schwarz auf weiss.

343 | Fotografie und Macht
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