Direkt zum Inhalt | Direkt zur Navigation

Benutzerspezifische Werkzeuge
Kontakt Spenden Abo Newsletter
Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 343 | Fotografie und Macht Urs Lindner: Marx und die Philosophie

Urs Lindner: Marx und die Philosophie

Wissenschaftlicher Realismus, ethischer Perfektionismus und kritische Sozialtheorie. Schmetterling Verlag, Stuttgart 2013. 424 Seiten, 29,80 Euro.

Marx’ Welterbe

Karl Marx’ »Kommunistisches Manifest« von 1848 und der erste, knapp zwanzig Jahre später erschienene Band von »Das Kapital« sind im vergangenen Jahr in das UNESCO-Welterbe aufgenommen worden. Es handelt sich um zwei Texte, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Folgt man Urs Lindners Buch Marx und die Philosophie, entstand der erste der beiden in einer abgrenzbaren Werkphase des »historischen Materialismus«, die in fataler Weise oftmals als Kern des Marxschen Denkens betrachtet werde. Lindner zeigt, dass die hinter diesem Begriff stehenden Annahmen schonungslos zu kritisieren sind, zumal, wenn man sich für Probleme internationaler Herrschaft interessiert. So führe Marx’ Produktivkraftfetischismus und sein Basis-Überbau-Schema in einen theoretischen und politischen Abgrund, zu einer gigantischen »Legitimationstheorie, die mit aller bisherigen Klassenherrschaft auch die koloniale Expansion (...) rechtfertigt«. An dieser Lesart des Kolonialismus, den Marx in den 1850er Jahren – basierend auf orientalistischen Quellen, einer noch unzureichenden Auffassung globaler Dominanzverhältnisse und einer Verabsolutierung des westlichen Entwicklungsweges – als Produktivkraftentwicklungsmotor wider Willen bewertete, hat ein Großteil der postkolonialen Diskussion zu Recht Anstoß genommen.

»Das Kapital« bietet für Lindner dagegen ein sozialwissenschaftlich äußerst reflektiertes Vorgehen, das ein tragfähiges Modell von Gesellschaftskritik und eine oft zu wenig berücksichtigte Konzeption des ‚guten Lebens’ beinhalte. An der Marxschen Ökonomiekritik dockt der Autor daher seinen Versuch an, Marx’ »Überlegungen zu einer realistischen Sozialphilosophie jenseits ihrer geschichtsphilosophischen Tendenzen zu aktualisieren«. Dafür werden die drei im Untertitel als »wissenschaftlicher Realismus, ethischer Perfektionismus und kritische Sozialtheorie« gefassten Perspektiven eingenommen. Diese breiten intellektuellen Bezüge machen neben der systematischen Auseinandersetzung nicht nur die Faszination, sondern auch die Innovation des Buches aus. Die meisten deutschen Auseinandersetzungen mit Marx könnten sich von Lindners konsequenter Berücksichtigung internationaler Debattenbeiträge – auch solcher aus dem globalen Süden – eine Scheibe abschneiden.

Neben dem Frühwerk, für dessen Diskussion Lindners Auseinandersetzung mit dem Junghegelianismus und sein Entwurf eines an die »Feuerbachthesen« und die »Deutsche Ideologie« angelehnten Theorieprogramms einige Innovationen zu bieten haben, stellt die Analyse des zur Kritik der politischen Ökonomie führenden »Übergangs zur Sozialwissenschaft« einen wichtigen Teil des Buches dar. Mit dem »18. Brumaire« und den »Grundrissen« arbeite sich Marx aus dem historischen Materialismus heraus. Im »Kapital« werden schließlich »vier Grundmechanismen der kapitalistischen Produktionsweise« identifiziert (Austauschprozess, Mehrwertproduktion, Steigerung der Mehrwertrate sowie Akkumulationsprozess) und diesen vier »dichte ethische Begriffe« zugeordnet: Fetischismus, Ausbeutung, Despotismus und Verelendung.

Das letzte Kapitel diskutiert soziale Transformation als großes Thema des Marxschen Spätwerkes. In diesen Zusammenhang fällt auch eine neuerliche Auseinandersetzung mit den historischen Spezifika der europäischen Peripherie. Für Lindner zahlt sich nun die sozialwissenschaftliche Differenziertheit, die Marx in der Zwischenzeit gewonnen habe, aus. So zeigten seine Arbeiten zu Russland, dass er Eurozentrismus vollständig und Geschichtsphilosophie grundsätzlich überwunden habe. Und die Auseinandersetzung mit der Pariser Kommune lasse staatskritische und radikaldemokratische Überlegungen durchblicken, die sich selbst im Kontext neuerer Debatten über die Unterscheidung zwischen der Politik (als institutionalisierte Machtverhältnisse) und dem Politischen (als Streit über gesellschaftliche Belange) behaupten könnten. Auch der späte Marx verabschiede sich nicht von politischen Fragen, sondern fasse einen konflikthaften Gestaltungsmodus, der auch in einer nicht mehr kapitalistischen Gesellschaft noch existiere – anders als Herrschaft, die »eine Form des Sozialen« sei, »die das gute Leben unnötigerweise beschränkt«.

Lindners Buch ist eine hervorragende Aktualisierung des Marxschen Welterbes für Sozialphilosophie, Herrschaftskritik und Kosmopolitismus gleichermaßen.

Kolja Lindner

343 | Fotografie und Macht
Cover Vergrößern