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Flucht: Ohne Aussicht auf ein Ende

von Vera Jeschke

Der Krieg in Syrien überfordert die Nachbarländer immer stärker

Der blutige Konflikt in Syrien hat die größte humanitäre Katastrophe der vergangenen zehn Jahre verursacht: Etwa neun Millionen Menschen sind auf der Flucht, mehr als 160.000 Menschen sind bisher ums Leben gekommen. Hunderttausende sind verletzt, verstümmelt, traumatisiert, heimatlos. All das wirkt auch auf die soziale Realität in den Nachbarländern Jordanien und Libanon.

Das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) hat bis dato rund 2,77 Millionen Flüchtlinge aus Syrien in den Nachbarländern registriert, täglich werden es mehr. Der Libanon hat mit 1,09 Millionen Flüchtlingen die meisten Menschen aufgenommen, gefolgt von der Türkei mit rund 770.000, Jordanien mit knapp 600.000 und dem Irak mit 225.000 Personen.

Die meisten dieser geflüchteten Personen leben außerhalb der bekannten, offiziellen Lager, in gemietetem Wohnraum, Garagen, Baracken, Bauruinen, in Sammelunterkünften, Moscheen, kirchlichen Einrichtungen, in informellen Zeltlagern auf gepachtetem Grund ohne jegliche Infrastruktur oder gar auf der Straße. Die Wohlhabenden unter ihnen sind längst in westliche Drittstaaten weitergezogen. Die überwältigende Mehrheit derer, die zurückbleiben, verfügt jedoch über keinerlei Rücklagen mehr. Im Libanon sollen die durchschnittlichen Lebenshaltungskosten für eine Flüchtlingsfamilie bei etwa 775 Dollar pro Monat liegen. Sie sind daher auf Hilfsorganisationen oder Philanthropen angewiesen, versuchen, sich auf einem vor dem Überangebot an billigen Arbeitskräften zusammengebrochenen Arbeitsmarkt wenigstens als TagelöhnerInnen zu verdingen, nehmen jeden noch so würdelosen Job an, verkaufen ihre Kinder oder ihren Körper. Mädchen werden früh verheiratet, nur um eine Esserin weniger durchfüttern zu müssen; schon die kleinen Kinder betteln, verkaufen Taschentücher an Passanten oder wischen Autoscheiben in den von Abgasen verpesteten endlosen Staus zur Rush Hour in Beirut.

Überlastete Schulsysteme

Nur ein kleiner Teil der Flüchtlingskinder in den Nachbarländern Syriens hat das Glück, eine Schule zu besuchen. Das öffentliche Bildungssystem im Libanon und in Jordanien ist doppelt belastet: Vormittags werden die einheimischen Kinder unterrichtet, in Nachmittagsschichten soll es regulären Unterricht für hunderttausende syrische Kinder und Jugendliche anbieten, dazu Nachhilfekurse für diejenigen, die kriegsbedingt noch nie eine Schule besucht oder Jahre ihrer Schulbildung versäumt haben. Gleichzeitig fallen immer mehr einheimische Familien durch steigende Preise, hohe Inflation, sinkende Löhne und die Verdrängung aus dem ersten Arbeitsmarkt in Armut. In manchen Arbeitsbereichen im Libanon sind die Löhne für einfache Tätigkeiten seit Beginn der Syrienkrise um 30 bis 50 Prozent gesunken. Folglich können es sich viele nicht mehr leisten, ihre Kinder in die privaten und halbstaatlichen kostenpflichtigen Bildungseinrichtungen zu schicken, die in den arabischen Ländern die Voraussetzung für eine gute Ausbildung und gesellschaftlichen Aufstieg sind. Auch sie drängen also ins öffentliche Schulsystem.

Ähnlich ist es um das Gesundheitswesen bestellt: Die staatlichen Systeme sind in vielen Bereichen nicht mehr in der Lage, die Grundversorgung sicherzustellen. Selbst einfache Behandlungen und Routineeingriffe wie Kaiserschnitte oder eine regelmäßige Dialyse sind nur bei kostspieligen privaten Einrichtungen zu erhalten. Medikamente, Verbandsmaterial, Prothesen, Gehhilfen und Rollstühle werden zum Luxus. Auch wenn der UNHCR im Libanon entlang definierter Kriterien anteilige Behandlungskosten für syrische Flüchtlinge übernimmt, bleiben doch die meisten Hilfebedürftigen auf ihren Kosten sitzen. Oder sie können sich eine Therapie eben nicht leisten. Viele inkontinente und pflegebedürftige Menschen leben unter katastrophalen hygienischen Bedingungen, schon harmlose Erkrankungen können zum Tod führen.

Die internationalen Hilfswerke tun viel, um das Leid zu lindern und haben im vergangenen Jahr dazu beigetragen, dass Zehntausende syrische Flüchtlinge Schutz und Aufnahme fanden, mit Wasser, Nahrung, Haushaltsutensilien und Hygieneartikeln versorgt wurden und Zugang zu medizinischer und therapeutischer Behandlung erhielten. Dennoch klafft eine gigantische Lücke zwischen der unvorstellbar hohen Zahl an Hilfebedürftigen und den geleisteten Hilfen.

Unsicherheit bleibt

Im Libanon stammt bereits mindestens jeder vierte Mensch aus Syrien, in absehbarer Zeit wird es jeder Dritte sein. Zur einen Million dort offiziell registrierter Flüchtlinge kommen saisonale ArbeitsmigrantInnen hinzu, die bereits in der Vergangenheit in Landwirtschaft, Bauwesen und Tourismus tätig waren und das erwirtschaftete Geld nach Syrien schickten. Sie haben mehrheitlich ihre Familien nachgeholt, können den im Vergleich zu Syrien hohen Lebenshaltungskosten im Libanon und den wegbrechenden Einkünften jedoch nicht standhalten und gleiten in die Armut ab.

Andere Gruppen wie die sogenannten »afraid minorities« lehnen eine offizielle Registrierung beim UNHCR ab. Im Gegensatz zu vielen anderen arabischen Ländern konnten beispielsweise ChristInnen in Syrien ihre Religion in relativer Freiheit ausüben, gesellschaftlich, wirtschaftlich und politisch aufsteigen und höchste Positionen bekleiden. Viele von ihnen gehörten zur Mittelschicht und verfügten über eine überdurchschnittliche Bildung. Das Regime des Assad-Clans gewährte ihnen Stabilität und Sicherheit, sie im Gegenzug öffentliche Regimetreue. Als Flüchtlinge in den Nachbarländern befürchten sie nun, als Kollaborateure, Profiteure oder wenigstens als Steigbügelhalter des Assad-Regimes zu gelten und von AnhängerInnen der Opposition angegriffen zu werden. Wieder andere lassen sich nicht registrieren, da sie als Oppositionelle den langen Arm des syrischen Geheimdienstes fürchten, Angehörige schützen wollen, die nach wie vor in Syrien ausharren oder selbst zurückkehren wollen, sobald sich die Lage beruhigt.

In Jordanien erscheint die Lage weniger prekär: Das Zahlenverhältnis zwischen der einheimischen Bevölkerung und den syrischen Flüchtlingen ist nicht ganz so eklatant wie im Libanon. Jordanien erfreut sich einer relativ guten Infrastruktur, eines im Großen und Ganzen funktionierenden Staatswesens mit Bildungs- und Gesundheitseinrichtungen, guten Straßen, modernen Supermärkten und hippen Cafés. Selbst IKEA hat dort mittlerweile eine erste Filiale eröffnet.

Die relative Ordnung und Sicherheit fordert jedoch ihren Preis: Militär, Polizei und Geheimdienste überwachen den Staat und seine BewohnerInnen. Kontinuität wird durch das haschemitische Königshaus, nicht durch die jederzeit austauschbaren Regierungen gewährleistet. Und: Jordanien ist eines der wasserärmsten Länder der Welt, die Bevölkerung siedelt vor allem im fruchtbaren Jordantal, im Großraum Amman und den nördlichen, da wasserreicheren Landesteilen. Etwa die Hälfte der Bevölkerung bestand vor Ausbruch der Syrienkrise aus palästinensischen Flüchtlingen. Nach wie vor halten sich auch Hunderttausende IrakerInnen in Jordanien auf. Im Grenzgebiet zu Syrien und dem Irak treibt seit einiger Zeit die ISIS – Islamischer Staat im Irak und in der Levante – ihr Unwesen, eine als extremistisch-terroristisch einzustufende Organisation, die ein islamisches Kalifat errichten will, das die Länder des so genannten »Fruchtbaren Halbmondes« vom Irak über Syrien, den Libanon, Jordanien und wohl auch Israel und Palästina umfassen soll. Seine Kämpfer rekrutiert ISIS primär in den Regionen, die sie dominiert, nimmt aber auch »Legionäre« aus allen möglichen Ländern auf. Die Grenzen zwischen Jordanien, Syrien und dem Irak verlaufen über Hunderte von Kilometern durch unbewohntes, nicht zu kontrollierendes Gebiet. Auch dies bedroht die Stabilität von Jordanien.

Ohne angemessene Worte

Im Libanon und in Jordanien, den beiden Ländern, die den schnellsten Zuwachs an Geflüchteten zu verzeichnen haben, mehren sich die Stimmen, die eine Rückkehr der SyrerInnen in sichere Gebiete in ihrem Heimatland fordern. Die gastgebenden Länder verausgaben sich: Subventionierte Leistungen wie Grundnahrungsmittel, Treibstoff, Strom, Wasser und die wenn auch unzureichende Versorgung mit Bildungs- und Basisgesundheitseinrichtungen treiben die Staatsverschuldung in die Höhe. Die Infrastruktur leidet in einer Weltregion, wo die adäquate Versorgung mit Waren und Dienstleistungen ohnehin eine Frage des Geldbeutels ist. Gelder für Investitionen fehlen, seit Jahren schon herrscht Wirtschaftsflaute in der Region. Die Umwelt wird schwer belastet und verschmutzt: Abwässer aus prekären und informellen Siedlungen versickern ungeklärt in der Landschaft, der Müll türmt sich am Straßenrand.

Dennoch: Enorm sind die Geduld, die im Libanon und in Jordanien bislang im Umgang mit den syrischen Flüchtlingen aufgebracht wurde, die Gastfreundschaft und Freigebigkeit, mit der viele, die selbst nur wenig haben, ihr Haus und ihre Familien öffnen. Manchmal nehmen sie Verwandte auf oder Bekannte, manchmal aber auch fremde Großfamilien, die sich mit einer ungewissen Zukunft vielleicht auf Jahre bei ihnen niederlassen. Die Miete wird über Monate gestundet, in der Gewissheit, dass wahrscheinlich nur ein kleiner Teil jemals beglichen werden wird.

Für die humanitäre Situation innerhalb von Syrien selbst gibt es kaum noch angemessene Worte: Jeder Zweite ist zum Überleben auf humanitäre Hilfe angewiesen, die viele Regionen jedoch nicht erreichen kann. 6,5 Millionen Menschen gelten als Binnenvertriebene. Viele von ihnen haben bereits mehrfach ihren Aufenthaltsort gewechselt – weil die eigene Bleibe zerstört oder unbewohnbar wurde, weil die Front näher kam, kein Wasser, kein Strom, kein Heizmaterial im Winter mehr vorhanden waren, weil die Versorgung mit Grundnahrungsmitteln zusammengebrochen war, weil Gruppierungen die Vorherrschaft in einer Region übernommen haben, die der eigenen Identität keinen Raum lassen. Die großen Zahlen lenken ab vom Einzelschicksal.

Wer es noch erträgt, kann sich rund um die Uhr mit unmenschlichen Nachrichten von Verstümmelung, Folter, Grausamkeit, Hinrichtungen, Vergewaltigung, Hunger, Krankheit und Tod in Syrien konfrontieren. In vielen Flüchtlingshaushalten flimmern unablässig Berichte aus Syrien über überdimensionierte Bildschirme. Als ob der Krieg seine Opfer auch dann nicht entlässt, wenn sie ihm entronnen scheinen.

 

Vera Jeschke ist Islamwissenschaftlerin und arbeitet als Referentin bei Caritas international.

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