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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 343 | Fotografie und Macht Christopher Mlalazi: Wegrennen mit Mutter

Christopher Mlalazi: Wegrennen mit Mutter

Verlag, Berlin 2013. 208 Seiten, 16,90 Euro.

Massaker in Matabeleland

Die politische Dauerkrise in Simbabwe sorgt in hiesigen Medien kaum für Schlagzeilen. Die Bedrohung all jener Menschen in Simbabwe, denen staatliche Sicherheitskräfte regierungsfeindliches Handeln unterstellen, gerät so in Vergessenheit. Und das um so mehr, seitdem die EU ihre Sanktionen gegen das Gewaltregime von Präsident Robert Mugabe gelockert hat.

Verzerrte Wahrnehmungen hiesiger BeobachterInnen haben eine lange Geschichte: Sie beginnt mit der Idealisierung des erfolgreichen antikolonialen Unabhängigkeitskriegs in den 1970er Jahren und der Ignoranz gegenüber den Massakern im Matabeleland, denen Anfang der 1980er Jahre über 20.000 Menschen zum Opfer fielen. Viele deutsche UnterstützerInnen der früheren BefreiungskämpferInnen wollten damals nicht wahrhaben, welche Verbrechen ihr Held Mugabe anordnete und mit Unterstützung nordkoreanischer Militärausbilder durchführen ließ. Die Ndebele-Bevölkerung im Südwesten des Landes war unter Generalverdacht gestellt worden, Dissidenten zu unterstützen, die einen Sturz Mugabes beabsichtigten. Rhodesische und südafrikanische Geheimdienstagenten hatten aus Eigeninteresse solche Zerrbilder verbreitet.

Nun lädt der ins Deutsche übersetzte Roman Wegrennen mit Mutter von Christopher Mlalazi zur Reflexion im Nachhinein ein. Er ermöglicht jenen LeserInnen eine Auseinandersetzung, die sich nicht auf das Niveau einiger neu erschienener Simbabwe-Bücher herablassen wollen, deren ignoranter Helikopterjournalismus und Verharmlosung der strukturellen Gewalt in der entwicklungspolitischen Szene wieder Einzug hält.

Demgegenüber bietet der Roman Mlalazis eine ganz leise Annäherung an die Geschichte der geschundenen Menschen im Matabeleland. Mlalazi, der bisher Kurzgeschichten und Theaterstücke geschrieben hat, hat selbst in Bulawayo, einer größeren Stadt in der Region, gelebt und am dortigen Amakhosi-Theater mit SchülerInnen gearbeitet. Seine Kenntnis der Sichtweise von Jugendlichen durchzieht die Erzählung aus der Perspektive eines 14-jährigen Mädchens  Anfang der 1980er Jahre. Rudo und ihre Freundinnen werden auf dem Schulweg von Soldaten angehalten. Während ihre Mitschülerinnen vergewaltigt werden, da sie Ndebele sprechen, gelingt es Rudo zu fliehen. Ihre Mutter ist Shona und gehört damit der gleichen Bevölkerungsgruppe wie der neue Präsident an; die Zweisprachigkeit ist ihre Rettung. Mlalazi vermeidet jeglichen Gewaltvoyeurismus, seine symbolreiche Bildsprache arbeitet mit Andeutungen, die umso stärker die verzweifelte Stimmung beschreiben. Gleichzeitig konfrontiert er die LeserInnen mit den Irritationen und Ängsten der Protagonistin.

Die Art und Weise, die Geschichte der Matabeleland-Massaker aus der Sicht eines Mädchens und dessen Mutter auf der Flucht zu schildern, lässt die LeserInnen teilhaben am Unverständnis der lokalen Bevölkerung über ihre eigene Regierung, die ihre Dörfer verwüsten und Menschen erniedrigen lässt. Dabei herrschte zur damaligen Zeit im gesamten Land euphorische Aufbruchstimmung über die Unabhängigkeit und großes Vertrauen in die neuen Machthaber.

In Mlalazis Buch zwingen Soldaten Familienväter, ihre eigenen Häuser und Speicher niederzubrennen. Mlalazi lässt das seine Protagonistin Rudo beobachten, wobei er den verantwortlichen Kommandanten nicht als brachialen Schläger, sondern als zynischen Intellektuellen präsentiert. So deutet er an, dass auch solche Personengruppen die Massengewalt diktatorischer Regime ermöglichen. Von diesem Kommandanten ist Rudos weiteres Schicksal abhängig, wobei die Geschichte ein offenes Ende hat. Mlalazi schafft eine Hommage an die Mädchen und Frauen, deren Menschlichkeit und Würde über jeden Militärchef erhaben ist.

Rita Schäfer

343 | Fotografie und Macht
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